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Urologe Dr. Pies: „Der Penis ist die Antenne des Herzens – ein super Frühwarnsystem“

Symbolbild Penis dpa

Viele Männer vermeiden den Besuch beim Urologen so lange es geht: Erst wenn etwas kaputt ist, geht man zum Arzt. Doch dazu besteht kein Grund, sagt Dr. Pies. (Symbolbild)

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picture alliance / dpa

Hausarzt? Klar, fürs Attest. Orthopäde? Wenn's sein muss. Doch den Weg zum Urologen vermeiden viele Männer so gut es geht. Woher kommt die Angst vorm „Arzt für untenrum“ und ist sie überhaupt begründet? Nein, sagt Dr. Christoph Pies, ein Urologe der seinen Patienten und Patientinnen die Angst mit einem Buch nehmen will: „Was passiert beim Urologen? Das Enthüllungsbuch für Sie und Ihn“. Wir haben ihn dazu befragt. 

Herr Dr. Pies, warum gehen Männer so ungern zum Urologen?

Dr. Christoph Pies: Das ist eine Mentalitätsfrage, aber auch erlernte Tradition. Bei Frauen wird von der Pubertät an Vorsorgemedizin betrieben und beim Mann ist es so eine Art Reparaturmedizin: Wenn etwas kaputt ist, geht man zum Arzt. So haben Männer oft erst dann Kontakt zum Urologen, wenn es nicht mehr anders geht, beispielsweise bei einem Harnverhalt. Hinzu kommt, dass der Genitalbereich sehr angstbehaftet ist. Wir Urologen bewegen uns in Tabuzonen. Über Harninkontinenz oder Erektionsstörungen spricht man halt nicht gerne. Und viele denken immer noch, es sei irgendwie unmännlich und ein Zeichen von Schwäche, sich untenrum untersuchen zu lassen.

Pies_Cover_Was passiert beim Urologen
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Herbig Verlag

Was können Sie verschreckten Männern entgegnen, um ihnen diese Angst zu nehmen?

Pies: Meine Botschaft: Es ist gar nicht so schlimm, alles ganz natürlich. Und manchmal ist es sogar lustig. Hinterher sagen fast alle: Es war bei weitem nicht so dramatisch, wie ich es mir vorgestellt habe. Hier muss jeder Arzt seine eigene individuelle Strategie entwickeln, wie man der Patientin oder dem Patienten die Angst nimmt. Ich für meinen Teil bevorzuge eine entspannte Atmosphäre, lockeren Umgang, und – trotz aller Ernsthaftigkeit – wenn nötig und wo angebracht: Humor. Ein Dialog auf Lendenhöhe sozusagen.

Welche Fragen hören Sie besonders häufig?

Pies: Im Rheinland wird man oft mit Standardfloskeln wie „Isset denn schon kriminell?“ oder „Is dat denn nooomal?“ konfrontiert. Soll heißen: Viele Fragen drehen sich um bösartige Erkrankungen und deren Verläufe. Wenn Männer von sich aus etwas wissen möchten, dann sind das meistens Fragen zur Potenz, zum Wasserlassen oder zu Hautveränderungen im Genitalbereich. Frauen plagen sich häufig mit Harnwegsinfektionen herum.

Sind viele Männer mit ihrem Penis unzufrieden?

Pies: Unsicher vor allen Dingen! Unsicher, was zum Beispiel Größe und Aussehen des Penis angeht – die Krümmung oder solche Sachen. Überhöhte Erwartungen und falsche Einschätzungen in vielerlei Hinsicht werden auch durch die Medien getriggert. In der Realität gibt es den „normalen“ Penis nicht. Die Streubreite ist sehr groß, und manche Fakten erscheinen auf den ersten Blick ernüchternd. Der durchschnittliche Geschlechtsverkehr in Deutschland dauert zum Beispiel nur fünf Minuten.

Banane als Penissymbol

Gerade wenn es um Tabuthemen geht: Humor spielt im Alltag des Urologen eine wichtige Rolle. 

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Stichwort Potenzstörung. Welche Faktoren spielen eine Rolle?

Pies: In den allermeisten Fällen handelt es sich um Durchblutungsstörungen. Diese entstehen durch langjähriges Rauchen, Bewegungsmangel oder Diabetes mellitus, der Zuckerkrankheit. Deswegen sollte man das unbedingt untersuchen lassen! Ab Mitte 40 spielen auch hormonelle Ursachen eine Rolle. Darüber hinaus gibt es andere Ursachen, psychologische oder neurologische. Ein Bandscheibenvorfall beispielsweise kann Schuld sein. Bei jüngeren Männern steckt in der Regel noch nichts Organisches dahinter, eher Partnerschaftskonflikte und übersteigerte Erwartungen an sich selbst. Oft wird zunächst ganz einfach ein Versuch mit Viagra gemacht, was in den meisten Fällen hilft.

Sie sagen „der Penis sei die Antenne des Herzens“. Wie meinen Sie das?

Pies: Noch bevor Durchblutungsstörungen an anderen Organen im Körper schwere Symptome wie Herzinfarkt und Schlaganfall auslösen können, reagiert zum Glück oft zuerst der Penis. Die Potenz funktioniert nicht mehr. Das ist ein Frühwarnsystem, das sehr ernst genommen werden sollte, insbesondere bei Rauchern! Daher die Metapher mit der Antenne.

Mann in Boxershorts

Männer sind, was ihren Penis angeht, vor allem eins: unsicher. 

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Mythos Penisbruch – gibt’s das wirklich?

Pies: Ja, den gibt es, wenn auch eher selten. Er sollte aber besser als „Schwellkörperriß“ bezeichnet werden. Der Penis knickt beim Sex quasi ab und die Schwellkörperhülle reißt. Diese hat eine sehr derbe, fast schon lederartige Struktur, und wenn sie reißt, tritt schwallartig das Blut aus und sammelt sich unter der Haut. Das führt zu einer sofortigen, massiven Schwellung und einem Bluterguss.

Welche Penis-Mythen können Sie bestätigen – und welche widerlegen?

Pies: Der Klassiker „Wie die Nase eines Mannes, so auch sein Johannes“ stimmt nicht. Die Nase gibt keine Hinweise auf die Penislänge. Die Länge des Zeigefingers interessanterweise hingegen schon. Was viele ebenfalls nicht wissen: Auch Männer kommen in die Wechseljahre. Das ist kein Mythos! Ab dem 45. Lebensjahr sinkt der Testosteronspiegel jedes Jahr um ein Prozent. Ähnlich wie bei der Frau – nur eben als schleichende Wechseljahre, sozusagen.

Genitalhygiene – was sollten Frauen und Männer gleichermaßen beachten?

Pies: Im Hinblick auf die Genitalhygiene kann ich sagen, dass sie oft viel zu exzessiv betrieben wird. Manche waschen sich zu viel und mit zu scharfen Seifen und zerstören so die gesunde Hautflora. Manchmal ist weniger eben mehr. Auch bei der Rasur schießen insbesondere Jugendliche über das Ziel hinaus und fügen sich selbst Hautläsionen zu. Augenmaß ist also gefragt.

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Ein langjähriges Duo: Der Penis und das („Feigen“-)Blatt. (Symbolfoto)

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Sie haben in ihrem Buch die witzigsten Patienten-Sprüche gesammelt, welcher war ihr liebster?

Pies: Ich möchte keine einzelnen herauspicken, denn es gibt hunderte Beispiele. Die finden Sie alle in meinem Buch. Außerdem bevorzugt jeder Leser andere Anekdoten, von derbe bis subtil. Um etwas Appetit auf die Lektüre zu machen, erwähne ich hier nur den Patienten, der als Grund seiner Vorstellung angab: „Ich wollte nur mal meinen Penis vorbeizeigen.“

Welche Rolle spielt Humor in ihrem Job?

Pies: Manche Dinge kann man eben am besten mit Humor transportieren, gerade wenn es um die erwähnten Tabuthemen geht. Außerdem folge ich gerne dem Lebensmotto „heiter kommt weiter“. Wir Urologen gelten in Medizinerkreisen generell eher als lustiges Völkchen. Es kommt wie in vielen Bereichen auf die richtige Dosierung an.

Das Buch „Was passiert beim Urologen? Das Enthüllungsbuch für Sie und Ihn“ von Dr. Christoph Pies erscheint im Herbig Verlag und kostet 18 Euro.