David Suchy empfiehlt handgemachte rote Agnolotti mit Aubergine-Zwiebel-Füllung. „Und dann vielleicht noch ein Schokoladenmus“, sagt er. Der 32-Jährige sitzt in einem kleinen Büro neben dem Gastraum des Restaurants Frea in der Torstraße. Suchy trägt schulterlanges Haar, ein weites T-Shirt und Birkenstock. Das Frea in Mitte ist sein Restaurant. Die Speisen nennt er „pflanzenbasiert und tierfrei“. Vegan will er das Angebot nicht nennen, weil der Begriff längst von einer Industrie gekapert worden sei, wie er sagt.

Frea ist das erste Zero-Waste-Restaurant in Deutschland 

Erst im März hatte das Restaurant eröffnet und ist schon ein Erfolg. Im ersten vollen Monat lockte es rund 1000 Gäste an. Mittlerweile sind es mehr als 200 am Tag. „Die Leute kommen nicht zu uns, weil sie die Welt retten wollen, sondern um gut zu essen“, sagt der Restaurant-Chef. Aber die Welt ein bisschen besser machen, das geht im Frea eben auch.

Denn dort gibt es nicht nur fleischlose Küche, es ist vor allem das erste Zero-Waste-Restaurant in Deutschland. Für Suchy ein Ort, an dem sich Genuss mit Nachhaltigkeit in nahezu perfekter Art verbinden lässt. Denn während eine x-beliebige Berliner Fast-Food-Ketten-Filiale am Tag genug Abfall hinterlässt, um damit locker drei Müllcontainer mit jeweils über einem Kubikmeter Fassungsvermögen zu füllen, braucht Frea weder eine graue Hausmülltonne noch eine für Bioabfall. Es gibt einzig einen blauen Altpapier-Behälter für jene Säcke, in denen Mehl, Buchweizen oder Haselnüsse geliefert wurden.

Zero Waste ist die große Vision der rot-rot-grünen Regierung

Das Gemüse bringen lokale Bio-Bauern in Kisten, Öl- und Essig kommen in Pfandflaschen. Vom Brot über Nudeln bis zur Schokolade wird alles selbst hergestellt. Was übrig bleibt, landet in einer Maschine, die Suchy liebevoll „Gersi“ nennt und aus Bioabfall Kompost macht, der von den Gemüsebauern, die das Restaurant beliefern, gern genommen wird. „Kein Müll ist nicht schwer“, sagt der Chef der Berliner Revoluzzer-Kantine. Jeder könnte es, wenn er wollte.

Tatsächlich ist es aber mit dem Willen so eine Sache. Denn wie die Deutschen Europameister in Sachen Verpackungsmüll sind, ist der Hauptstädter nicht besser. Laut jüngster Abfallbilanz des Berliner Senats wanderten im Jahr 2017 zusammen fast 1,4 Millionen Tonnen Müll bei den Abfallentsorgern – 3827 Tonnen an jedem einzelnen Tag. Allein die grauen Hausmülltonnen Berlins werden täglich mit 2269 Tonnen Unrat gefüttert. Berlin, die Wegwerfstadt.

Dass es weniger werden muss, steht außer Frage und ist längst auch erklärtes Ziel im Roten Rathaus. Zero Waste, null Abfall, ist die große Vision, die die rot-rot-grüne Regierung im Herbst 2016 in ihren Koalitionsvertrag schrieb. Es soll in dieser Stadt mehr Müll getrennt, mehr recycelt, mehr Wertstoff verwertet und mehr Müll vermieden werden.

Schon das Trennen von Müll kann etwas bewirken 

In der Berliner Geschäftsstelle des Bundes für Umwelt und Naturschutz, kurz: BUND, treffen wir Tobias Quast. Der 38-jährige Politik- und Sozialwissenschaftler ist bei der Organisation der Experte für Abfall- und Ressourcenpolitik und hat keine Mühe, mit Zahlen zu belegen, dass Berlin ein buchstäblich schwer wiegendes Müllproblem hat: „In der norditalienischen Stadt Treviso beträgt das Müllaufkommen pro Kopf und Jahr 53 Kilogramm, in Berlin sind es 229 Kilogramm“, sagt Quast. „Das ist die vierfache Menge.“

Laut Quasts Analyse haben die Berliner vor allem ein Trennungsproblem. Mehr als 70 Prozent dessen, was die Berliner in Hausmülltonnen werfen, gehöre dort nicht hinein, sagt er. Küchenabfälle, Papier, Plastik, Flaschen und Gläser zählt er auf. „Was einmal in der grauen Tonne landet, ist für den Kreislauf verloren“, sagt Quast. Jährlich werden mehr als 500.000 Tonnen Hausmüll in Berlin verbrannt.

Dabei ginge das auch anders. Quast ist sicher: „Schon durch gutes Mülltrennen und ein etwas bewussteres Konsumverhalten könnte jeder Berliner seinen Restmüll in der grauen Tonne kurzfristig auf etwa 40 Kilogramm im Jahr reduzieren.“

Durch das Trennen des Biomülls kann das Müllaufkommen drastisch reduziert werden 

Einen großen Schritt in diese Richtung verspricht man sich in der Senatsumweltverwaltung von der seit dem 1. April dieses Jahres geltenden Biotonnen-Pflicht. Denn man hat herausgefunden, dass 44 Prozent des Inhalts der Hausmülltonnen organische Stoffe sind. Klartext: Würde jeder den Biomüll konsequent trennen, könnte das Hausmüllaufkommen nahezu halbiert werden. 50.000 zusätzliche Tonnen wurden also in der Stadt verteilt. Ergebnis? Laut Auskunft der Berliner Stadtreinigung wurden in den ersten drei Monaten nach Einführung der Pflichttonne in Berlin 30.800 Tonnen Biomüll eingesammelt. Das waren gut 7000 Tonnen oder 30 Prozent mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum, was wiederum mehr Energie bedeutet. Denn aus den Abfällen wird Biogas gewonnen und in das Berliner Verteilnetz eingespeist. Eine Tonne Biomüll reicht für 100 Kubikmeter Biogas. Im nächsten Jahr rechnet die BSR mit rund 120.000 Tonnen Biomüll.

Guter Müll indes entsteht gar nicht erst. Dass etwa die Coffee-to-go-Kultur Unmengen an Einwegbechern – stündlich 20.000 allein in Berlin – in die Müllverbrennungsanlagen spült, sollte in der Tat zu denken geben, wie die Gewohnheit, sich jedes T-Shirt oder Abendessen im Einwegpack nach Hause liefern zu lassen. Unverpackt-Läden haben das Vermeidungsprinzip zum Geschäftsmodell gemacht. Kleidertauschpartys sind eine Alternative zu täglich 2,4 Tonnen Kleidermüll in dieser Stadt.

Zero Waste wird auch in Berlin immer beliebter 

Das Berliner Start-up Sirplus bekommt von Großhändlern Lebensmittel mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum und verkauft diese mit bis zu 80 Prozent Rabatt. Lebensmittelretter nennen sich die Sirplus-Aktivisten. Zudem gibt es 45 Repair-Cafés in Berlin, in denen täglich so manches kaputte Gerät wiederbelebt und vor der Tonne gerettet wird. Die Nachfrage dafür steigt.

Frea-Wirt David Suchy sucht inzwischen übrigens nach einer größeren Kompostiermaschine. „Gersi“ schaffst bald nicht mehr.