In der Schwangerenambulanz im Krankenhaus fehlen über Nacht alle Desinfektionsmittel aus den Vorratsschränken.
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BerlinHändewaschen ist wieder in Mode gekommen. Es wird nicht mehr wild in der Gegend herumgeniest. Homeoffice und der Vorteil der digitalen Vernetzung sind auch im letzten Büro angekommen. Eine Krankschreibung ohne Arztbesuch war hier in Deutschland kaum vorstellbar, und auf einmal ist es möglich. Die Videosprechstunde oder die digitale Kommunikation mit einem Arzt sind angekommen. Das Beste ist: Endlich darf jeder, der eine Erkältung hat, diese auch ohne die Suggestion des schlechten Gewissens, in Ruhe zu Hause auskurieren.

Ein Gespenst geht um in Europa. Das Gespenst ist ein Virus, das unserer Gesellschaft die Maske herunterreißt. Es sieht nicht gut aus, was zum Vorschein kommt. Die Panikmache der Presse, der die Toten der Meere oder die Menschen, die in Lagern zusammengepfercht unter unmenschlichen Bedingungen leben müssen, kaum mehr eine Schlagzeile wert sind. Die Talkshows, in denen Ärzte, die gern ein bisschen in der Öffentlichkeit stehen wollen, im Fach Epidemiologie aber sicher nicht mit Fachwissen glänzen, Angst und Sorge verbreiten. Besonnenheit und Ruhe in der Aufklärung sind leider eine Seltenheit.

Lustige Comics zum Virus erheitern das Netz. In einem kurzen und gestellten Video, in welchem eine Frau, nachdem sie an der Bushaltestelle niest, eiskalt abgeknallt wird, geht viral. Der Hamster wird zum Wortwitz. Witzig ist das nicht.

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In der Schwangerenambulanz im Krankenhaus fehlen über Nacht alle Desinfektionsmittel aus den Vorratsschränken. In den Gängen hat jemand die Desinfektionsständer einfach abgebaut. Die Atemschutzmasken werden jetzt im Giftschrank verschlossen. Aldi bietet gleich fertig gepackte Hamsterkaufkörbe in verschiedenen Preiskategorien an. Desinfektionsmittel sind nur noch zum doppelten Preis zu haben. Meine türkische Nachbarin erklärt mir ausführlich im Fahrstuhl, warum sie so viele Tüten voller Lebensmittel hat, die ihre vier Kinder ihr tragen helfen. Eine Freundin, die in den USA ihre Familie besucht und natürlich die zu erwartende Erkältung aus dem Flugzeug mitbringt, wird in einer fremden Wohnung kaserniert. Das Essen wird ihr vor die Tür gestellt.

Die WHO ruft den Gesundheitsnotstand aus. Notstand ist ein beängstigendes Wort. Ein kurzer Blick auf die Website der Organisation genügt, um zu erklären, warum dieser Schritt vorsorglich und wichtig ist. Die Maßnahme sagt noch nichts über die Gefährlichkeit des Virus aus. Hier geht es um einfachere und grenzübergreifende Zusammenarbeit. Vor allem geht es um den Schutz der Länder, die kaum ein flächendeckendes Gesundheitssystem haben. Malaria, Cholera, Masern und HIV sind nur ein paar der Krankheiten, gegen die dort nicht erst seit drei Wochen gekämpft wird.

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Corona kann aber auch unser Gesundheitssystem ins Wanken bringen. Die Sorge ist nicht ein massenhaftes Sterben, sondern eine Überlastung der Krankenhäuser, die schon im normalen Ablauf mit dem bekannten Pflegenotstand im alltäglichen Ablauf konfrontiert sind. Zusätzlich massenweise Corona-Patienten würde das System nicht verkraften. Das sowieso überlastete und überarbeitete Personal müsste mit den eh knappen Ressourcen zusätzliche Belastungen stemmen. Das System – mit seinen Krankenhäusern, die in harter Konkurrenz miteinander möglichst viel Umsatz erwirtschaften sollen – offenbart so seine ganzen Schwächen. Eine WhatsApp-Kettennachricht mit der Aufforderung, auf Balkonen Beifall zu klatschen für die Menschen, die im Krankenhaus arbeiten, hilft den Pflegern und Schwestern nicht, denn wenn die Krise vorbei ist, wird man sie wieder vergessen.

Die gute Nachricht ist: Dieses milliardenschwere, monetär ausgerichtete Gesundheitssystem, das vor allem von Menschen am Laufen gehalten wird, die unfassbar schlecht bezahlt werden, sollte die Krise letztlich meistern können. Vielleicht werden wir uns so zumindest wieder bewusst, dass wir hier miteinander auf dem sicheren Teil der Erdkugel leben dürfen.