PARIS, 18. Dezember. Hunderte Male hat er es gesungen. "Quand il est mort le poète" - "Wenn er tot ist, der Poet". Und dann sang der Saal hingebungsvoll: "... weinten alle seine Freunde". Am Dienstagmorgen starb er, der Sänger-Poet Gilbert Becaud, und es lässt sich ohne Übertreibung sagen: Ganz Frankreich weinte. Der Chansonnier war 74 Jahre alt, als er auf seinem grünen, auf der Seine bei Paris verankerten Hausboot Aran nach drei Jahre währender Krebserkrankung von der Weltbühne abtrat. Seine Frau Kitty und sein Sohn Gaya waren bei ihm. Staatspräsident Jacques Chirac würdigte ihn als "große Stimme des französischen Chansons".Leben mit der MusicboxEr gehörte in die Reihe der Besten - Edith Piaf, Georges Brassens, Jacques Brel, Charles Trenet, Charles Aznavour. Die Fernseh- und Radiosender schoben deshalb die Kriege in Afghanistan und Nahost beiseite und brachten schon statt der Mittagsnachrichten Sondersendungen über den legendären "Monsieur 100 000 Volt". Blumenfrauen in Becauds Geburtsstadt Toulon am Mittelmeer schluchzten in die Kameras, Geschäftsleute erinnerten sich der Teenager-Jahre mit der Musicbox, aus der "L important c est la rose" klang. Jeder, dem ein Mikrofon vor den Mund gehalten wurde, konnte spontan ein Becaud-Chanson anstimmen: "Nathalie", "Am Tag als der Regen kam" oder den Welt-Hit "Et maintenant", den 150 verschiedene Künstler, darunter Elvis Presley, Frank Sinatra und Barbra Streisand, als "What now my love" sangen.Wenige Länder können derart schnell in eine kollektive Trauer verfallen wie Frankreich; schlagartig ist die Nation über alle politischen und weltanschaulichen Schranken hinweg vereint. Der Dienstag war so ein Tag - es war der Becaud-Tag. Jede und jeden hatte er irgendwann und irgendwo begleitet, der Mann mit der rauchigen Stimme, dem fauchenden "R", dem blauen Anzug mit der gepunkteten Krawatte und der wie lauschend ans Ohr gelegten linken Hand.Der als François Gilbert Silly - Becaud war der Name seines Stiefvaters - geborene Spross einer Krämerfamilie studierte zunächst am Konservatorium von Nizza Klavier. Die Kunst des Pianos blieb eine seiner Stärken während seiner ganzen Karriere. Nach dem Krieg schlug er sich zunächst als Barmusiker in Paris durch. Er tat sich mit Jacques Pills zusammen, dessen Frau auf das Talent aufmerksam wurde. Ihr Name: Edith Piaf. Es wurde ein Senkrecht-Karrierestart. Sein erster Auftritt im Pariser Musik-Tempel "Olympia" - es sollten noch 29 weitere folgen - im April 1954 hat Geschichte gemacht: Junge Fans zertrümmerten im Becaud-Wahn das Gestühl. Becaud eilte fortan von Erfolg zu Erfolg. Auf dem Broadway sang er drei Wochen vor ausverkauftem Haus. Pro Jahr gab er bis zu 250 Vorstellungen. Und auch in Deutschland gehörte Becaud zu den beliebtesten Sängern.Nun diskutieren die Experten - den Fans ist so etwas egal - über Becauds Erfolgsrezept, das fast ein halbes Jahrhundert hielt. Seine "100 000 Volt" waren weniger Wildheit und mehr eine ungewöhnliche Intensität und Spannung bei seinem Vortrag. Sacha Distel, der oft mit ihm aufgetreten ist, sagte jetzt, der Freund sei ein "fantastischer Komponist mit außerordentlichen Texten und der größten Kraft, die ich je erlebt habe", gewesen. Menschen auf der Straße erinnerten sich, dass er "menschliche Wärme" ausstrahlte, ein "großer Monsieur" war, eben einfach "ein richtiger Sänger". Oder auch schlicht: "Gilbert national".Der Chansonnier hat etwa 400 Lieder komponiert, rund 30 wurden Welterfolge. Was Becaud von Becaud hielt, konnte man am Dienstag noch einmal hören. "Ein gutes Chanson", so sagte er in einem einst aufgezeichneten Interview, "ist ein aufrechtes, ehrliches Chanson, das vom Volk angenommen wird. Alles andere verwischt schnell." Mit dem aufrichtigen Becaud hämmerte eine Generation junger Franzosen trotzig: "La solitude, ça n existe pas" - Einsamkeit, die gibt es nicht.Mit der KupferstimmeDer Barde mit der Kupferstimme arbeitete nur mit den besten Textern - das waren damals Louis Amade und Pierre Delanoe. Letzterer ist ein hoch politischer Mensch, der mit Becaud einer Ansicht war: Ein Chanson muss eine glaubhafte Geschichte erzählen. 1964, im tiefsten Kalten Krieg, schrieb Delanoe für Becaud einen Glasnost-Text: "Der rote Platz war menschenleer, vor mir lief - Nathalie. Meine Führerin hatte einen schönen Namen - Nathalie." Und die Welt sang mit.Wie also ist Gilbert Becaud nun einzuordnen? Das beantworteten an seinem Todestag zwei Chanson-Experten schlüssig. Charles Aznavour sagte: "Er ist überhaupt nicht einzustufen." Und Sacha Distel urteilte: "Becaud war und wird immer nur Becaud bleiben."In Deutschland sehr beliebt // In Deutschland war der Franzose Gilbert Becaud sehr beliebt. Seit den sechziger Jahren stand er hier regelmäßig auf der Konzertbühne. Seinen letzten Auftritt in Deutschland hatte der Chansonnier im November 2000 in der Alten Oper in Frankfurt. Auch im deutschen Fernsehen trat Becaud, der am 24. Oktober 1927 in Toulon geboren wurde, immer wieder auf.1973 wurde Becaud für seine Verdienste um die kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich offiziell gewürdigt: Er erhielt das Bundesverdienstkreuz.

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