Es gab Zeiten, da wollte sich Schamil Bassajew schon zum Bienenzüchten in die Berge des Kaukasus zurückziehen. Von diesen idyllischen Träumen des Rebellenhauptmannes, nach dem Interpol und der russische Geheimdienst fahnden, sind nur ein paar Bienenstöcke hinter seinem Häuschen geblieben. Ansonsten hat Schamil jetzt keine Zeit mehr für Hobbys: Früher saß er auch nächtelang am Computer seines Bruders Schirwani und steuerte per Joystick die mächtigen Raketen seiner schnellen Kampfflieger in die russischen Stellungen nun hat er seine Truppen nach Dagestan gelenkt und alle Mühe, sie den echten Raketen der russischen Kampfhubschrauber zu entziehen. Bruder Schirwani ist verletzt, 450 Männer sind schon gefallen.Aber gegen einen überlegenen Feind zu kämpfen, das ist für Schamil Bassajew, den Sohn der tschetschenischen Berge, schon zum Lebensprinzip geworden. Wohl nur im postsowjetischen kaukasischen Teufelskessel kann es gelingen, in nur 34 Lebensjahren so viel Kampferfahrung anzuhäufen.Paradoxerweise begann seine Karriere mit Barrikadenbau für Boris Jelzin. Während des Augustputsches vor acht Jahren verteidigte er noch das Weiße Haus, den Sitz der russischen Regierung. Das Täschchen mit Handgranaten, das er für alle Fälle mitgebracht hatte, brauchte er nicht. Nach Jelzins Sieg eilte er geradewegs nach Grosny, um dort gemeinsam mit General Dudajew auch noch die sowjettreuen Statthalter der Putschisten zu stürzen und die Republik Tschetschenien auszurufen.Das ging Moskau zu weit: Russische Truppen marschierten an den Grenzen auf. Da griff Bassajew erstmals zu einem Mittel, das er später noch effektiver einsetzte: Geiselnahme. Er entführte nach palästinensischem Vorbild eine Passagiermaschine aus dem Kurort Mineralnye Wody in die Türkei. Das brachte immerhin Schamil persönlich(Fortsetzung Seite 2)Bassajew, Fortsetzung von Seite 1 ---weiter. General Dudajew, der Machthaber in Tschetschenien, beförderte ihn zum Kommandeur einer Sondereinheit.Schon ein halbes Jahr später griff Bassajew mit seinen Kämpfern jenseits der Kaukasuskette in den Separationskrieg im georgischen Abchasien ein. Es störte Schamil dabei wenig, dass er nun wieder in einem taktischen Bündnis mit dem russischen Militär agierte, das damals die abchasischen Aufrührer gegen den georgischen Präsidenten unterstützte. Schamil rückte zum stellvertretenden Verteidigungsminister Abchasiens auf, bevor er mit seiner Elitetruppe und seiner jungen Frau Indira, die er in Abchasien kennengelernt hatte, als Held nach Grosny zurückkehrte.Sein Bataillon wurde später zur Kerntruppe bei der monatelangen Verteidigung Grosnys gegen die russischen Panzer. Aber gegen die verheerenden Bombenangriffe, die auch sein Heimatdorf Wedeno in Mitleidenschaft zogen, hatte er kein wirksames Mittel mehr. Also beschloss er mit einer Hand voll Vertrauter im Juni 1995, in einer Verzweiflungsaktion den Krieg nach Rußland hineinzutragen. In der Kosakenstadt Budjonnowsk nahm er in einem Krankenhaus mehr als 1 000 Menschen als Geiseln, ließ später fünf gefangene Russen erschießen, erpresste so von Jelzin das Ende der Bombenangriffe und kehrte im Triumphzug in die zerbombten tschetschenischen Dörfer zurück. Ein Jahr später gelang ihm noch die Rückeroberung Grosnys das Ende der russischen Intervention.Bassajew siegte, weil die russischen Besatzer demoralisiert und desorganisiert waren. Doch sein wichtigstes Erfolgsgeheimnis ist die Ergebenheit seiner tschetschenischen Kämpfer, die kompromisslos an ihn glauben. In Schamils Persönlichkeit, seiner radikalen Gradlinigkeit und seinen schlauen Finessen finden sich viele Tschetschenen wieder. Bei den ersten freien Präsidentenwahlen 1997 gewann Bassajew mehr als ein Viertel der Stimmen, obwohl sein Wahlsieg die totale Konfrontation mit Rußland bedeutet hätte.Doch Schamil wollte mehr. Im Laufe des Jahres 1998 bildete er deshalb eine Allianz mit dem ehemaligen Informationsminister Mowladi Udugow und radikal-islamischen Kämpfern um den saudi-arabischen Millionär Chatab. Als er im Frühjahr 1999 sein Haus in Grosny verkaufte, um Waffen und Munition zu beschaffen, war allen Beobachtern klar, dass er das nicht für den Bienenzüchter-Traum tat, sondern für den großen Traum, den er mit dem großen Schamil, dem Anführer des tschetschenischen Widerstandes im vergangenen Jahrhundert, gemeinsam hat: Ein Groß-Tschetschenien, das bis an das Ufer des Kaspischen Meeres in Dagestan reicht.