Den Diagnosegriff ans Knie des Besuchers macht Peter Hertel nur für den Fotografen. Nervös lässt das den Alias-Patienten trotzdem werden. Wird der Knie-Spezialist einen versteckten Defekt entdecken? Nach einigen sachten Ziehbewegungen spricht der große aschblonde Arzt die Entwarnung aus: "Gut, starke Bänder." Aus seinem Mund ist das wohl ein Gesundheits-TÜV: Hält für die nächsten zehn Jahre.Peter Hertel ist seit 1991 Chefarzt der Unfallchirurgie des Berliner Martin-Luther-Krankenhauses und immer wieder die erste Adresse für verletzte Sportler. Als sich Herthas 20-jährige Nachwuchshoffnung Christian Müller im vergangenen November bei einem U21-Nationalspiel gegen Polen spektakulär das Schien- und Wadenbein brach, wendete sich der Spieler mit der völlig abgeknickten und gequetschten Fraktur an Peter Hertel. Nach drei Operationen wird er nun in wenigen Wochen wieder spielen können. Auch Matthias Sammer, Jürgen Klinsmann, Lothar Matthäus, Otto Rehhagel und Oliver Kahn hat Hertel in den vergangenen Jahren behandelt. 2001 operierte Hertel die Bayern München-Spieler Giovane Elber und Jens Jeremies an den Knien. Nach nur zwölf Tagen waren die beiden wieder fit, Elber schoss im Champions League-Halbfinale gegen Real Madrid sogar ein Tor. "Ich habe damals im Fernsehen gesehen, wie er sich nach dem Tor das Knie geküsst hat", erinnert sich Hertel.Anekdoten wie diese lassen an Hertels prominenten Kollegen, Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, denken. Doch mit fast mythischen Fähigkeiten, wie sie dem Mannschaftsarzt der Bayern und der deutschen Nationalmannschaft nachgesagt werden, will Hertel nichts zu tun haben. "Durch das Training ist bei Sportlern alles flotter wieder in Gang", kommentiert Hertel die "Wunderheilung" nüchtern. In der Öffentlichkeit wie der Promi-Kollege aus München will Hertel nicht stehen: "Das wäre nichts für mich. Ich bin lieber Operateur statt Sprechstundenarzt."Tatsächlich operiert Hertel von den 10 000 Patienten, die pro Jahr in die Unfallchirurgie des Martin-Luther-Krankenhauses kommen, 800 selbst. "Das sind ganz schwierige Fälle oder Privatpatienten", sagt Hertel. Die Betonung liegt auf dem ersten. Denn er operiere keineswegs nur zahlungskräftige Patienten, versichert der 61-jährige Arzt, der einen normalen weißen Kittel und typische weiße Arztschuhe trägt: "Meine Wartezeit beträgt etwa zwei Monate, aber bei echten Notfällen kriegen wir das sofort hin."Diese Notfälle sind freilich mitunter kaputte Gelenke, deren Heilung mit Millionen-Summen verknüpft ist. Doch das mache ihn nicht nervös, sagt Hertel. "Dass einem da die Hand zittert? Nein. Ich würde ja auch meine Familie operieren", sagt der Vater von zwei Söhnen und einer Tochter. Dass so viele Profi-Sportler zu Hertel kommen, mag zum Teil daran liegen, dass er den Profisport selbst gut kennt: 1966 wurde er als Ruderer mit dem Deutschland-Achter Weltmeister. Seine Frau Jutta Stöck war erfolgreiche Leichtathletin, sein Schwiegervater Olympiasieger im Speerwerfen 1936, sein Sohn Ole Kugelstoßer. "19,42 Meter, ohne Doping", erzählt Hertel stolz.Vor allem aber vertrauen sich viele Sportler Hertel an, weil er auf seinem Spezialgebiet, dem Knie, jahrzehntelange Erfahrung hat. Über das Gelenk schrieb der gebürtige Berliner bereits seine Habilitation am Uniklinikum Homburg im Saarland. Hertel arbeitete früh mit Kniespiegelungen, während andere davor zurückschreckten. Woran Uli Hoeneß eine gewisse "Mitschuld" trug, wie sich Hertel erinnert: "Anfang der Achtzigerjahre stand er vor der Frage, ob er sich das Knie operieren lassen soll. Im Sportstudio bei Harry Valérien zog er plötzlich ein Arthroskop aus der Tasche und fragte: ,Soll ich mir damit im Knie rummachen lassen?' Danach haben viele Ärzte die Arthroskopie verteufelt." Hertel arbeitete aber mit dem spritzenähnlichen Gerät, mit Erfolg.1987 entwickelte Hertel die Pressfit-Methode, bei der ein gerissenes vorderes Kreuzband durch eine körpereigene Kniescheibensehne ohne Befestigung durch Fremdmaterial ersetzt wird. Das Verfahren half nicht nur dem Hertha-Fußballer Torben Marx und dem aktuellen Torwart des HSV, Martin Pieckenhagen. Wenngleich einem bei Hertel der Ausdruck etwas unpassend erscheint - das Kniegelenk lässt Peter Hertel heute noch schwärmen. "Ein faszinierendes Gelenk, schwierig zu verstehen", sagt der Arzt mit dem jungen Gesicht und erzählt, dass die Gelenkflächen nicht perfekt aufeinander passen. Das sei so, weil das Knie gleichzeitig dreht und gleitet, um Richtungsänderungen zu ermöglichen. Die Kreuzbänder bildeten eine "Viergelenkkette" und die Minisken seien "das Ausgleichsmaterial". "Verglichen mit dem Hüftgelenk ist das Knie.", sagt Hertel und überlegt einen Moment: "Kompliziert." Wohl das Liebevollste, was ein Mediziner über ein Körperteil sagen könnte.------------------------------Foto: Bald wieder fit: Hertel-Patient Christian Müller.------------------------------Foto: Bei der Behandlung: Peter Hertel.

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