China baut in Tibet Staudämme, und in Indien geht die Angst um. Ein Damm wird den Yarlung Tsangpo absperren, 160 Meter hoch, am höchstgelegenen großen Fluss der Erde in unberührter Natur. Wenn das Vorhaben samt den vorgesehenen 26 Turbinen fertig ist, kann dort doppelt soviel Strom erzeugt werden wie am umstrittenen Drei-Schluchten-Damm im Jangtse.Es ist ein gigantisches Projekt. Einige indische Kommentatoren und Politiker argwöhnen, dahinter könne ein noch gigantischeres stecken: China beabsichtige, das Wasser des Yarlung Tsangpo in den dürregeplagten chinesischen Norden umzuleiten. Das würde Indien direkt betreffen. Der Yarlung ist Oberlauf des Brahmaputra, der zusammen mit dem Ganges, das größte Flussdelta der Erde bildet.Als die chinesische Regierung dem indischen Außenminister Somanahalli Malliah Krishna kürzlich den Staudamm-Plan bestätigte, schlugen Oppositionspolitiker und Journalisten in Delhi Alarm: Die stromabwärts gelegenen Anrainer des Brahmaputra würden dann austrocknen. Es war blinder Alarm. Vier Fünftel seines Wassers stammen nämlich aus Zuflüssen auf indischem Territorium. Überdies stehen einer Ableitung nach Norden geographische Hindernisse entgegen, hohe Bergketten, die zu überwinden technisch kaum möglich erscheint. Peking hätte auf absehbare Zeit auch nicht genug Geld dafür.Der jetzt genauer bekannte Bauplatz liegt am nordöstlichsten Zipfel des Flusslaufs. Hier windet sich der Yalung Tsangpo in einer gut 40 Kilometer messenden Schleife um den Namcha Barwa, einen 7756 Meter hohen Gipfel, ändert die Laufrichtung von Nordost nach Südwest und fällt dann in einer 240 Kilometer langen Schlucht von 3000 Meter Höhe in einer Kaskade von Stromschnellen und Wasserfällen auf nur noch 300 Meter über Normalnull ab.Die Schlucht -und mit ihr der Fluss in diesem Abschnitt -heißt Dihang. Sie ist bis zu 2400 Meter tief in das Gebirge eingeschnitten. Viele Teile sind schlicht unzugänglich. So kommt es, dass die gut 30 Meter hohen "Verborgenen Wasserfälle" hier erst 1998 von einer geographischen Expedition "entdeckt" wurden.Umstrittenes VorhabenSeit einer von Scott Lindgren geführten Expedition professioneller Wildwasserfahrer in die Obere Schlucht von 2002 ist der Ort bekannt, an dem China den rekordhohen Damm baut.Auch wenn die indische Empörung darüber, dass sich die Chinesen "klammheimlich" am Yarlung zu schaffen machten, nicht sehr begründet ist, bleibt das Vorhaben umstritten. Es greift in eine intakte, von Menschen bisher kaum beeinflusste Landschaft tief ein. Vier Millionen Jahre lang grub der Yarlung Tsangpo eine Schlucht in den Fels des Himalaya, die den Grand Canyon des Colorado an Länge und Tiefe weit übertrifft. Das Umwelt-Argument scheint jedoch in Peking wenig zu interessieren.Die gesamte Himalaya-Region ist zudem geotektonisch aktiv. Die Indische Platte schiebt sich unaufhaltsam unter jene Kontinentalplatte, die gegenwärtig das tibetische Hochland bildet. Kritiker fürchten nun, dass das Gestein am Damm bei einem ausreichend starken Beben nachgeben könnte.Bis der Stausee aufgefüllt ist, wird das Füll-Wasser am Unterlauf fehlen. Allerings soll hauptsächlich während der Schneeschmelze gestaut werden -und zur Monsun-Zeit, wenn erfahrungsgemäß Indien und Bangladesch von übergroßen Wassermengen bedroht sind. Steht das Bauwerk einmal, kann es den Abfluss regulieren, Flutwellen kappen und in Dürrezeiten Wasser abgeben. Das wäre ein Vorteil.Da wäre ein Wasser-Teilungs-Abkommen nützlich. China und Indien haben noch keins abgeschlossen. Immerhin wird China künftig jedes Jahr von Juni bis Oktober -zur Flutzeit -Wasserstandsdaten in Indien übermitteln. Und die Zusage steht, dass nichts ab- und umgeleitet wird, auf keinen Fall vor 2050.