Jerusalem - #In den Feingoldhöfen mitten in Jerusalem wird Salsa getanzt. Ein Paar hat den Anfang gemacht und sich rausgewagt auf die Holzterrasse vor der Bar, andere machen es ihm nach. Die Luft ist noch lau an diesem Herbstabend. Die Paare geben sich mitten auf der Gasse im Herzen von West-Jerusalem den Salsa-Klängen hin, als wenn sonst nichts wäre. Die Szenerie hat etwas Unwirkliches. Sie passt so gar nicht zu der Angst, die in Jerusalem in diesen Tagen umgeht. Viele Bewohner trauen sich nicht mehr aus dem Haus, seit die Stadt wieder eine Art Hauptaustragungsort für Gewalt und Terror geworden ist. Die meisten palästinensischen Messerattacken geschahen hier. Sieben Israelis wurden seit Monatsbeginn getötet, zahlreiche schwer verletzt.

Es war ein blutiger, kein goldener Oktober, den Jerusalem bislang erlebte. Ausgestorben wirkt selbst die Jaffa-Straße in der Innenstadt. Früher flanierten hier die Menschen in Massen bis in die Nacht hinein, tagsüber gingen sie shoppen. Auch in den Feingoldhöfen, eigentlich eine bevorzugte Ausgeh-Adresse, ist an diesem Abend nichts los – sieht man von den Salsa-Tänzern ab. Die Restaurants und Pubs sind halbleer. Ihre Besitzer klagen über Umsatzrückgänge von mehr als fünfzig Prozent.

Bürgermeister rät: Waffe einstecken

„Ich hoffe bloß, die Lage beruhigt sich. Wir in Jerusalem müssen doch koexistieren“, sagt Itzik Levi, ein säkularer Israeli mit modischem Drei-Tage-Bart und Tattoos auf den Oberarmen. In seinem Lokal, dem Eldad Vezehoo, arbeiten nach wie vor Israelis und Palästinenser zusammen. „Aber eine gewisse Nervosität ist schon spürbar.“ Der 37-Jährige hält große Stücke auf seine Leute. Er glaube an das Gute im Menschen, sagt er, und auch daran, „dass wir weniger auf unseren Premierminister hören sollten und mehr auf unser Herz“. Jedenfalls werde er sich keine Pistole einstecken, auch wenn Bürgermeister Nir Barkat dies allen Israelis in Jerusalem empfohlen hat. Er werde im Fall des Falles Angreifer mit einem Lächeln zu entwaffnen versuchen, sagt Itzik Levi. Die israelische Mehrheit hält das wohl für naiv. Sie ist eher für die Parole des Bürgermeisters zu haben, der empfahl, „nicht zu zögern, wenn ein Attentäter zuschlägt. Draufhalten und erschießen ist das einzig Richtige.“

Gewöhnlich kommen die arabischen Küchenhilfen während der Arbeit zu einer Zigarettenpause heraus auf die Gasse. Aber auch sie bleiben derzeit lieber drinnen, unsichtbar für die Gäste. Die Angst scheint inzwischen das einzige zu sein, was Israelis und Palästinenser verbindet. „Ich habe Angst vor der Angst der anderen.“ So hat es Lina, 38, ausgedrückt, eine Muslimin ohne Kopftuch, die mit ihrem Mann Aiman, 41, und drei Töchtern im Schulalter in der Altstadt lebt. Ihren Nachnamen wollen sie lieber nicht in der Zeitung sehen, sagen sie. „Wir müssen auf der Hut sein“, fügt Lina hinzu. Sie hätten schließlich jüdische Siedler in der Nachbarschaft, „die sich aufführen wie die Vandalen“. Wenn sie nur ihre Hand in die Tasche stecke, würden diese bereits denken, sie wolle ein Messer zücken, erzählt sie.

An jeder Ecke stehen Soldaten

Liron Bracha, 30, ist eine Israelin, die bislang nichts dagegen hatte, wenn Palästinenser den Supermarkt und den Bankautomaten in ihrem Wohnviertel Armon Hanatziv nutzten. Das änderte sich am Dienstag dieser Woche. An diesem Tag stürmten zwei Männer, bewaffnet mit einer Schusswaffe und einem Fleischermesser, einen Bus und brachten zwei Passagiere um. Die Männer stammten aus dem benachbarten Dschabal Mukaber.

Jetzt ist das arabische Dorf, das bereits mehrere Attentäter hervorbrachte, mit Betonquadern und einem Militärcheckpoint blockiert. „Auch bei uns in Armon Hanatziv stehen an jeder Ecke Soldaten“, berichtet die junge Israelin. Viel sicherer fühle sie sich deshalb aber nicht. „Jeder geht so schnell wie möglich nach Hause und verriegelt hinter sich die Tür.“ In den Feingoldhöfen, in denen sie arbeitet, halte sie es schon eher aus. „Dort fühlen wir uns alle wie eine Familie.“

Rund 35 000 Palästinenser aus Ost-Jerusalem sind im Westteil der Stadt beschäftigt. Ohne sie würde das Hotel- und Gaststättengewerbe zusammenbrechen, würden Baustellen brach liegen und Autowerkstätten dicht machen. Die meisten Arbeitgeber schätzen die Fähigkeiten ihrer palästinensischen Mitarbeiter. Aber das Misstrauen zwischen beiden Völkern, gepaart mit gegenseitigem Hass, sitzt tief. Die jüngste Gewaltwelle hat die Hemmschwelle auf beiden Seiten gesenkt.

Mehr als 35 Tote

Die sieben Israelis, die landesweit ums Leben kamen, fielen allesamt Anschlägen zum Opfer. Allerdings wurden in der gleichen Zeit etwa dreißig Palästinenser getötet. Nicht jeder von ihnen war im Begriff, aus dem Hinterhalt zuzustechen, als ihn tödliche Kugeln trafen. Auch der Tod eines palästinensischen Teenagers, der am Mittwochnachmittag offenbar mit einem Messer in der Hand die Stufen zum Damaskustor hinuntersprang, wäre eigentlich vermeidbar gewesen. Die israelischen Einsatzkräfte vor Ort hatten ihn bereits angeschossen. Er lag verletzt am Boden, beteuern Augenzeugen, als Männer einer Spezialeinheit ihn aus zwei Metern Entfernung töteten.

Nicht nur in den Stunden danach herrscht eine gespenstische Stimmung in der Altstadt. Die meisten Läden in der Hagai-Gasse, die durch das muslimische Viertel zur jüdischen Klagemauer führt, sind mit grünen Metalltoren verschlossen – Zeichen des stillen Protests. „Wir sind alle unter Stress“, klagt Dschihad Abu Sbeh. Der 28-Jährige versucht, seine frisch bereiteten arabischen Süßspeisen noch an den Mann zu bringen, bevor sie verderben. Aber die Kunden bleiben aus. Schläfengelockte Juden im Kaftan eilen vorbei, ohne den Blick zu heben.

Keiner kam den Opfern zu Hilfe

Schräg gegenüber von Abu Sbehs Geschäft befindet sich das Haus, das einst Israels späterer Premier Ariel Scharon aufkaufte und den Siedlern überließ. Hier wohnte Rabbi Nehemia Lavie. Er stürzte am Abend des 3. Oktobers aus der Tür, um einem anderen Israeli gegen einen Messerstecher beizustehen. Auch er wurde verletzt. Beide verbluteten an Ort und Stelle. Die palästinensischen Anwohner rannten panisch davon. Weil sie den Opfern nicht zu Hilfe eilten, kamen einige in Kurzzeitarrest.

Jetzt haben sich städtische Inspektoren neue Strafen ausgedacht. Der Kaffeeverkäufer vis-à-vis muss 5 000 Schekel, umgerechnet mehr als 1 000 Euro, Bußgeld zahlen, weil in seinem Laden das Schild „Rauchen verboten“ fehlte. Süßwarenhändler Abu Sbeh wiederum soll zahlen, wenn er seine Straßenauslage nicht verkleinert. „Wir haben die Nase voll“, sagt der Familienvater. „Wir haben keine Arbeit, keine Rechte, kein Leben.“ Seine Prognose: „Es wird noch schlimmer kommen, bevor es besser wird.“