Irene Böhme erzählt in ihrem Roman "Die Buchhändlerin" Lebensgeschichten aus der DDRGisela Dietrich leitet eine private Buchhandlung in einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt. Sie bildet Lehrlinge aus, darunter Sigrid, ein Mädchen ohne Abitur. Auch Sigrid wird später eine Buchhandlung leiten, eine staatliche jedoch, die in der offiziellen Sprache "Volksbuchhandlung" heißt. Von diesen beiden Frauen schreibt Irene Böhme, und ihr Roman müßte deshalb eigentlich "Die Buchhändlerinnen" heißen. Er erzählt Lebensgeschichten und zugleich deutsche Geschichte von der Weimarer Republik bis in die sechziger Jahre.Irene Böhme, die selbst Buchhändlerin gelernt hat, und die Journalistik studierte, was immer Sigrids Traum war, hat 1980 die DDR verlassen. Bei Sigrid, die vom Geburtsjahr (1933) her das alter ego der Autorin sein könnte, deutet sich ein Weg aus der DDR heraus nicht an. Sigrid, die sich zu Hause gegängelt fühlt, empfindet die Atmosphäre in Giselas Laden spießig, und findet in der FDJ eine neue Heimat. Trotzdem wird sie von der Autorin, die es besser weiß, nicht denunziert. Und, als wollte Irene Böhme ihre andere Heldin davor schützen, allzu leicht zur Sympathieträgerin zu werden, gibt sie dieser bei der Geburt im Jahre 1900 einen Augenfehler mit: Gisela schielt. Daran, wie auch an mancher (überflüssigen) Kommentierung, läßt sich erkennen, daß die Autorin sehr bewußt, sehr überlegt schreibt. Sie kennt die Verhältnisse genau. In ihrem ersten Roman scheint noch die Essayistin durch als solche hat sich Irene Böhme bisher einen Namen gemacht. Andererseits glaubt man auch die knappe Sprache, die kurzen Sätze mit ihrer Biographie erklären zu können: Die Autorin hat lange am Theater als Dramaturgin gearbeitet, sie versteht es, Tempo in eine Szene zu bringen, Dialoge so zu formulieren, daß sie gesprochen wirken, nur besser klingen.Die fünfziger Jahre bilden die zentrale Handlungszeit: In jene Jahre fällt Sigrids Lehrausbildung genauso wie ihre Entscheidung, Karriere zu machen. Gisela kämpft mit den Behörden um ihr Geschäft. Die beiden Frauen begegnen sich bald seltener, doch da sie im selben Staat, meistens auch in derselben Stadt leben, bleiben ihre Geschichten miteinander verschränkt. Die Gegenüberstellung der beiden Lebenswege, die für unterschiedliche Lebensentwürfe stehen, machen einen großen Reiz des Romans aus. Beide Frauen wissen, was sie wollen, beide geraten so will es ja auch das Klischee für diesen Typ meistens an die falschen Männer, aber sie verstehen es, andere Verbündete zu finden. Und obwohl die eine dem Staat skeptisch gegenübersteht, die andere sich in ihm verwirklichen will, sind beide im bürgerlichen Milieu zu Hause. Auch das gab es in der DDR, eigens dafür wurde damals der Kulturbund gegründet. Und wie es auch der Kulturbund schaffte, in seinen Leitungspositionen sozialismusgläubige Leute zu haben, das beschreibt Irene Böhme in einem wunderbaren Kabinettstückchen von der ersten Vorstandswahl in Giselas und Sigrids Stadt, zu der aus Berlin Klaus Gysi angereist war. Erst nach Mitternacht kam es tatsächlich zur Abstimmung. Bis dahin sind die Leute dermaßen zugeredet worden, daß einer nach dem anderen nach Hause ging. So setzten sich jene Kandidaten durch, die von der SED favorisiert waren. Der Roman-Gysi sagt dazu spitz: "Für die angewandte Demokratie haben die Bürgerlichen nicht das nötige Sitzfleisch." Solche Szenen, fiktiv und doch nicht ganz erfunden, sind es, die Irene Böhmes Roman zu einem spannenden Geschichtenbuch werden lassen. Irene Böhme: Die Buchhändlerin. Roman. Rowohlt Berlin Verlag, 1999. 384 S., 39,80 Mark.