Andreas Baader hat es postum geschafft. Er ist der Held eines echten Actionfilms geworden. Es knallt eigentlich andauernd. Nach den trauernden, erklärenden, verklärenden, die politischen Hintergründe beleuchtenden Terrorismus-Filmen kommt nun die puristische Variante, die Konzentration auf die scheinbar härtesten Fakten, das pure Geballer.Das beginnt schon bei der Vorgeschichte: Der Tod Benno Ohnesorgs während der Anti-Schah-Demonstration, der Anschlag auf das Frankfurter Kaufhaus, der Anschlag auf Rudi Dutschke, alles in etwa zehn Minuten. Dutschke taucht kurz auf, man sieht ihn am Rednerpult stehen - und Schnitt: Schon steht der Attentäter Bachmann vor ihm, und Dutschke liegt in seinem Blute. Ein einziges Prügeln, Knüppelklatschen, Demonstrantinnen-Verdreschen, Anzünden und Niedermachen. Das Gesellschaftsporträt, das bei dieser Fixierung aufs Dramatische herauskommt, ist eines der puren Gewaltförmigkeit. Genauso wie Uli Edel und Bernd Eichinger die Geschehnisse eines knappen Jahres zusammenraffen, hat die RAF die Gesellschaft empfinden wollen: als nacktes Gewaltverhältnis. Und mit noch mehr Gewalt wollten sie die Gewalt des Staates noch kenntlicher machen. Uli Edel und Bernd Eichinger stellen dieses Zerrbild widerspruchslos nach.Die Geschichte der RAF ist bekannt; sie muss hier nicht nacherzählt werden. Und wer sie nicht kennt, dem nützt dieser Film auch nichts. Zwar erzählt der Film exakt die Taten von Meinhof, Ensslin, Baader und den Ihren nach bis zu ihrem Selbstmord in Stammheim, aber so reduziert auf die Gewaltakte selbst, dass der stilisierte Primitivismus der RAF noch einmal aufersteht. Ein Stakkato von Überfällen, Anschlägen, Morden, Entführungen - 33 Tote in sieben Jahren im Schweinsgalopp. Selbst die qualvollen Wochen der Geiselhaft von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer vergehen wie im Flug - so verharmlost worden ist dessen Schicksal selten.Als wirklich neu an dieser RAF-Darstellung gilt ihren Befürwortern das viele Blut. Man sieht wieder mal genau, was Maschinengewehrkugeln in dem Körper anrichten, den sie zerfetzen . "So entstehen Bilder, die gefehlt haben", schrieb Dirk Kurbjuweit im Spiegel. Er rühmt den Realismus der Gewaltdarstellung, ließ sich gar erzählen, Regisseur Edel habe, sensibel, wie er ist, den Dreh oft selbst nicht ausgehalten und an den Assistenten abgeben müssen. Dieser Realismus ist jedoch keiner, die Faktentreue schlägt in Mystifikation um, weil sie sich von dem Kontext löst, in dem die RAF entstand. So geschwind diese Bilder sind, lassen sie nichts von der Lähmung ahnen, die die RAF in Deutschland auslöste. Es war ja tatsächlich eine eher bleierne Zeit.Ulrike Meinhofs Parole, die politische Macht käme aus den Gewehrläufen, münzt der Film um in die alte Einsicht des Action-Films, aus den Gewehrläufen komme zumindest die ästhetische Macht. Zu den mitreißenden Klängen von The Who (My Generation) wird sich freigeballert, und wo nicht geschossen wird, wird mit der Kamera gezoomt. Die erotische Kombination aus Minirock und Maschinengewehr wird wieder weidlich ausgenutzt nach dem Viva-Maria-Schema von 1968. Ach, wie sexy blitzen die nackten Schenkel, wenn bewaffnet über den Banktresen gegrätscht wird. Wie zart wirkt das Gesicht der Johanna Wokalek als Gudrun Ensslin im schönen Kontrast zu der Lust, mit der sie im palästinensischen Ausbildungslager die knappe Munition verschießt.Aus dieser Erotik der Tat bezog die RAF genau wie Edels Film einen großen Teil der Anziehungskraft. "Schießen ist Ficken, Ficken ist Schießen", schreit die nackte Ensslin dem palästinensischen Ausbilder zu, der sich die antiautoritäre Freizügigkeit der deutschen Genossen nicht bieten lassen will, die sich nackt in seinem Lager sonnen. Damals hat man den Muselmanen eben noch die Stirn geboten! Auch das Robben durch die Wüste ist den Deutschen zu anstrengend. "Wir sind Stadtguerilla", weigert sich Baader. Das ist nicht ohne Schick. Moritz Bleibtreu gibt Baader naturgetreu als narzisstischen Berserker, als wildes Tier, dem die Pastorentochter Ensslin hörig ist. Er passt nicht schlecht zu dem Marlon-Brando-Imitat, als das sich Baader selbst stilisierte.Überzeugend gibt auch Martina Gedeck Ulrike Meinhof als jene Entrückte, zu der sie von der anteilnehmenden Nachwelt gerne gemacht wird. Eine angeblich große Empfindsame, die dummerweise so menschenverachtend formulieren konnte, dass einem übel wird. Mit kurz geschorenem Haar und Leidensmiene zeigt sie Edel am Schluss einmal wie Jeanne d'Arc in dem stummen Passionsfilm von Dreyer.Einen kleinen Lichtblick bietet Bruno Ganz als BKA-Chef-Herold, auch wenn noch etwas Hitler an ihm klebt vom letzten Eichinger-Film. Er muss die ganze Darstellungslast der herausgeforderten bürgerlichen Gesellschaft tragen, das einzige bisschen sozialer Kontext, an dem es dieser Räuberpistole ansonsten vollständig mangelt. Mit seinen extremen Hochwasserhosen, die die Kamera fies betont, hat er optisch keine Chance gegen den terroristischen Chic derer, die er jagt. Auf solcher Oberfläche erzeugt der Film, wenn überhaupt, seinen prekären Reiz.------------------------------Der Baader Meinhof KomplexDtl. 2008. 150 Minuten, Farbe.Regie: Uli EdelBuch und Produktion: Bernd EichingerKamera: Rainer KlausmannBeratung: Stefan AustDarsteller: Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu, Johann Wokalek, Nadja Uhl, Jan Josef Liefers, Bruno Ganz, Alexandra Maria Lara u.a.Ab 25. September in den Kinos------------------------------Foto: Die Baaderbefreiung im Mai 1970. Links Johanna Wokalek als Gudrun Ensslin.