Im  Brookyln Krankenhaus in New York wird ein Toter abtransportiert.
Foto:  Braulio Jatar

Beerdigungen in Massengräbern. Tote, die wegen übervoller Leichenhallen in Kühllastern aufbewahrt werden. Flaggen, die im ganzen Land auf halbmast wehen. Es sind solche Bilder aus den vergangenen Tagen und Wochen, die vor Augen führen, wie hart die Corona-Pandemie die USA getroffen hat. Für das Ausmaß der Katastrophe steht nun auch eine Zahl: 100.000. Am Mittwochabend (Ortszeit) überstieg die Zahl der Todesopfer nach einer Statistik der Johns-Hopkins-Universität diese einst für undenkbar gehaltene Marke. Die Pandemie hat sich zur größten Krise in der Amtszeit von Präsident Donald Trump ausgewachsen. Ausgestanden ist sie noch längst nicht.

Der „Kriegspräsident“ und das Eigenlob

In zwei Jahrzehnten Krieg in Vietnam kamen 58.220 Amerikaner ums Leben. In der Corona-Krise wurde diese Opferzahl in den USA bereits Ende April überstiegen, keine drei Monate nach dem ersten bekannten Todesfall. Noch Mitte April hatte Trump mit 60.000 bis 65.000 Toten durch das Virus gerechnet - nicht die einzige Vorhersage, mit der er falsch liegen sollte. Kritik lässt Trump - der sich zum „Kriegspräsidenten“ erklärt hat - dennoch nicht gelten. Im März gab er seinem Krisenmanagement zehn von zehn möglichen Punkten.

Trump sieht hohe Infektionszahlen als „Auszeichnung“

Die Johns-Hopkins-Universität hat rund 1,7 Millionen bestätigte Infektionen registriert, seit das Coronavirus sich in den USA verbreitet hat. Trump stellt diese Zahl zwar nicht in Frage, das Ausmaß der Pandemie in seinem Land relativiert er aber trotzdem: Die vielen nachgewiesenen Infektionen führt der Präsident auf die Zunahme der Tests zurück. „Wenn wir keine Tests machen würden, hätten wir nur sehr wenige Fälle“, argumentierte Trump kürzlich. Die hohe Zahl der bestätigten Infektionen nannte er „eine Auszeichnung“ - weil sie Ausweis der Qualität der amerikanischen Tests seien.

Vorwürfe gegen China

Auch bei der Vielzahl an Toten sieht Trump keine Verantwortung bei sich. Stattdessen führt er an, dass er durch seine Einreisestopps für Ausländer aus China und Europa womöglich Millionen Menschenleben gerettet habe. Trump macht China gleichzeitig zum Sündenbock: Er kritisiert, die Chinesen hätten die Ausbreitung des Virus nicht an dessen Quelle gestoppt und dadurch enormen Schaden angerichtet. „Es war entweder Dummheit, Inkompetenz oder es war absichtlich“, sagte der Präsident vor wenigen Tagen dem Sender Fox Business. Trump drohte China gar mit dem Abbruch der Beziehungen.

Trumps hin und her in der Krise

Der Präsident hat in der Krise verschiedene Phasen durchlebt. Zunächst versuchte er, die Gefahr durch das Virus kleinzureden, obwohl die Bedrohung angesichts der Lage in anderen Weltregionen längst offenkundig war. Vor rund zwei Monaten versicherte er noch per Twitter: „Das Coronavirus ist in den USA sehr gut unter Kontrolle.“ In einer Ansprache an die Nation verkündete Trump dann am 11. März: „Wir befinden uns in einer kritischen Phase im Kampf gegen das Virus.“ Keine zwei Wochen später stellte Trump dennoch eine Wiedereröffnung der US-Wirtschaft bis Ostern in Aussicht - was er angesichts der Ausbreitung des Virus wieder einkassierte.

Trump und seine Richtlinien

Seit gut einem Monat drängt Trump die Bundesstaaten nun wieder dazu, die Schutzmaßnahmen zu lockern - paradoxerweise auch in Fällen, bei denen das gegen die von ihm präsentierten Richtlinien verstoßen würde. Der Republikaner rief zur „Befreiung“ von drei Bundesstaaten auf, die von demokratischen Gouverneuren regiert werden. Bewaffnete Demonstranten, die Ende April ins Parlament in Michigans Hauptstadt Lansing eindrangen, nannte der Präsident „sehr gute Leute“. Ohnehin erweckt Trump nicht den Eindruck, als würde er hinter den Schutzmaßnahmen des Weißen Hauses stehen - so stellte er klar, dass er der Empfehlung, eine Atemmaske zu tragen, nicht folgen werde.

Ohne Kompass durch die Krise?

Spott handelte sich Trump ein, als er spekulierte, ob das Spritzen von Desinfektionsmittel in den Körper gegen das Virus helfen könnte. Nicht erst seit dieser Aussage werfen Kritiker dem Präsidenten vor, orientierungslos durch die Krise zu irrlichtern. Diese Krise scheint Trump nun unbedingt für beendet erklären zu wollen. Die Wahl am 3. November rückt näher, und ihm droht sein wichtigstes Wiederwahlargument abhanden zu kommen: Der Boom der US-Wirtschaft ist durch die Pandemie jäh beendet worden.

Mehr Schaden als Nutzen durch Schutzmaßnahmen?

Seit März haben fast 39 Millionen Menschen in den USA zumindest zeitweise ihren Job verloren - so viele wie nie zuvor in so kurzer Zeit. Der Präsident argumentiert zunehmend vehement, die Schutzmaßnahmen könnten mehr Schaden anrichten als verhindern. Er macht allerdings kein Geheimnis daraus, dass sein Kurs auch negative Konsequenzen haben wird. „Werden einige Menschen schwer betroffen sein? Ja“, sagte er dem Sender ABC Anfang des Monats. „Aber wir müssen unser Land öffnen, und wir müssen es bald öffnen.“

Die Warnung der Experten

Trump scheint nur noch wenig auf mahnende Stimmen von Experten wie seinem Berater Anthony Fauci zu geben. Der Immunologe warnte in der „New York Times“ im Fall einer vorzeitigen Öffnung vor der „Gefahr mehrfacher Ausbrüche“ im Land. „Das wird nicht nur unnötiges Leiden und Tod zur Folge haben, sondern würde uns tatsächlich auf unserer Suche nach einer Rückkehr zur Normalität zurückwerfen.“

Forscher des Instituts IHME der Universität Washington in Seattle rechnen damit, dass die Zahl der Toten in den USA bis Anfang August auf rund 132 000 steigen wird. Die Wissenschaftler des Imperial College in London warnten vergangene Woche, die Epidemie sei in den meisten US-Bundesstaaten noch nicht unter Kontrolle. Der Präsident hat bereits betont, dass es einen erneuten „Lockdown“ auch im Fall einer zweiten Infektionswelle mit ihm nicht geben soll - auch wenn darüber am Ende die Gouverneure der Bundesstaaten entscheiden.

G7-Gipfel im Weißen Haus?

Trump will der Welt nun zeigen, dass die USA wieder offen für Geschäfte sind und zur Normalität zurückkehren. Das Signal, das er sich wünscht: Dass der für kommenden Monat geplante G7-Gipfel der führenden Industrienationen nun doch in Washington tagt, statt wie geplant als Videoschalte abgehalten zu werden. Staats- und Regierungschefs auch aus Europa müssten dann ins Weiße Haus kommen - obwohl es noch kein Datum gibt, ab dem die Einreise in die USA für Europäer wieder erlaubt wäre. Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ bislang offen, ob sie einer Einladung Trumps folgen würde.