Vier Morde, ein Deaier-Streik und wachsendes Elend der Junkies: Die Drogensiene in der Schweizer Stadt Z(>rlch ist außer Kontrolle geraten. Zwar soli an Europas größtem offe nem Drogenumschiagpiatz die staatliche Abgabe von Heroin an Schwerstsüchtlge ausgedehnt werden. Doch dem Staat droht der Stoff auszugehen.Die saubere Schweizer Metropole der Banken und Versicherungen hat einen Schandfleck: Auf dem Gelände des ehemaligen Stadtbahnhofes Letten in Zürich versorgen sich 1 200 Süchtige aus der ganzen Schweiz und dem benachbarten Ausland mit Stoff. Vor den Augen der Polizei verkaufen die Dealer das Heroin, das sich die apathlschen Junkles in die Venen spritzen. Blutverschmierte Spritzenverpackungen, Getränkedosen und Kot bedecken den Boden.Rechtsfreier RaumDie offene Drogenszene ist laut "Neue Züricher Zeitung" "ein Problem von nationaler Tragweite" -- und sie gilt als rechtsfreier Raum. Der Drogenhandel ist in den Händen von libanesischen Dealern, die im Bürgerkrieg aufgewachsen sind und keine Skrupel kennen. Kürzlich verweigerten sie den Süchtigen an einem Wochenende den Stoff -- als Machtdemonstration. Die Polizei sei mit bislang unbekannten Situationen konfrontiert, klagt Zürichs Stadtpräsident Josef Estermann. Verbrechersyndikate stellten Forderungen an die Polizei und erpreßten den Rechtsstaat. Doch werde ein Dealer verhaftet, müsse er wenig später wieder auf freien Fuß gesetzt werden -- es gebe zu wenig Gefängnlszellen.Vor zwei Jahren hatten Polizei und Behörden hart durchgegriffen und die offene Drogenszene am Platzspitz vor dem ehrenwerten Schweizerischen Landesmuseum In der Stadt gewaltsam aufgelöst. Aber die Süchtigen fanden sich auf dem Letten-Bahnhofgelände wieder, das in einem Wohnquartier liegt. Schülerdemos gegen den freien Drogenhandel blieben bisher ohne Wirkung. Die entnervten Quartierbewohner, die mit Bürgerwehren drohen, sind ratlos und fühlen sich von den Behörden im Stich gelassen.Doch auch die Politiker sind hilflos. Der Streit um Maßnahmen gegen die Drogenszene dauert In der Schweiz seit Jahren an. Jetzt haben sich die Stadt und die Berner Bundesregierung wenigstens darauf verständigt, gemeinsame Sache zu machen. Vor allem versuchen sie der Öffentlichkeit zu erklären, daß es keine schnellen Lösungen gibt. Denn das Elend der Junkies, das die Medien den Eidgenossen jeden Tag vorführen, schafft ein Klima für radlkale Vorschläge: Das Verteidigungsministerium bot an, die Armee könne der Polizei Im Kampf gegen die Drogenmafia helfen, und die Im Bundesparlament vertretene rechtsbürgerliche "Freiheitspartei" forderte für Dealer die Todesstrafe.Dieser harten Linie steht der Versuch der Herolnabgabe an Schwerstsüchtige unter ärztlicher Aufsicht gegenüher. 100 Personen erhalten allein in Zürich Stoff in bester Qualität vom Staat. Der Test mit bundesweit 250 Personen läuft seit Anfang des Jahres. Die ersten Erfahrungen sind nach Angaben der Behörden positiv. "Aber es genügt nicht, ein paar Heroin-Automaten aufzustellen", betont Gesundhelisministerin Ruth Dreifuss. "Die Süchtigen müssen in sozialen Netzen aufgefangen werden."Ziel des Versuchs "Ilfeline" ist es, die Junkles von der Szene wegzubekommen, und die Beschaffungskriminalltät einzudämmen. Für eine Tagesration Heroin muß der Abhängige dem Staat umgerechnet zwölf Mark bezahlen. Angesichts des Drogenelends in Zürich wächst der politische Druck, die Versuche auszudehnen. Kritiker warnen indes vor der Hoffnung, mit einer Ausweitung der Herolnabgabe an 3 000 bis 5000 Schwerstabhängige könnte den Dealern die Geschäftsgrundlage ent.~gen werden.Der Stoff geht ausDem Staat geht derweil der Stoff aus. Die Gesundheitsbehörden rechneten mit einem Verbrauch von 35 Kilo Heroin proJahr. Der Bedarf liegt mittlerweile bei 100 Kilo. Dreifuss: "Wenn wir mehr Heroin importieren und verteilen möchten, brauchen wir eine Bewilligung der (iN." Sollten die Vereinten Nationen das Gesuch um höhere Heroinimporte ablehnen, befürchtet Bern einen Engpaß.Zwischen alten Gleisen und Müll: Züricher Fixer.