Tübingen - Große Hoffnung hatte man auf den Corona-Impfstoff des Tübinger Unternehmens Curevac gesetzt. Und das nicht ohne Grund, basiert er doch auf derselben neuartigen RNA-Technologie wie die Impfstoffe von Biontech und Moderna. Deren Impfstoffe hatten in Massenstudien gezeigt, dass sie zu etwa 95 Prozent gegen Infektionen wirken. Der Impfstoffkandidat von Curevac dagegen erreichte in einer Zwischenanalyse nur 47 Prozent – und verfehlte das Ziel. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) muss ein Corona-Impfstoff eine Wirksamkeit von mindestens 50 Prozent haben.

Verschiedene Gründe für das schlechte Zwischenergebnis werden genannt. Unter anderem der, dass sich Curevac zu viel Zeit gelassen habe, um den bestmöglichen Impfstoff zu entwickeln: mit niedrigerer Dosierung und weniger Nebenwirkungen. Seit Dezember befindet sich die Impfstoff-Entwicklung in der dritten und wichtigsten Phase III mit insgesamt 40.000 Probanden in Europa und Lateinamerika.

Von der jetzigen Zwischenanalyse mit 134 Corona-Fällen hatte man sich stärkere Ergebnisse erhofft, heißt es aus dem Unternehmen. Doch offenbar spielt die Zeit gegen Curevac. Während Biontech und Moderna ihre Phase-III-Studien in einer Zeit machten, in der vor allem eine Variante von Sars-CoV-2 dominierte, habe man es jetzt bei den Studienteilnehmern „mit mindestens 13 Varianten zu tun“. 

Nur ein Fall sei durch den ursprünglichen „Wildtyp“ verursacht worden, 57 Prozent durch sogenannte besorgniserregende Virusvarianten wie etwa die „britische“ Alpha-Variante oder die „indische“ Delta-Variante. Der Rest der Fälle betreffe noch wenig erforschte Varianten, teilte Curevac mit. Eine Wirksamkeit sei vor allem bei jüngeren Studienteilnehmern registriert worden. Für über 60-Jährige seien keine Rückschlüsse möglich gewesen.

Doch der Verweis auf die Virusvarianten klingt nicht sehr überzeugend. Wie erst jüngst eine Datenanalyse mit 385.853 Personen aus Katar ergab, bietet zum Beispiel der Impfstoff von Biontech bei den neuartigen Virusvarianten immer noch einen Schutz vor Infektionen von 75 bis 89 Prozent – nach der zweiten Impfung. 

Dass Curevac schlechter abschneidet, könnte auch daran liegen, dass sich der Impfstoff selbst von den bisher zugelassenen Impfstoffen unterscheidet. Generell werden bei RNA-Impfstoffen Teile der Erbinformation des Virus in Lipidhüllen verpackt. Die Körperzellen nutzen dies als Vorlage, um Virusproteine zu produzieren, auf die das Immunsystem reagiert. Der RNA-Impfstoff von Curevac ist in seinen Bausteinen aber etwas anders gestaltet als die Vakzine von Biontech und Moderna. Dies könnte vielleicht einen Teil der etwas schlechteren Wirksamkeit begründen.

Steve Pascolo, Immunologe am Universitätsspital Zürich und Pionier der RNA-Vakzin-Forschung, sieht aber eher einen anderen Grund. „Bei Curevac hat man die Dosis etwas zu niedrig angesetzt“, sagt er. Eine Dosis Impfstoff enthält nur 12 Mikrogramm RNA. Bei Biontech sind es 30 Mikrogramm, bei Moderna sogar 100 Mikrogramm. Die  Immunreaktion – also die Bildung von Antikörpern – entspricht bei Curevac etwa der nach einer natürlichen Infektion. Bei Biontech/Pfizer und Moderna ist sie zwei- bis fünfmal höher. „Vielleicht war man als Pionier der Technologie zu selbstsicher und hat deshalb so wenig RNA pro Dosis eingesetzt“, vermutet Pascolo.