Berlin - Wir haben verlernt, andere Meinungen zuzulassen, zuzuhören, abzuwägen. Wir, das schließt an dieser Stelle alle ein, die sich an Debatten beteiligen wie in der Corona-Pandemie, derzeit etwa zur generellen Impfempfehlung für Kinder ab zwölf Jahren. Die ständige Impfkommission wird von einzelnen Politikern massiv unter Druck gesetzt, obwohl sie ihre abwartende Haltung schlüssig begründet, frei ist von unlauteren Absichten, auf medizinisches Wissen gestützt argumentiert. Doch darum geht es längst nicht mehr.

Wir selbst sind zu Experten geworden, Fachleute darin, die Welt einem Schachbrett gleich schwarz und weiß zu kartografieren. Wir sind Routiniers der verkürzten Debatten. Es kümmert uns nicht, wo eine Auseinandersetzung ihren Ursprung nahm. Wir fragen nicht nach Motiven. Liegt im Kinderimpfen wirklich das Kernproblem, das dringend anzugehen ist? Warum blicken wir stattdessen nicht auf die Gruppe der 18- bis 59-Jährigen, wie es die Ständige Impfkommission macht, weil sie dort ein viel größeres Risiko für die Ausbreitung des Virus sieht? Reicht vielleicht für Schulkinder derweil der flächendeckende Einsatz von Luftfiltern in Klassenräumen?

Die Debatte um Kinderimpfungen erinnert an Ablenkungsmanöver, die im politischen Diskurs immer wieder zu beobachten sind. An das sprichwörtliche Stöckchen, über das wir automatisch springen, wird es uns hingehalten. Vor lauter Hopserei verfehlen wir jenes Ziel, das allen und nicht nur wenigen zugutekommt. Es gab vor einiger Zeit einen Werbespot für Fertigsuppen, einen Trickfilm, in dem winzige Steinzeitmenschen einem vermeintlich riesigen Plastiktopf hinterherrennen. Sinnfrei bezogen auf das Produkt, sinnbildlich für die heutige Debattenkultur. Am Ende betritt ein Mammut die Szenerie und stampft die Minimenschen platt.

Lasst uns aufhören zu rennen. Lasst uns zuhören und abwägen – bevor uns ein Mammut namens Corona überrascht.