Marlice van Vuuren auf Spurensuche im Naankuse-Reservat.
Foto: Markus Arnold

WindhukMarlice van Vuuren lauscht angestrengt in die Stille der Savanne, doch nirgendwo ist ein verdächtiges Geräusch zu hören. „Sie müssen ganz in der Nähe sein“, sagt die Naturschützerin und deutet auf frische Fährten im Sand. Die Spuren in einem ausgetrockneten Bachbett verraten, wer hier vor kurzem unterwegs gewesen sein muss. Es sieht so aus, als sei gerade eine ganze Hundemeute durch den namibischen Busch gezogen. „Wildhunde gehörten früher einmal zu Afrika wie Löwen und Leoparden“, erklärt die 44-jährige Namibierin. „Inzwischen sind sie fast überall verschwunden.“

Nur wenig später ist es so weit. Vor einer Buschgruppe tollen vier halbwüchsige Hunde umher. „Bei Wildhunden denken viele erst mal an eine gefährliche, verwilderte Meute“, sagt van Vuuren, während sie die Tiere lächelnd aus einiger Entfernung beobachtet. „Das hat ihnen viel Unheil eingebracht.“ Der Afrikanische Wildhund zählt zu den gefährdetsten Arten des Kontinents. Vermutlich leben heute höchstens 6000 Tiere über verschiedene Schutzgebiete südlich des Äquators versprengt.

Ohne van Vuuren wäre die Begegnung mit Afrikas bedrohten Wolfsverwandten nur eine Autostunde von Namibias Hauptstadt Windhuk entfernt wohl kaum denkbar. Mit dem Naankuse-Reservat hat die wohl bekannteste Naturschützerin des Landes gemeinsam mit ihrem Mann Rudie einen Rückzugsort nicht nur für Wildhunde, sondern auch für andere gefährdete Tiere wie Geparden, Löwen und Nashörner geschaffen. Die Naankuse Foundation unterhält eine Tierklinik und mehrere Wildschutzgebiete, die durch Ökotourismus finanziert werden.

Doch nicht nur die Natur soll von der Stiftung profitieren. Die van Vuurens haben mit ihrer Lebensaufgabe Arbeitsplätze für 250 Mitarbeiter geschaffen. „80 Prozent von ihnen sind einheimische San“, sagt van Vuuren. Die Pandemie bedeute für die indigene Gemeinschaft eine besondere Herausforderung. „Sie sind eher von Armut, Tuberkulose und HIV betroffen als andere Gruppen“, sagt die Naturschützerin. Bis jetzt gab es unter ihren Mitarbeitern zum Glück noch keine Covid-19-Fälle.  Einst lebten die San oder Buschmänner, wie sie oft auch abschätzig genannt wurden, in weiten Teilen des südlichen Afrikas. Seit Jahrtausenden zogen sie als Jäger und Sammler durch die wildreichen Landschaften südlich des Sambesis.

Marlice und Rudie van Vuuren haben das Naankuse-Reservat gegründet.
Foto: Markus Arnold

„Niemand kennt die Natur besser als die San“, sagt van Vuuren, „wir müssen von ihnen lernen, um die Wildnis Afrikas zu bewahren.“ Sie selbst ist auf einer Farm mit San-Kindern aufgewachsen und spricht ihre Sprache. In Naankuse sind fast ausschließlich San für die Überwachung der Wildtiere und ihren Schutz vor Wilderern verantwortlich. Vor drei Jahren wurde das private Schutzgebiet der van Vuurens um die Ländereien einer ehemaligen Farm erweitert und ist nun auf eine Fläche von 9000 Hektar angewachsen – das entspricht fast der Fläche des Nationalparks Sächsische Schweiz.

Die Idee, anspruchsvollen Ökotourismus mit einem engagierten Plan zur Renaturierung des Farmlands zu verbinden, ist inzwischen Wirklichkeit geworden. Über einem Wasserloch mit magischer Aussicht auf die nahen, ockerrot leuchtenden Berge hat im letzten Jahr die Omaanda Lodge eröffnet. Sie verbindet die landestypische Owambo-Architektur aus Lehm und Naturholz mit der Finesse eines Fünfsternehotels.

Mit der Ausbreitung der Pandemie im südlichen Afrika wurden die Pläne, das Reservat als neues Safari-Ziel auf dem boomenden Tourismusmarkt Namibias zu etablieren, jäh durchkreuzt. „2019 war ein sehr gutes Jahr für uns und 2020 hätte das beste überhaupt werden sollen“, sagt van Vuuren. Dann kam Corona. „Natürlich war das erst einmal ein Schock.“ Im Allgemeinen hätten sie aber mehr Glück als andere Safari-Anbieter gehabt. Die Stiftung habe sehr viel Unterstützung erfahren, gerade von ausländischen Partnern, auch Touristen und Volontären, die in der Vergangenheit hier waren. „Bisher mussten wir keinen unserer etwa 250 Mitarbeiter entlassen. Den leitenden Angestellten haben wir ihr Gehalt um 50 Prozent gekürzt“, sagt die Naturschützerin, „allen anderen Mitarbeitern konnten wir es bis August weiter zahlen.“ In den vergangenen Wochen machten Einheimische in den Lodges Urlaub – zu deutlich reduzierten Preisen.

Seit dem 1. September können ausländische Touristen nun wieder über den internationalen Flughafen in Windhuk einreisen. Sie müssen ein negatives Covid-19-Testergebnis vorweisen, das bei Abflug nicht älter als 72 Stunden sein darf. Am Wochenende ist die Lufthansa-Group mit einem Eurowings-Direktflug ab Frankfurt wieder erstmals in Windhuk gelandet. Touristen können inzwischen auch wieder im Rahmen einer im Voraus festgelegten Route samt entsprechend registrierter Unterkünfte frei durch das Land reisen, ohne zunächst in Quarantäne gehen zu müssen. Am fünften Tag muss der Reisende für einen weiteren Test zur Verfügung stehen und zwei Tage später für das Ergebnis erreichbar sein. Ist der Test negativ, kann die Reise wie geplant fortgesetzt werden.

Ob die erleichterten Einreisebestimmungen jedoch bald wieder Scharen an Safari-Touristen anlocken werden, bleibt fraglich. Obwohl die Zahl der neuen Covid-19-Fälle von täglich über 300 Mitte August auf zuletzt wieder um die 100 fiel, stuft das Robert-Koch-Institut Namibia weiter wie fast alle afrikanischen Länder als Risikogebiet ein.

Ein Gepard in Naankuse.
Foto: Imago Images/Imagebroker

Marlice van Vuuren hofft noch aus einem weiteren Grund auf die Rückkehr der Touristen: Wenn keine oder nur wenige Besucher unterwegs sind, sei das auch in den Nationalparks ideal für Wilderer. „Viele Menschen haben in der aktuellen Situation ihre Arbeit verloren und sind verzweifelt“, sagt sie. „Die Wilderei verspricht einfaches und schnelles Geld.“ Sie fürchtet, dass die Wilderei noch zunehmen wird, wenn das Land nicht rasch aus der wirtschaftlichen Krise herauskommt.

Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne brechen durch das struppige Mopanedickicht. Van Vuuren beobachtet eine Gruppe Giraffen, deren grazile Hälse in den roten Abendhimmel ragen. „Es gibt in Namibia wie überall Menschen, die Angst haben, dass mit der Öffnung die Zahl der Covid-19-Fälle stark zunehmen wird“, sagt die Naturschützerin. „Aber die meisten wollen die Touristen zurück, natürlich mit den notwendigen Hygieneregelungen. Das ganze Land hängt ja vom Tourismus ab. Für mich ist Namibia einer der sichersten Orte der Welt. Wir haben eine der niedrigsten Bevölkerungsdichten der Erde und so viel Platz. Eigentlich wäre gerade jetzt der perfekte Moment, um nach Namibia zu kommen.“