Nach dem Wunder von Bern dauerte es eine ganze Weile, bis der deutsche Fußball auf die Idee kam, er könnte selbst dem deutschen Wirtschaftswunder beitreten. Fast ein Jahrzehnt fuhren die besten Kicker wochentags noch in die Gruben des Ruhrgebiets oder aber zumindest als Sportartikelvertreter über Land. Erst 1963 kam mit der Gründung der Bundesliga ein wenig Ordnung in die Sache, und ganz langsam entwickelte sich das, was wir heute als modernen Profifußball kennen.Die Jahre zwischen 1960 und 1974 sind ein wenig unterrepräsentiert in der entsprechenden Mythologie, dabei sind damals entscheidende Weichen gestellt worden. "Ganze Kegelvereine sind geschlossen zum Fußball übergewechselt", erfahren wir in "Gib mich die Kirsche! - Die 1. deutsche Fußballrolle" von Oliver Gieth und Peter Hüls. Die Rede ist nicht von Männern, sondern von Frauen, die damals auch Lust auf das Spiel bekamen - inzwischen sind sie weltmeisterlicher als die Männer.Die beiden Filmemacher müssen mehr Archive ausgewertet haben als Guido Knopp. Sie haben jedenfalls eine Menge sehr interessanten Materials gefunden und es ziemlich intelligent montiert. Das Wunder von Bern lassen sie bewusst in der grauen Vorzeit. Denn die Jahre, als jede Aussage von Uli Hoeneß oder Franz Beckenbauer der Aufzeichnung für wert befunden wurde, begannen erst kurz vor 1970. Gieth und Hüls wollten es sich natürlich nicht verkneifen, die Männer, von denen der deutsche Fußball immer noch bestimmt wird, bei verfänglichen Aussagen zu ertappen: "Später will ich mit dem Fußball nichts mehr zu tun haben" (der junge Beckenbauer). "Wenn ich mich zwischen der Liebe und dem Fußball entscheiden müsste, würde ich den Fußball wählen" (der junge Hoeneß). Berti Vogts verheddert sich in der Damenfußballfrage, aber das macht nichts."Gib mich die Kirsche!" ist nicht ganz ernst gemeint, nimmt aber seinen Gegenstand ernst genug. Der Funktionärstyp, der in DFB und DFL dominiert, wird ja gern übersehen - hier wird er sichtbar in voller Pracht. Die Entwicklung des Profifußballs lief in Deutschland weitgehend parallel mit der Entwicklung des Fernsehens. Das bedeutet, dass es eine Menge Material aus der zweiten Reihe gibt. Gieth und Hüls strapazieren das Publikum nicht mit Bildern, die ohnehin schon bis zum Überdruss kanonisiert sind (das Wembley-Tor lassen sie dennoch nicht aus), sondern mit überraschenden Funden. So sehen wir Fußballer als Sympathie- und Werbeträger, wir sehen Fußballer auf Weltreise und in intimen Momenten, und mit dem Finale der WM 1974, in dem die Niederlage gegen die DDR beim gleichen Turnier gegen Holland gerächt wurde, ist Schluss."Gib mich die Kirsche!" ist natürlich eine Siegergeschichte; die Fans aus dem Osten kommen vor, dürfen aber auch nur den Bayern zujubeln. 1974 ist ein gutes Jahr, um abzubrechen, denn danach kamen die Männer, die hier noch als Hoffnungsträger zu sehen sind, in die Jahre, blieben aber in der ersten Reihe. Der deutsche Fußball hat seine beste Zeit hinter sich. In "Gib mich die Kirsche!" ist sie dokumentiert. Schuss, Tor, hinein!Gib mich die Kirsche! - Die 1. deutsche Fußballrolle Dtl. 2006. Dokumentarfilm. Drehbuch & Regie: Oliver Gieth, Peter Hüls. 82 Minuten, Schwarzweiß & Farbe.------------------------------Foto: Schlagersternchen im Ballwahn: 1978 trällert Gaby Berger "Warum grad' ein Fußballspieler".

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