Die Vereinsgaststätte des USV Jena hat noch geschlossen. Die Theke schläft, die Stühle stehen auf den Tischen, an den Wänden langweilen sich Wimpel und Wappen. "Hier ist wunderbar", sagt Adjoa Bayor, "hier ist es nicht so laut."Bayor trägt eine grellgelbe Trainingsjacke, auf der das Wort Ghana steht. Ihre Heimat. Sie ist 29 Jahre alt, geboren in Accra, Spielführerin der ghanaischen Frauen-Nationalmannschaft. Manche sagen, sie sei die beste Fußballerin Afrikas.Seit ein paar Tagen spielt Bayor für den USV Jena. Zunächst einmal bis zum Sommer, aber durchaus mit der Perspektive auf Weiterbeschäftigung. Wenn es gut läuft. Jena spielt seit einem halben Jahr in der Frauenbundesliga, ist aber akut abstiegsbedroht. "Wir haben uns auch auf dem deutschen Markt nach Verstärkung umgeschaut, aber von denen wollte niemand in den Osten kommen", sagen sie im Verein.Adjoa Bayor ist so etwas wie eine Edel-Notlösung.----Frau Bayor, Sie waren Afrikas Fußballerin des Jahres. Sie waren für die Wahl zur Weltfußballerin des Jahres nominiert. Sie spielten im Fifa-All-Star-Team. Was führt sie nach Jena?Im November spielten wir mit Ghana beim Afrika-Cup in Guinea. Ein Spieleragent sah unser letztes Spiel und kontaktierte meine Managerin. So kam ich nach Jena.Ganz spontan?Es war immer mein Traum, in Deutschland zu spielen. Vor einem Jahr wollte mich schon mal ein deutsches Team haben. Es hieß Frankfurt. Meine Managerin riet mir aber davon ab. Dieses Mal sagte sie: Mach es!Was ist Ihr erster Eindruck von Jena?Die haben hier einen Turm, der ist sehr hübsch.Vermissen Sie Ghana?Ich vermisse Freunde und Familie. In Accra kenne ich so viele Leute. Hier kenne ich noch niemanden.Was machen Sie tagsüber, wenn der USV Jena nicht trainiert?Manchmal laufe ich rum. Oder ich schaue mir einen Film an. Oder ich gehe nach Hause und ruhe mich ein bisschen aus.Worin unterscheidet sich Frauenfußball in Accra und Jena?In Ghana haben wir viele Talente. Aber die Frauen werden dort nicht gefördert. Alles Geld fließt in den Männerfußball. Ich kenne viele gute Spielerinnen, die nur deshalb aufgehört haben, weil es keinen Cent dafür gibt. Die meisten Vereine bezahlen dir nicht einmal das Busticket, um zum Training zu kommen. In Jena ist alles super organisiert.Wie und wo haben Sie angefangen Fußball zu spielen?Da war ich noch klein. Meistens spielten wir am Strand. Ich war das einzige Mädchen unter vielen Jungs. Am Anfang wollte mich keiner im Team haben, aber dann haben sie gemerkt, dass ich nicht so schlecht bin. Essien wohnte auch in der Gegend, er war auch oft dabei.Sie meinen Michael Essien, den Mittelfeldspieler vom FC Chelsea?Ja, er ist ein paar Jahre jünger als ich. Er war damals ziemlich klein im Verhältnis. Aber man sah, dass Gott etwas Großes mit ihm vorhatte.Sind Sie heute mit ihm befreundet?Wir haben uns aus den Augen verloren. Manchmal, wenn ich in Accra ausgehe, höre ich, dass Essien angeblich im selben Klub ist. Aber ich bin nicht der Typ, der dann gleich hinrennt. Ich bin extrem schüchtern.Sie sagten Sie hätten alleine mit den Jungs gespielt. Was haben die anderen Mädchen damals gemacht?Sie sind zur Schule gegangen.Und Sie?Ich habe Fußball gespielt.Sie waren nie in der Schule?Morgens schon. Aber in Ghana muss man auch mittags bleiben und unter Aufsicht Hausaufgaben machen. Das habe ich mir geschenkt.Das ging einfach so?Nicht einfach so. Mein Bruder war immer sehr verärgert. Er hat mich angebrüllt, mich beleidigt. Als ich später bei Ghatel Ladies im Verein spielte, hat er oft meine Fußballschuhe versteckt. Ich musste meine Sportsachen bei einer Freundin deponieren. Ich zog mich dort nach dem Training um. Nach Hause kehrte ich dann in der Schuluniform zurück, mit einem Packen Büchern unter dem Arm.War die komplette Familie dagegen, dass Sie Fußball spielten?Meine Mutter hat mir geholfen. Ich glaube nicht, dass sie Fußball mochte. Aber sie tolerierte es. Sie hat mir dann auch die Fußballschuhe zurückgegeben, wenn sie mir mein Bruder weggenommen hatte.Warum war Ihr Bruder so streng?Es ist nicht so einfach, wenn man in Ghana als Frau Fußball spielen will. Viele sagen, das ist nichts für Frauen. Mein Bruder sagte, wenn du Fußball spielst, kannst du keine Kinder bekommen. Ich habe einfach nicht darauf gehört. Ich habe gehofft, dass ich es eines Tages im Fußball schaffen würde.Jetzt haben Sie es geschafft. Und jetzt ist bestimmt auch Ihr Bruder besänftigt.Wir haben Jahre lang nicht miteinander geredet, obwohl wir im selben Haus wohnten. Erst mit dem Erfolg änderte sich das. Als ich mich nach meiner ersten WM leicht verletzte, bot er mir zwar keine direkte Hilfe an. Später erfuhr ich aber, dass er sich heimlich nach einem guten Sportarzt für mich umgehört hatte.Wie wurden Sie von der Strandfußballerin zum Profi?Ich denke, Gott wollte es so.Geht es ein wenig konkreter?Ein Funktionär von Ghatel Ladies sah mich eines Tages mit den Männern spielen. Er sagte, ich solle doch bei ihnen im Klub mittrainieren. Ich war damals noch klein und schmächtig. Die anderen Spielerinnen waren groß und dick. Ich dachte, wow, das schaffe ich nie.Deshalb mussten Sie Ihre Dribbelkünste verfeinern, um mithalten zu können.Ich konnte immer ganz gut mit dem Ball umgehen. Aber es gab da noch ein weiteres Problem. Ich hatte bis dahin nie mit Schuhen gespielt. Am Strand und auf der Straße haben wir einfach die Füße benutzt. Im Verein musste ich plötzlich Fußballschuhe tragen. Aber ich konnte damit nicht spielen. Die waren so groß und so schwer. Ich spürte den Ball gar nicht, aber ich hatte keine Wahl. Also habe ich so lange mit Schuhen experimentiert, bis es irgendwann ging.Wie ist der Frauenfußball in Ghana organisiert?Es gibt eine Liga, aber die ist schon seit Jahren nicht mehr zu Ende gespielt worden. In der vergangenen Saison hatten wir fünf, sechs Spiele - dann wurde die Liga abgebrochen.Wieso?Keine Ahnung. Der Verband sagte, sie hätten keine Sponsoren für den Frauenfußball. Aber wir konnten da auch keine Fragen stellen.Haben sie noch einen anderen Job?Nein.Was macht man dann als Fußballerin das ganze Jahr, wenn es nur fünf, sechs Spiele gibt?Trainieren. Man trainiert eigentlich die ganze Zeit. Manchmal haben wir ein Freundschaftsspiel.Gäbe es denn genug Frauenteams in Ghana, um eine ganzjährige Liga auszurichten?Wir haben genug. Alleine in Accra gibt es zwölf Mannschaften gegen die man spielen könnte. Nur sind die leider nicht alle so gut.Klar, wenn fast alle Nationalspielerinnen bei Ihrem ehemaligen Klub Ghatel Ladies unter Vertrag sind.Zeitweise stellten wir dort fünfzehn Spielerinnen für die Nationalmannschaft.Wann haben sie mit den Ghatel Ladies zuletzt ein Spiel verloren?Wir haben nie verloren. Irgendwann gab es mal ein Unentschieden.----Ein Betreuer des USV Jena platzt in den Raum. Er stellt sich als "Mädchen für alles" vor und erklärt Bayor, dass sie bald ihre Monatskarte für die örtlichen Verkehrbetriebe bekomme. Bayor macht eine Kopfbewegung, die man als Nicken interpretieren könnte. Der Betreuer kann kein Englisch. Die Spielerin kann kein Deutsch. "Heute Abend gehen wir rüber ins Stadion, Vereinspokal Jena gegen Schalke", sagt der Betreuer: "Wis jur Landsmann Asamoah!" Bayor tut jetzt gar nicht mehr so, als ob sie etwas verstanden hätte. Sie sitzt einfach da und schaut abwechselnd den Betreuer und den Reporter an. Schweigen. Ein Vermittlungsversuch seitens der Tagespresse: "Gerald Asamoah is actually German, Gerald Asamoah ist ja eigentlich Deutscher." Uhm, sagt Bayor. Naja doch, sagt der Betreuer. Dann verschwindet er wieder. Das Interview kann weitergehen.----Noch einmal bitte: Wie lange haben Sie mit Ghatel nicht verloren?Da muss ich rechnen. Ich würde sagen seit 1990.Ist das nicht langweilig?Klar ist das langweilig.Warum haben sich die guten Spielerinnen dann nicht auf verschiedene Mannschaften verteilt?Alle wollten bei Ghatel spielen. Das ist der einzige Klub mit einem Sponsor, der die Bustickets zum Training bezahlt.Womit verdienen Sie Ihr Geld, wenn Sie nicht gerade in Jena aushelfen?Wenn ich mit der Nationalmannschaft unterwegs bin und wir gewinnen, dann bekomme ich Geld. Das bringe ich dann zur Bank und spare es. Das reicht mir.Lange stritten sich lediglich Nigeria und Ghana um die Titel im afrikanischen Frauenfußball. Nun hat erstmals ein anderes Land den Africa-Cup gewonnen: Äquatorialguinea!Das lag daran, dass das Turnier in Äquatorialguinea stattfand. Wir haben auf einem fürchterlichen Acker gespielt und sind in der Vorrunde rausgeflogen. Nigeria erging es nicht viel besser. Es gab nur einen gepflegten Rasenplatz. Dort spielten aber immer die Gastgeber.------------------------------Drei WM-TurniereDie Black Queens, wie Ghanas Frauen-Nationalteam genannt wird, haben sich bereits drei Mal für eine WM-Endrunde qualifiziert, schafften es allerdings nie über die Vorrunde hinaus. 2003 in den USA gab es den einzigen Sieg gegen Australien (2:1).Adjoa Bayor, 29, spielt seit 1997 in Ghanas Nationalteam. Sie wurde nach der WM 2003 zur besten Spielerin Afrikas gekürt und 2007 zur Weltfußballerin des Jahres nominiert. Zudem spielte sie im Fifa-All-Star-Team an der Seite von Bente Nordby, Kristine Lilly, Marta und Birgit Prinz.------------------------------Karte: Ghana------------------------------Foto: Mit Charme und Stirnband: Ghanas Spielführerin Adjoa Bayor (2. v. l.) wird für ihr Tor bei der WM 07 gegen Norwegen gefeiert. Endstand 7:2 - für Norwegen.

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