Warschau - Agnieszka Kowalska* hat die Gewalt selbst erfahren. Der Täter sei ihr Mann gewesen. Psychisch wie physisch habe er sie misshandelt, berichtet sie. „In seiner Wohnung, die er vor unserer Hochzeit gekauft hatte, habe ich mich nur als Zusatz gefühlt, der rausgeworfen werden konnte, wenn er nicht mehr gebraucht wird“, blickt die 35-jährige Mutter zweier Kinder zurück. Auch ökonomisch sei sie von ihm drangsaliert worden. Er habe die Finanzen kontrolliert, ihr fehlende Sparsamkeit vorgeworfen und verlangt, dass sie ihren Lohn auf sein Konto überweist.

Über mehrere Jahre habe sich die Gewalt gegen sie hingezogen. Auch sexuell sei sie genötigt worden. Er habe stets nach dem verlangt, „was ihm zustehe“, selbst wenn die beiden Kinder es hörten. Die Gewalt nahm stetig zu, bis ihr Mann sie bewusstlos schlug. Kowalska klagte ihn daraufhin wegen Misshandlung an, das Gericht gab ihr Recht und bestätigte seine Schuld – und die Scheidung. Seit vier Monaten lebt sie nun mit rund dreißig anderen Frauen in einem Frauenhaus in einer südpolnischen Großstadt. „Wäre ich finanziell unabhängig gewesen, und hätte ich mich und meine Kinder allein unterhalten können – ich hätte viel früher einen Schlussstrich gezogen“, sagt sie.

Kampf gegen Windmühlen

Um Gewalt wie jener gegen Agnieszka Kowalska besser als bisher vorzubeugen, ratifizierte das polnische Parlament im Februar eine Konvention des Europarates zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt. Im konservativen Polen ein heikles Thema, gestritten wurde mit teils schrillen Argumenten. So gifteten etwa Konservative, die Konvention werde die Gesellschaft und die Identität junger Menschen zerstören.

Die liberalkonservative Ministerpräsidentin Ewa Kopacz, seit September 2014 im Amt, setzte die Ratifizierung dennoch durch. Offenbar brauchte es dazu erst eine Frau in Regierungsverantwortung. Ihr Vorgänger und Parteifreund Donald Tusk hatte die Sache stets aufgeschoben.

Auch Präsident Bronislaw Komorowski, der die Konvention gegenzeichnen muss, will den Gesetzestext erst noch rechtlich prüfen lassen. Er wird wohl erst nach den Präsidentschaftswahlen im Mai unterzeichnen. Komorowski zögert vor allem deshalb, weil die mächtige katholische Kirche im Land gegen die Konvention wettert. Sie stört sich vor allem am Artikel 12, der besagt, gesellschaftliche und kulturelle Verhaltensmuster sollten geändert werden, sofern sie auf der Vorstellung der Unterlegenheit der Frau beruhen. Nach Ansicht der kirchennahen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) gefährdet die Konvention gar die „Grundlagen der Zivilisation“.

Gender-Mainstreaming, Abtreibung, künstliche Befruchtung – all das sind Reizthemen für alle Parteien rechts der regierenden Bürgerplattform PO. Gemeinsam mit der Kirche stemmen sie sich gegen die Konvention und gegen Versuche, das traditionelle Bild der Frau als „Mutter Polin“ zu verändern. „Die kirchlich geprägten Rollenmuster in der Familie begünstigen mitunter Gewalt, sie stärken in den Frauen die Überzeugung, dass sie ihr Kreuz tragen und stets verzeihen müssten und sich bloß nicht scheiden lassen sollten“, kritisiert Urszula Nowakowska, Direktorin des Zentrums für Frauenrechte in Warschau.

Das traditionelle Rollenmuster der „drei K’s“ – Kirche, Küche, Kinder – spiegelt sich auch in der deutlich schlechteren Stellung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt wider. Die durchschnittlichen Monatsbruttolöhne polnischer Frauen sind mit umgerechnet rund 870 Euro etwa 250 Euro niedriger als die der Männer. Ein Großteil der Polinnen erhält kaum mehr als den gesetzlichen Mindestlohn von derzeit 420 Euro. Ohnehin zählt die Erwerbsquote von polnischen Frauen mit 58 Prozent zu den niedrigsten innerhalb der EU. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 75 Prozent. Und während die Scheidungsrate steigt, weigern sich viele Männer, Unterhalt zu zahlen. So lasch, wie der Staat bisher dagegen vorgeht, zwingt er am Ende nur 15 Prozent der Verweigerer, ihren Pflichten zur Zahlung nachzukommen.

Neigung zur Bagatellisierung

Dies verwundert kaum. Denn nicht wenige der Verantwortlichen in den staatlichen Institutionen teilen den konservativ-religiösen Grundkonsens: Ehe und Familie sind heilig, Scheidungen ein Verstoß gegen Gottes Gesetze.

Laut einer Befragung durch die Agentur für Menschrechte der Europäischen Union (FRA) gibt es in Polen zwar weniger Gewalt gegen Frauen als etwa in Deutschland. Befürworterinnen der Konvention erklären jedoch, dass diese Angaben in die Irre führten. „In westlichen Staaten ist das Bewusstsein der Frauen für ihre Rechte wesentlich größer, und die Polizei unterstützt dort Betroffene viel stärker als in Polen“, sagt die Feministin Kazimiera Szczuka.

Die Psychologin Magdalena Filipczak, die in einem städtischen Frauenhilfezentrum arbeitet, bestätigt diese Einschätzung: Staatliche Organe bagatellisierten vor allem psychische Gewalt, sagt sie, und Verwandte oder Geistliche neigten dazu, das Opfer zur Täterin zu machen.

Vor allem junge Polinnen – und Polen – lassen sich aber immer seltener von den Geistlichen vorschreiben, sie hätten den Zusammenhalt der Familie über ihr eigenes Leben zu stellen. Laut einer neuen repräsentativen Erhebung ist die Zahl der Menschen, die auf kirchliche Weisungen Wert legen, innerhalb der vergangenen zehn Jahre von 66 auf 39 Prozent gesunken. Bei Jüngeren ist der Rückgang noch stärker. „Frauen älterer Generationen haben früher vor allem mit Verweis auf das Wohl der Kinder die Gewalt in der Familie länger ertragen. Heute aber melden sich bei uns immer häufiger junge Frauen, für die Familie nicht mehr so heilig ist“, sagt Aneta Slezak, die 17 Jahre als Betreuerin in einem Frauenhaus arbeitet.

Junges Selbstbewusstsein

Zu diesen jüngeren Frauen gehört auch die 28-jährige Marta Bednarska. Die dreifache Mutter hat nach einem Jahr Aufenthalt im Frauenhaus schon so viel Selbstbewusstsein getankt, dass sie keine Angst mehr hat, ihren tatsächlichen Namen in der Zeitung zu lesen. Auch bei ihr hat sich die Gewalt innerhalb der acht Ehejahre gesteigert: Erst war es psychischer Druck, dann kamen die Schläge. „Am Anfang habe ich die Schuld bei mir gesucht, meinen Partner entschuldigt, und weil ich nicht gearbeitet habe, traute ich mich lange nicht wegzugehen.“ Doch dann habe es einen „Aha-Effekt“ gegeben, „und ich habe festgestellt: Ich schaffe es allein.“ Inzwischen spricht sie selbstbewusst über ihre Zukunft. „Keine Ehe bis zum Tod – ich warte sehnsüchtig auf die Scheidung. Zum Glück sind einige Frauen klug und gehen rechtzeitig weg.“

Nicht nur Bednarska hat Mut gefasst – auch die mächtigste Frau im Land setzt einen weiteren Punkt gegen Konservative und Kirche. Das Kabinett beschloss Anfang März Eckpunkte einer Gesetzesregelung zur künstlichen In-vitro-Befruchtung. Auch diese Regelung hatte Ewa Kopaczs Vorgänger Tusk immer wieder aufgeschoben. Laut der aktuellen Gesetzesvorlage sind zwar bestimmte Auflagen einzuhalten, doch grundsätzlich ist der medizinische Eingriff möglich – ausdrücklich auch für unverheiratete Paare. Der Kirche schmeckt das überhaupt nicht. Doch sie wird sich wohl damit abfinden müssen.

* Name von der Redaktion geändert