Sie kommt im Morgengrauen: Mit Bulldozern und gepanzerten Fahrzeugen rückt die Polizei am Mittwoch in Ägyptens Hauptstadt Kairo vor und beginnt mit der Räumung der beiden großen Protestlager der Anhänger des gestürzten islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi. Es kommt zu heftigen, stundenlangen Kämpfen zwischen den Sicherheitskräften und den Demonstranten. Nach offiziellen Angaben sterben mindestens 278 Menschen, darunter 43 Polizisten, mindestens 1400 Verletzte werden gezählt. Medien berichten am Mittwochabend von 2000 Verletzten. Aus den Reihen der Demonstranten heißt es, 2200 Menschen seien getötet, mehr als 10.000 verletzt worden. Unter den Todesopfern war auch ein Kameramann des britischen Senders Sky News.

„Es wurde gerade hell, da kamen sie. Sie schossen sofort mit Tränengas. Wir hatten damit gerechnet, dass sie brutal sein würden, aber so viel Gewalt hatten wir nicht erwartet“, sagt Said Hamdawi, einer der Demonstranten in dem Protestcamp in Nasr City. Das kleinere Protestcamp auf dem Al-Nahda-Platz war zuerst geräumt worden. Die Demonstranten hatten mit Sandsäcken und Gehwegplatten Barrikaden um ihr Lager gebaut. Als die Sicherheitskräfte anrücken, zünden sie Autoreifen an. Die Islamisten wehren sich mit Steinen und Molotow-Cocktails. Augenzeugen berichten von heftigen Gefechten und Verletzten durch Schusswaffen.

„Ich habe Polizisten gesehen, die mit Gewehren auf Demonstranten gezielt haben, und es gibt auch Verletzte mit Schusswunden“, sagt Hamdawi. Das staatliche Fernsehen veröffentlicht dagegen Bilder, die Demonstranten zeigen sollen, die auf Polizisten schießen. Die Anhänger Mursis bestreiten dies. „Wir sind friedlich, und im friedlichen Widerstand liegt unsere Stärke“, so Gihad al Haddad, der Sprecher des Protests.

Auch in anderen ägyptischen Städten gibt es Proteste. Die Muslimbruderschaft hatte ihre Anhänger aufgerufen, sich in Moscheen zu versammeln und dann zu den geräumten Camps zu ziehen. In anderen Provinzen sollen Polizeiwachen und auch christliche Kirchen angegriffen worden sein.

Das Militär hat den Zugverkehr nach Kairo unterbrochen und Kontrollen auf den Zufahrtstraßen vom Flughafen in die Stadt eingeführt. Die Demonstranten in der Hauptstadt sollen keine Unterstützung aus den Provinzen erhalten können.
Am Nachmittag verhängt die Regierung schließlich für einen Monat den Ausnahmezustand und kurz darauf eine nächtliche Ausgangssperre. Zwischen 21 Uhr abends und sechs Uhr morgens darf man sich in Ägypten nicht mehr auf der Straße aufhalten. Die Ausgangssperre gilt in Kairo und in elf weiteren Provinzen. Hochrangige Mitglieder der Muslimbrüder sollen verhaftet worden sein.

Aus Protest gegen das brutale Vorgehen des Militärs und der Polizei tritt am frühen Abend der ägyptische Vizepräsident Mohammed ElBaradei zurück. In einem Schreiben an Übergangspräsident Adli Mansur teilte er mit, er könne nicht länger „Verantwortung für Entscheidungen übernehmen, mit denen ich nicht einverstanden bin“. Der Friedensnobelpreisträger und frühere Chef der Internationalen Atomenergiebehörde beteiligte sich nach dem Sturz Mursis an der Übergangsregierung und galt als Hoffnungsträger für den demokratischen Wandel in Ägypten.

Die Gewalt gegen die Demonstranten stößt international auf Kritik. US-Außenminister John Kerry hat die Armee zur Abhaltung von Neuwahlen aufgerufen. „Die heutigen Ereignisse sind bedauerlich und konterkarieren Ägyptens Streben nach Frieden und echter Demokratie“, sagt Kerry am Mittwoch. Militär und Übergangsregierung hätten die besondere Verantwortung, weiteres Blutvergießen zu verhindern.

Die ägyptische Regierung verteidigt dagegen das gewaltsame Vorgehen der Polizei. Das Außenministerium erklärt am Abend, man bedauere das Blutvergießen. Die Regierung habe jedoch keine andere Wahl mehr gehabt, als die Polizei zur „Durchsetzung des Rechts“ aufzufordern. Stunden nach der gewalttätigen Räumung scheint sich die Lage in Kairo ein wenig zu beruhigen. Hunderte von Mursi-Anhängern verlassen friedlich das Protestcamp in Nasr City. (mit Agenturen)