Die etwa 900 Jahre alte Eiche Dicke  Marie ist der älteste Baum Berlins.
Foto: imago images / Schöning

Diese Woche war ich bei der Dicken Marie. Sie hat sich kaum verändert seit dem letzten Besuch, vielleicht sieht ihre Borke etwas grauer aus; ihr Ende naht, doch das tut es schon länger. Zahlreiche Bäume um sie herum haben ihr den Zugang zum Licht genommen. Es stirbt sich langsam im Tegeler Forst.

Die Dicke Marie hat ein langes Leben hinter sich, von 900 Jahren ist die Rede, womöglich liegt ihr Alter aber nur bei 500 Jahren (nun gut: nur!). So oder so gilt sie als ältester Baum Berlins. Dicke Marie heißt die Eiche, weil die Gebrüder Humboldt sie in juveniler Keckheit nach ihrer Köchin benannt haben; das Humboldt’sche Grundstück liegt gleich nebenan (die Gebeine der Gebrüder liegen da auch). Einst stand sie frei, an den tief auskragenden Aststümpfen kann man das erkennen. Zudem gibt es frühe Fotografien von ihr, Frauen in langen Kleidern mit exaltierten Hüten posieren vor ihr.

Die Dicke Marie war, bevor sie Ausflugsziel wurde (auch Goethe soll unter ihr gestanden haben), wahrscheinlich ein Hutebaum, eine jener Eichen, zu denen man die Schweine trieb, damit sie sich satt fräßen. Sie stammt aus einer Zeit, als Wälder noch nicht aus gepflanzten Bäumen bestanden, nicht gesetzt wurden, um abgeholzt zu werden, keine Monokulturen waren, keine reinen Wirtschaftsräume.

Ich war nicht allein bei der Dicken Marie.

Die Begleitung fragt: Welches war dein erster Baum? Mein erster Baum (hat nicht jeder Mensch einen ersten?) stand in einem Zürcher Park, da ging ich mit Tante Anni hin (eine alte Dame, die Perücke trug und stolz war, zeitlebens ein Fräulein geblieben zu sein, so wollte sie auch genannt werden: Fräulein Zehnder), ich glaube, es war eine Rotbuche.

Doch mein erster Baum, der mich zum Staunen brachte, war (ist) eigentlich kein Baum, sondern gehört zur Familie der Palmengewächse. Zu einer Zeit, als Brieffreunde in Mode waren, hatte ich ebenfalls einen, er hieß Abdelmajid Belamoui. Wir schrieben auf Französisch auf dünnem blauem Papier. Ich war 15, er 17, als er mir seine bevorstehende Hochzeit verkündete und dass dies sein letzter Brief sei, zum Abschied wollte er mir etwas schenken und mir darüberhinaus seinen Cousin empfehlen, der sich nach einer Brieffreundin in der Schweiz sehne.

Wo möchtest du begraben werden?

Den Cousin lehnte ich höflich ab, man will ja nicht immer wieder von vorne anfangen; für das Geschenk bedankte ich mich, auch wenn es schauderhaft war, ein Päckchen mit klebrigen Datteln, in denen sich Maden krümmten. Ich entsorgte es, aber einen Dattelkern steckte ich in irgendeinen Blumentopf, dann vergaß ich ihn. Und siehe da: Der Abschiedsgruß aus Algier schaffte den Auftritt in Zürich, zog als Jungpflänzchen mit nach Berlin, wo die Dattelpalme noch bei mir lebt, eine 42-jährige Schönheit von schlichter Eleganz.

Ich war, wie gesagt, nicht alleine bei der Dicken Marie.

Die Begleitung fragt: Wo möchtest du begraben werden? Und erzählt vom Bestattungswald, in dem ihre Eltern liegen, die Totenasche verstreut unter einer Birke. Noch einmal fragt die Begleitung: Wo möchtest du begraben werden?

Ich kenne mein Grab, seit ich denken kann. Mein Vater starb, als ich ein Säugling war, ein Verkehrsrowdy hat ihn auf dem Gewissen, er wurde 33 Jahre alt. Er liegt in Zürich, nicht weit von James Joyce und Elias Canetti entfernt. Wenn man dort ist, hört man fremdartige Schreie und Rufe, der Zoo grenzt an den Friedhof. Nie habe ich gezweifelt, im Familiengrab zu enden. Bis zu dem Zeitpunkt, als ich in Amerikas Westen alte Bäume besuchte, um über sie zu schreiben. Bäume, die schon lebten, als weder Leif Erikson noch Kolumbus amerikanischen Boden betreten hatten. Auf jener Reise geschah etwas.

Die Tour begann beim Pando, einer Quaking Aspen, einer Zitterpappel männlichen Geschlechts, die aus 47.000 Stämmen besteht, ein 80.000 Jahre alter Organismus, der einem einzigen Bäumchen entsprang. Pando gilt ältestes Lebewesen der Welt, und er ist so groß, dass eine Straße durch ihn führt, die zu einer Zeit gebaut wurde, als man noch nicht wusste, was man da zerschnitt. Der Pando (auch um ihn ist es nicht gut bestellt, er wächst seit Jahrzehnten nicht mehr) ist beeindruckend, aber mehr weil die zeitliche Dimension das eigene Vorstellungsvermögen sprengt, als aus ästhetischer Sicht.

Ein Greis von 5000 Jahren

Beeindruckender, geradezu umwerfend sind die Langlebigen Kiefern in den kalifornischen White Mountains; es sind knorrige kleine Gesellen, nur sechs, sieben Meter hoch, wie spiralförmig gedrehte Skulpturen, zumeist borkenlos, vom Regen geglättet, mit wenigen Nadeln, die wie zottelige Pinsel aus dem Holz ragen, weit verstreut im Schnee, durch den ich stapfen musste, um den ältesten Einzelbaum der Welt zu suchen; gut 5000 Jahre ist er alt und er ist nicht der einzige Greis auf 3000 Meter Höhe, es gibt rund zwanzig dieser Kiefern, die über 4000 Jahre alt sind, dendrochronologische Messungen haben das ergeben. Die bristlecone pines werden auch deswegen so alt, weil ihnen in der dünnen Luft und dem unwirtlichen Klima niemand Konkurrenz macht (noch nicht, der Klimawandel wird das ändern).

Es schneite leise und mir war bang, und gleichzeitig war da diese erhabene Nichtigkeit, die man erfährt, wenn man Natur in absoluter Einsamkeit erlebt. Alleine blieb ich allerdings nicht, plötzlich stapfte ein schwarzes Pferd durch den Schnee, ein Hengst, wie ich später erfuhr, der der Einsamkeit seit vielen Jahren den Vorzug gibt, auch wenn man ihn mehrmals zu Artgenossen ins Tal hinuntergenötigt hat, jedesmal ist er ausgebüxt, um alleine in luftiger Höhe durch die Stille zu streifen.

Weichgeklopft vom Anblick der Jahrtausende alten Gnome und dem Erlebnis mit dem Pferd, fuhr ich weiter nach Westen, um dem letzten Baum der Reise meine Aufwartung zu machen: dem General Sherman Tree, einem Mammutbaum, dem wahrscheinlich voluminösesten Baum der Erde, mit einer Geschichte, die amerikanischer kaum sein könnte, denn einst nannten ihn Utopisten Karl Marx Tree, ein Name, der später wegradiert werden musste, weil Karl Marx in diesem Land des Teufels ist, jetzt ist er nach einem Bürgerkriegsgeneral benannt.

Foto: Yvonne Boehler
Die Autorin und ihr Text

Zora del Buono, geboren 1962 in Zürich, lebt in Berlin und Zürich. Studium der Architektur an der ETH Zürich, fünf Jahre Bauleiterin im Nachwende-Berlin. Gründungsmitglied und Kulturredakteurin der Zeitschrift mare. Im Juli erschien ihr Roman „Die Marschallin“ (C.H.Beck, 382 S., 24 Euro).

Dieser Text ist eine leicht gekürzte Fassung eines Essays, den Zora del Buono für das Internationale Literaturfestival Berlin schrieb. Zum ersten Mal zu den alten Bäumen begab sich Zora del Buono für das Buch „Das Leben der Mächtigen“ (Naturkunden bei Matthes & Seitz, 2005).

Ich kam abends im Nationalpark an, parkte neben Zapfsäulen aus den 1940er-Jahren, ging zu einer Lodge aus derselben Zeit, Bruchsteinwände, grob geschichtet. Kaum andere Gäste in der Stony Creek Lodge, zu früh im Jahr. Das Entrée war holzverkleidet, der Teppich knirschendweich, rote Ledersofas im Frank-Lloyd-Wright-Stil, das Zimmer düster, die Fenster klein: ein altersschwacher, ein heimeliger Ort mitten in diesem großen Wald. Und der berühmte Mammutbaum, der 3000 Jahre lang namenlos geblieben war, bevor die Menschen aus ihm ein Symbol für dieses oder jenes machten, wächst unweit der Stony Creek Lodge im Sequoia National Park, 84 Meter ist er hoch. Kurz vor Sonnenuntergang besuchte ich ihn zum ersten Mal, ein Schockmoment, er war noch größer als erwartet: ein Koloss.

Vom Parkplatz ist es ein klug geplanter Weg, der sich in die Tiefe schlängelt, ein Aussichtsplateau ermöglicht den Blick auf die Krone, die ein eigenes Universum bildet, danach geht es hinab, zwischen all diesen roten Riesen durch. Die Mammutbäume sind an ihrer Rinde gut zu erkennen, sie ist rot und tief gefurcht. Sie stehen in Gruppen herum, alles nahe Verwandte, weil Sequoia-Samen zu schwer für weite Reisen sind. Verwandte, 1000, 2000 oder auch 3000 Jahre alt.

Die Dämmerung setzte ein, Hirsche stolzierten vorbei, es knackte und zirpte, unbekannte Geräusche rundum. Ich fuhr zurück zur Lodge, Wälder können unheimlich sein im Dunkeln. Frühmorgens dann wieder zum General Sherman Tree, nun war er schon vertraut, ein alter Freund, der einem die eigene Bedeutungslosigkeit auf liebenswürdige Art klarmacht: Ich lebte schon, als ein jüdischer Wanderprediger aus Nazareth die Welt veränderte und ich werde noch leben, wenn du längst tot bist. Besucher gingen staunend um den Baum, die Köpfe in den Nacken gelegt, so verdammt hoch war er, pretty damn high.

Ein Weg führte tiefer in den Wald hinein, Nebel zog zwischen den Stämmen durch, ließ die Farben abmildern, alles ergraute, Feuchtigkeit im Gesicht, Stille, auch die Vögel schwiegen. Ein Jüngling kam den Berg hinabgestolpert, mit geschultertem Schlafsack und verklärtem Lächeln, sein Haar roch nach Rauch. Wie herrlich muss es sein, am Fuß dieser Bäume zu schlafen oder in diesen Wäldern zu leben – so wie einst die marxistischen Utopisten in ihrer Kolonie.

Klein fühlt man sich zwischen diesen Bäumen und gleichzeitig beschützt. Der Wald nimmt Besitz von deinem Körper, du wirst zu einem Teil von ihm. Teil eines Mammutbaumwaldes sein, das wäre was, verloren gehen in ihm. Plötzlich ein Bär, massiger Körper, schwingender Schritt, wiegender Kopf. Ich kehrte klopfenden Herzens zum Auto zurück, wollte ein bisschen nach Norden fahren.

Die unerwartete Stimme

Der Nebel war in feinen Regen übergegangen, es war düster, als ob schon Abend wäre. Dann plötzlich lautes Trommeln, als ob Kieselteine auf das Auto prasselten, Blitze und Donner, ich fuhr im Schritttempo, eine Lichtung tat sich auf, irgendwann hatte es hier gebrannt, verkohlte Baumstumpfreste wie schwarz behandschuhte Finger überall, apokalyptisch.

Und dann geschah es, auf dieser Lichtung, als der dunkle Himmel für einen Moment aufriss und grell leuchtete: Ich spürte eine Stimme, es war nicht so, dass ich sie hörte, ich spürte sie, es war die Stimme meines Vaters, den ich nie vermisst habe, eben weil ich ihn nicht kannte, dieser Mann war hier, er war der Wald, er war diese Jahrtausende alte Bäume, er war der Regen, ich war er, alles toste, ich hielt den Wagen an, weinte zum ersten Mal im Leben um meinen toten Vater, ganz kurz nur, dann hörte der Regen auf, ich spürte keine Stimme mehr, keinen allgegenwärtigen Vater, es war vorbei, alles war normal, ein endloser kalifornischer Wald, durch den sich ein nassglänzender Asphaltstreifen zog, eine Frau in einem zu großen Auto, die sich sagte, dass ihr Gehirn ihr einen Streich gespielt hat, die begriff, dass uralte Wälder und monumentale Bäume eine derart starke Wirkung auf einen Menschen haben können, dass er in seinen Grundfesten erschüttert wird (manche bauen Kapellen an solchen Orten) und dass es eine Frage gibt, die sich jeder stellen kann: WELCHES IST IHR LETZTER BAUM?

Seit jenem Tag begleitet mich eine geheime Sehnsucht: Dort, unter einem dieser Bäume möchtest du irgendwann liegen.

Das alles erzähle ich der Begleitung nicht, es schreibt sich einfacher darüber, als dass es sich sagen lässt. Sowieso wird heute nicht gestorben (hoffentlich) und bald besuche ich wieder die Dicke Marie. Ich werde an einem Regentag hingehen, werde mich auf die Bank setzen und den ältesten Baum Berlins betrachten, und dann ein paar Marie’sche Eicheln mitnehmen und sie in Töpfe setzen wie einst Abdelmajid Belamouis Dattelkern, und später werde ich die Jungpflanzen in einem Akt der Subversion an geheimen Stellen setzen – und irgendwann werden Menschen (falls es dann noch Menschen gibt) einen uralten Baum mit gefurchter Borke sehen und sich an ihm freuen oder sich wundern oder einfach gedankenverloren an ihm vorübergehen.

Am 10. 9. um 19.30 Uhr stellt Zora del Buono  im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin (ilb) im Silent Green ihren Roman „Die Marschallin“ vor.
Am 12. 9. um 18 Uhr spricht sie für den Schwerpunkt Bioökonomie des ilb im Futurium mit dem Forstmann Lutz Fähser darüber, was wir von Bäumen noch lernen können.