In diesem Sommer gibt es besonders viele Mücken.
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BerlinIn diesem Sommer wird Deutschland von mehr Mücken heimgesucht als in den vergangenen Jahren. Doreen Werner vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg bei Berlin bestätigt das. Nach zwei trockenen Sommern in Folge mit deutlich weniger Mücken sei der Wechsel von Feuchte und Wärme in diesem Jahr sehr mückenfreundlich, sagte die Biologin der Deutschen Presse-Agentur. 

„Die Belästigung ist regional aber sehr unterschiedlich.“ Wo starke Niederschläge die Pegelstände von Gewässern steigen ließen, spricht die Forscherin von einer Mückenplage. Beispiele seien etwa die Oder, aber auch der Starnberger See und der Ammersee in Bayern.

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In diesem Sommer haben laut Werner die sogenannten Überschwemmungsmücken Hochkonjunktur. In Überflutungsflächen etwa der Oder registrierte die Biologin pro Minute einen Anflug von mehr als 100 Überschwemmungsmücken zur Aufnahme einer Blutmahlzeit. Von einer Plage spreche man ab etwa 20 Mücken pro Minute. 

Überschwemmungsmücken seien sehr stechlustig, weil sie unter Entwicklungsdruck stünden. Laut der Wissenschaftlerin müssen sie in kürzester Zeit Blut saugen, ihre Eier entwickeln und dann ablegen, um über den Sommer möglichst viele Generationen zu ermöglichen.

Die Biologin nutzt das hohe Mückenaufkommen für ihre Forschung. So will sie vergleichend untersuchen, ob einheimische Mücken in gleichem Maße wie eingewanderte Mücken - etwa die Asiatische Tigermücke - Krankheitserreger übertragen.

Doreen Werner, Biologin vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) am Institut für Landnutzungssysteme AG Medizinische Entomologie, hat viele Mücken der Art Aedes vexans mit einem Kescher im Auwald gefangen. 
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Zu invasiven Mücken wie etwa der Tigermücke oder der Asiatischen Buschmücke, die in Deutschland relativ weit verbreitet ist, wisse man gut, welche Krankheitserreger sie übertragen könnten, sagt Helge Kampen vom Friedrich-Loeffler-Institut. Asiatische Tigermücken gelten als Überträger von tropischen Erregern wie Zika-, Chikungunya- und Dengue-Virus. „Solche Kenntnisse fehlen uns eigentlich noch weitgehend bei den einheimischen Mücken“, erläutert der Wissenschaftler. Das liege zum einen daran, dass das Thema bislang vernachlässigt worden sei. Zum anderen könnten viele einheimische Mücken nicht gezüchtet werden. Jetzt sei die Chance da, mit der Vielzahl an Überschwemmungsmücken im Labor Infektionsversuche durchzuführen.

Die Biologin Werner vergleicht zurzeit auch Flächen an Oder, Spree, Elbe, Weser und Rhein, um zu schauen, welche ökologischen Nischen von invasiven Arten besiedelt werden. Populationen der Asiatischen Tigermücke gibt es ihr zufolge bereits in den Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen und Hessen. Die Studie soll prüfen, ob die Tiere auch in andere Regionen wie etwa Berlin und Brandenburg einwandern.

Mittel gegen Mückenstiche: Fragen und Antworten

Wenn die Mücke gestochen hat, geht das Kratzen los. Hilft das? Kurzfristig schon. Warum man es trotzdem lieber sein lässt – und was laut Stand der Forschung hilfreicher ist.

Eine Mücke saugt Blut aus dem Arm eines Mannes.
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Warum juckt es wie verrückt?

Sie wollen nur ein bisschen Blut, die weiblichen Mücken. Um neue Eier bilden zu können. Der minimale Blutverlust, geschenkt. Wenn der Stich nur nicht so nervig jucken würde. Das liegt Experten zufolge daran, dass Mücken beim Stechen etwas Speichel abgeben, dessen Proteine in unserem Körper bestimmte Abwehrzellen aktivieren.

Diese Mastzellen setzen unter anderem den Botenstoff Histamin frei. Der wiederum dockt an Stellen im umliegenden Gewebe an – und reizt zudem die in der Haut liegenden Enden von Nervenfasern. Weitere Stoffe können beim Juckempfinden eine Rolle spielen. Was den Reiz aber im Einzelnen verursache, sei schwierig zu überprüfen, erklärt der Dermatologe Martin Metz von der Berliner Charité.

Wieso hat man das Bedürfnis, sich zu kratzen?

Die spontane Reaktion auf das Gejucke: kratzen. Das sei vom Körper gewollt, erläutert Metz. „Eigentlich soll durch das Kratzen ein möglicher Fremdkörper aus der Haut entfernt werden.“ Kratzen lindert tatsächlich – zumindest vorübergehend. Es verursacht Schmerz und damit einen Reiz, der wichtiger ist als der Juckreiz und deshalb schneller von Nervenfasern ans Gehirn weitergeleitet wird. „Der Schmerzreiz unterdrückt den Juckreiz“, so der Dermatologe.

Hört man aber auf zu kratzen, lässt der Schmerz nach – und das Jucken beginnt meist erneut. Also kratzt man wieder, mitunter bis es blutet. Dann können Bakterien in die Wunde gelangen und für eine Entzündung sorgen. Deshalb raten Experten, lieber mit der flachen Hand auf den Stich zu klatschen. Oder mit den Fingerkuppen zu reiben. Diese Reize wirken allerdings auch eher entzündungsfördernd als –hemmend.

Lässt sich der Juckreiz austricksen?

Ein Team der Universität Lübeck hat untersucht, ob man das Gehirn austricksen kann. Die Forscher ließen Menschen statt einer juckenden Stelle auf dem einen Arm die entsprechende Stelle auf dem anderen Arm kratzen – vor einem Spiegel. Das funktionierte. Denn wenn man vor dem Spiegel steht, hat das Gehirn einen Konflikt in der Wahrnehmung, den es auflösen muss. Deshalb projiziere es das Gefühl des Kratzens auf die juckende Stelle, die nicht gekratzt wurde, schrieb das Team 2013 im Fachblatt „PLOS One“.

Juckreiz-Linderung ohne weitere Verletzung der entzündeten Haut: Dafür erhielt das Lübecker Team 2016 den Ig-Nobelpreis. Damit werden an der US-Eliteuniversität Harvard jährlich wissenschaftliche Studien ausgezeichnet, die „erst zum Lachen und dann zum Denken anregen“.

Bei chronischen Krankheiten wie Neurodermitis sei das Spiegel-Kratzen sicher hilfreich, sagt Dermatologe Metz. „Ich bin allerdings nicht überzeugt, dass das auch bei einem Mückenstich richtig gut funktioniert.“ Das könne aber jeder selbst ausprobieren.

Welche Mittel gibt es gegen den Juckreiz?

Kühlen hilft. Auch hier macht man sich die Funktionsweise der Nerven zunutze: Kühlen aktiviert die Kälterezeptoren der Haut, und andere Signale, hier der Juckreiz, werden abgeschwächt.

Hitze kann ebenso helfen. Mit einem batteriebetriebenen Stift wird der Stich für wenige Sekunden auf etwa 50 Grad Celsius erwärmt. Man habe früher angenommen, die Inhaltsstoffe des Mückenspeichels würden so zerstört – doch das stimme wohl nicht, schreibt der Dermatologe Marcus Maurer von der Charité in einem Artikel der Europäischen Stiftung für Allergieforschung.

Bekannt sei aber, dass die Nerven in der Haut sensibel auf Überwärmung reagierten und die Reizweiterleitung abschalteten. So werde das Jucksignal nicht mehr übermittelt. Auch Salben oder Gels mit einem Antihistaminikum können demnach Juckreiz lindern. Sie mindern die Wirkung des Histamins.