Bodenwerder - In seinem früheren Leben war Michel vom Berch erst Polizist, dann Verwaltungsbeamter und später Unternehmer mit mehr als 100 Angestellten. Heute ist der 65-Jährige Druide, trägt langes weißes Haar und Bart. „Ich verstehe mich als Kräuter- und Pilzkundiger“, sagt der Mann aus Bodenwerder im Weserbergland. „Ich bin kein Apotheker und kein Heilpraktiker.“ Rund 30 Tinkturen, Elixiere und Tränke kann vom Berch mischen, verkauft sie aber nicht. Sein Zaubertrank zum Beispiel enthält unter anderem gehackte Walnüsse, Mistel, Beifuß und Johanniskraut – die Zubereitung in Glasballons dauert Wochen. In den Genuss kommen Familie, Freunde oder Teilnehmer der Wald-Erkundungen des Druiden, die zuletzt coronabedingt monatelang ausfallen mussten.

Im Moment streift Michel vom Berch meist allein durch den Vogler. Der Buchen-Mischwald beginnt nur wenige Meter hinter dem Holzhaus, in dem der Druide mit seiner Ehefrau und der ältesten Enkelin lebt. Vom Berch hat immer ein Gehörn dabei zum Ausgraben von Wurzeln, eine Botanisiertrommel, in der er Knospen, Zapfen oder Früchte sammelt, sowie eine kleine Sichel. „Die ist aber nicht golden wie bei Miraculix“, sagt er und lächelt. Der Medizinmann aus den Asterix-Comics ist der wohl berühmteste Druide. Bei den Kelten vor 1500 bis 2500 Jahren hatten die Gelehrten und Heiler eine wichtige Stellung innerhalb der Dorfgemeinschaft.

Vom Berch versteht sich als Druide der Neuzeit: „Ich habe kein weißes Ross, sondern einen SUV.“ Seine Bibliothek umfasst mehr als 900 Fachbücher, darunter antiquarische Lexika mit Rezepturen sowie eigene Aufzeichnungen. Über die Wirkweise von Pflanzen recherchiert er zudem im Internet. „Jahrhundertelang wurde Huflattich gegen Husten empfohlen, weil er den Schleim löst. Heute weiß man, dass er auch die Leber angreift. Deshalb nehme ich lieber Efeu.“

Foto: dpa/Julian Stratenschulte
Moderner Miraculix: Michel vom Berch setzt seine Elixiere an. 

Auch bei Facebook und Instagram ist vom Berch aktiv, auf YouTube gibt es Koch-Videos von ihm. In den nächsten Wochen will der Kräutermann Bärlauch und Giersch für Pesto sowie Tannenspitzen für Gelee sammeln. Die jungen Pflanzen wirkten wie eine Frühjahrskur, schwärmt er.

Bundesweit bietet der 65-Jährige Hochzeitszeremonien nach keltischem Brauch an: das sogenannte Handfasting. Wer seine Dienste – zum Beispiel als Trauerredner – in Anspruch nimmt, ist nicht unbedingt Kelten-, Mittelalter- oder Fantasy-Fan. „Es gibt viele Menschen, die eine Zeremonie wünschen, aber mit der Kirche nichts mehr zu tun haben.“ Wie die Kelten an einen Donner- oder Sonnengott glaubt vom Berch nicht – wohl aber an die Kraft der Erde.

Das Neo-Druidentum ist vor allem in Großbritannien verbreitet und dort seit 2010 sogar als Religion anerkannt. In Deutschland gibt es mehrere Vereinigungen. Der Orden der Barden, Ovaten und Druiden (OBOD) etwa versteht sich als eine Schule für Mysterien und Naturspiritualität. Es gehe darum, eine starke Verbindung zur Natur aufzubauen, erklären die Organisatoren von Kursen, die bisher rund 3500 Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz absolviert hätten. Druiden seien Freiheitsstifter und Weisheitssuchende, jede Art von Radikalität habe in ihrem Orden keinen Platz.

Entfremdung von dogmatischen Religionen

„Das Neo-Druidentum versucht, an vorchristliche religiöse Traditionen anzuknüpfen“, sagt Matthias Pöhlmann, Beauftragter für Sekten und Weltanschauungen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Die Anhänger sehen Pöhlmann zufolge in dieser Spiritualität eine Möglichkeit, naturverbunden zu leben. „Dabei spielt auch die Ablehnung einer dogmatischen Religion und die Entfremdung vom Christentum eine Rolle.“ Die Neo-Druiden gehörten zur sogenannten Neuheiden-Szene, die auch neugermanische Asatruar-Gruppen und Wicca-Kreise umfasse.

Michel vom Berch ist ein selbst gewählter Ordensname, allerdings sucht der Druide aus Bodenwerder keine Stammtische auf. Er mag weder Vereinsmeierei noch hierarchische Strukturen. Auf Mittelaltermärkten ein Zelt aufzubauen ist ebenso wenig seine Sache.

Die Entscheidung, sein Leben radikal zu ändern, traf er nach dem Unfalltod seines jüngsten Sohnes im Alter von 21 Jahren. „Das ist das Schlimmste, was Eltern passieren kann. Man hinterfragt den Sinn von allem“, sagt er. Zuvor hatte schon ein Herzinfarkt den Unternehmer ausgebremst. Er trennte sich von seinen Firmen, darunter eine Hausverwaltung, eine Gebäudereinigung und ein mobiler Hunde-Salon. „Ich lebe viel intensiver“, sagt der Druide. „Es ist keine Kunstform, sondern die Art, wie ich leben möchte.“

Foto: dpa/Julian Stratenschulte
„Man kann ihn alles fragen“: Michel vom Berch und seine Enkelin Zoè-Priscilla Hannemann.

Damit knüpft er an seine Kindheit in Bad Lauterberg im Harz an. Schon im Alter von fünf Jahren zog ihn der Wald, den er mit einem naturkundigen Onkel durchstreifte, weit mehr an als der Fußballplatz. Zuletzt begleitete der Druide seine Enkelin Zoè-Priscilla allerdings in eine etwas andere Welt. Die angehende Automobilkauffrau war Kandidatin der RTL-Casting-Show „Deutschland sucht den Superstar“. Eine gute Unterstützung: „Man kann ihn alles fragen“, sagt die 19-Jährige über ihren Großvater. „Und er hat ein großes Herz.“