Dort, wo der einstige Grenzfluss Werra von eichsfeldischen und hessischen Bergen in einen hufeisenförmigen Bogen gezwungen wird, liegt das Dorf Lindewerra. Die gekreuzten Wanderstöcke im Ortswappen weisen darauf hin, dass das Schicksal des Ortes bereits seit 1830 mit dem Handwerk des Stöckemachens verbunden ist. Ganz früher wurden hier fast in jedem Haus Spazier- und Wanderstöcke hergestellt, in den 70er-Jahren gab es noch 16 Familienbetriebe, heute noch ganze zwei, die von den letzten Zuckungen des Industriezeitalters künden. Ein bisschen ärgert es Benno Heinrich, dass der andere von sich behauptet, er sei der Einzige. Wenn er jeden Tag mit Blaumann und Lederschürze acht bis zehn Stunden in der Werkstatt über selbst geschnittenen Esche- und Ahornästen hockt, wenn er in rund 50 Berufsjahren also, grob gerechnet mehr als eine Million Stöcke fertigte, wie, bitteschön, kann sich da einer hinstellen und behaupten, dies sei nichts?Wirtschaftlich ging es nach der Wiedervereinigung für Heinrich bergab. Geld, dem er hinterher rennen musste. Kunden, die nicht mehr zahlten, Konkurse, und ein High-Tech-Produkt der Skiindustrie, das der Branche den Garaus machte: "Der Walking-Stock hat uns einen großen Schlag versetzt!" Normale Holzstöcke waren plötzlich kaum mehr gefragt. Der Großhändler zahlt ihm 2,80 Euro pro Stock, aber ein Euro kosten ja schon die Rohlinge und die Spitze. "Leben", sagt Benno Heinrich, 74, "könnte ich davon nicht." Aber erstens kann er sich so die Rente etwas aufbessern und zweitens ist der gebürtige Ostpreuße, der 1945 nach Thüringen flüchtete, "keiner, der aus dem Fenster schaut". Er stamme noch aus einer Zeit, in der man das Arbeiten gelernt habe. Heute, wo Jugendliche am liebsten gar nichts machen oder "am Computer spielen, Knopp drücken, hinten kommt Geld fertig raus", so denken sie doch, selbst fürs kleine Einmaleins brauchen sie einen Taschenrechner. "Im Grunde eine lebensuntüchtige Generation", sagt Heinrich.Vor einem Vierteljahr schon hat er die Äste geschält, die schmierige Saftschicht zwischen Schale und Holz in der Edelstahl-Scheuertrommel mit Spezial-Granulat entfernt, und sie trocknen lassen, bis alle Feuchtigkeit entwichen ist. Nun liegen die Rohstöcke auf dem Anbiegekessel, der seit vier Stunden köchelt und einen intensiven süßlichen Holzduft verströmt. Im heißen Wasserdampf werden die Stöcke biegsam. Heinrich spannt sie an einem Mast ein und hebelt mit ausholenden Bewegungen so lange, bis der Stock vor seinem unbarmherzigen Auge als gerade zu bezeichnen ist. Danach biegt er den Knauf im Schraubstock mit einer speziellen Spannkonstruktion in die gewünschte Rundung. Schälen, trocknen, fräsen, beizen, lackieren - 32 Arbeitsgänge insgesamt.Manchmal zwickt es etwas im Rücken, doch solange es einigermaßen geht, werde er weitermachen. Vielleicht wird sein Sohn, der Dachdecker, den Betrieb irgendwann nebenberuflich übernehmen. Aber welche Zukunftsaussichten sieht er selbst in einer Manufaktur, deren Zeit doch schon abgelaufen scheint? Heinrich überlegt einen Moment, bevor er mit einer Mischung aus Trotz und Entspanntheit unter dichten Augenbrauen hervorschaut und sagt: "Insolvenz oder geht noch 'n Stückchen."Der Mensch hat mit großer Gründlichkeit jede Menge Pflanzen und Tiere verdrängt. Täglich sterben drei bis 130 Arten, was um den Faktor 100 bis 1000 über dem natürlichen Wert liegt. Allerdings verdrängt der Mensch sich eben auch selbst. Es geht ihm dann ein bisschen so wie Säbelzahnkatze, Wollnashorn, Riesenalk oder Tarpan. Seine Zeit ist im Grunde vorbei. Eine Weile hält er noch fest an dem, was er tut. Eine Weile schützt ihn vielleicht ein Zeitgeist, der das Altmodische zur Mode erhebt und die vorübergehende Renaissance der Manufaktur verkündet. Vielleicht das Veto der Gewerkschaften, die ja manchmal schützen, was schon nicht mehr ganz lebendig ist oder das schlechte Gewissen von Menschen, die öffentlich zwar der alten Zeit nachtrauern, ihrem Wissen, ihrer Qualität. Aber aus Kostengründen natürlich trotzdem irgendwann zum Discounter gehen.Um vier Uhr morgens, wenn seine Familie noch schläft, schließt Stefan Gremme den 300-Quadratmeter-Bau hinter seinem Wohnhaus im münsterländischen Emsdetten auf. Jetzt kann er sich in Ruhe kniffligen Bürstenproblemen widmen. Die Mitarbeiter kommen erst in einigen Stunden und andere Störungen sind nicht zu erwarten. Am Anfang steht die Schlitzmaschine: Mit riesigen Händen dreht der 46-Jährige den Hebel nach rechts, dann nach links, und schon ist aus einer harten Faser ein flauschiger Pinsel geworden. Einmal hat er versehentlich in die Stanzmaschine gefasst. Als er ins Krankenhaus kam, war die Tellerbürste noch fest an seine Hand geheftet. Bürstenmacher Gremme ist nicht zimperlich.Neulich kam einer zu ihm und sagte: "Bei Aldi kostet ein Besen mit Stiel vier Euro, warum muss ich bei dir zwei Euro mehr zahlen?" Es war eine Art Aufschrei gegen die Discountisierung der Arbeitswelt als Gremme unter seinem säuberlich gestutzten roten Schnurrbart in der ihm eigenen Art antwortete: "Weil du bei mir einen Naturborsten-Arenga-Besen bekommst, der den Dreck wirklich wegfegt und nicht wegspritzt, weil er einen anständigen Schnitt hat, nicht irgendwo aus China stammt und du damit über Jahrzehnte Ruhe hast!" Gremme mag nicht feilschen, er will vernünftige Preise und dafür liefert er Qualität - seit 20 Jahren. Bürsten aller Art, von wenigen Zentimetern bis zu einer Länge von 4,50 Metern, aus Ziegenhaar, Rosshaar, Schweineborste und Kunststoff, 500000 bis 600 000 im Jahr.Gerade sitzt er über einer Matte für eine 115er Welle in der Autowaschanlage. Wegen der langen Borsten muss er sie von Hand in 521 Löcher einziehen. Ein Gerät, das er "Bündelabteiler" nennt, greift aus einem dicken Bund Borsten auf Fußdruck die voreingestellte Menge und zieht sie heraus. Er glättet die Enden, legt die Borsten um eine Schlaufe aus Edelstahldraht und zieht sie in das Loch, wo die Schlaufe, ähnlich wie bei einem Nähvorgang, verschnürt wird. Dann formt er die nächste Schlaufe.Noch zu D-Mark-Zeiten wurde er einmal ins Prüfzentrum der Fordwerke geholt. 25000 Mark teure Kolben auf der Simulationsbühne waren gebrochen, weil die Dichtung den hohen Temperaturunterschieden nicht gewachsen war. Gremme baute einen Teflonring, den er mit sehr hochwertigen, dreireihigen Borsten besetzte. Seitdem gibt es dort keine Kolbenprobleme mehr. Natürlich hätte er es so machen können, dass die Bürsten nach ein paar Jahren wieder kaputt sind, aber Gremme denkt anders, das schnelle Geschäft interessiert ihn nicht.Vor einigen Jahren riefen ihn die Hamburger Busbetriebe an, die Probleme mit ihren Waschanlagen hatten. 100000 Euro mussten sie jedes Jahr für den Austausch von verschlissenen Reinigungsbürsten zahlen, der Hersteller hatte ihnen zu neuen Anlagen geraten. Gremme schaute genau hin. Und sah, dass der Mitbewerber an Borsten gespart hatte: "Die haben zu wenig Material!" Auf eigenes Risiko, ohne Kontrakt, lieferte er 32 Bürsten, die hielten. Seitdem werden in Hamburg die Busse mit Bürsten aus Emsdetten gereinigt.Manche Berufe haben sich in den letzten 100 Jahren kaum geändert. Die sie noch ausführen sind die Letzten ihrer Art. Wie Museumsführer durch eine vergangene Zeit sitzen sie im Raum ihrer Erinnerungen. In Deutschland gibt es offiziell 349 Ausbildungsberufe. Dazu zählen auch 22 praktisch ausgestorbene Handwerke, in denen bundesweit bereits keine Lehrlinge mehr ausgebildet werden. Die rote Liste der aussterbenden Berufe wächst. Betriebe, die das Wesen und die Kultur einer Zeit ausmachten, fallen plötzlich aus der Zeit. Mit ihnen stirbt die Kultur.Seit sieben Uhr morgens schon schneidet Marlis Unglaube aus den Druckbögen mit den Kontinenten jeweils zwölf sichelförmige Segmente aus, "so, als wenn man eine Apfelsine schält", und klebt sie dann mit ruhiger Hand, jeweils vom Nordpol aus, auf die Kugel. In Hausschuhen und geblümter Kittelschürze steht sie auf einem Holzpodest, der, mit einem Abtreter bedeckt, gegen die Kälte der Bodenfliesen schützt. Sie beugt sich über die mundgegeblasene Bleikristallkugel, die in der gepolsterten Mulde eines Holzblocks ruht und unter ihren Händen allmählich zur Welt wird.Im Leipziger "Räthgloben 1917"-Verlag, der heute zu 80 Prozent maschinell gefertigte Globen anbietet, ist Marlis Unglaube, 57, so etwas wie der letzte Verweis auf die alte Tradition. In 39 Berufsjahren hat die gelernte Globenkaschiererin rund 120000 Erdkugeln geklebt und modelliert, zu DDR-Zeiten haben sie zu zwölft im Akkord gearbeitet, heute fertigt sie ganz allein noch etwa 800 im Jahr, Unikate. Und obwohl die handgefertigten nicht nur in der Sicht von Frau Unglaube so viel schöner sind, monieren manche Kunden die Nähte, wollen lieber das seelenlos Glatte als die Manufaktur - zumal, wenn sie dafür nur ein Drittel des Preises bezahlen müssen. Marlis Unglaube arbeitet gegen die Zeit. Gegen die globalisierte Billigherstellung. Gegen die weltweite Krise.Man könnte natürlich annehmen, dass die ständige Beschäftigung mit der Erdkugel den Wunsch erzeugt, sich ihr auch durch Reisen zu nähern. Doch es treibt Marlis Unglaube nicht hinaus in die Welt. Weder zu DDR-Zeiten noch heute. Für die anspruchsvolleren Reliefgloben, ab 400 Euro, muss Frau Unglaube eine zweite Schicht des reißfesten Spezialpapiers auftragen. Sie hat dazu die Druckbögen, unterteilt in Kontinente und Inselgruppen, in rund 70 Teile zerschnitten, aus grau-weißem Spezialton kleine Würstchen gezwirbelt, die sie nun mit einer Art Spachtel an den Gebirgszügen modelliert. "Bei Dunkelbraun muss ich viel Ton nehmen, bei Gelb wenig, bei Grün gar nichts." Wenn ein See plötzlich erhaben ist, hat sie etwas falsch gemacht. "Und Flüsse", sagt Frau Unglaube, "dürfen natürlich auch nicht den Berg hochlaufen!" Drei Stunden sitzt sie an einem Relief.Marlis Unglaube kennt noch die alten Geschichten: Wie zu DDR-Zeiten einer mal den falschen Bogen verwendete und sie dann gleich zweimal Indien auf dem Globus hatten, was der Endkontrolle zum Glück noch aufgefallen ist. Oder der ältere Herr, der nach der Wende einen Doppelbildglobus gekauft und moniert hatte, es wäre ihm "zu viel Rot" auf der Karte, er habe lange genug Rot gehabt. Frau Unglaube versicherte ihm vergeblich, dass der dominierende Farbton ohne jeden Zweifel doch Braun sei. Und die Dame aus Rostock, die einen Globus von einer Tante geerbt hatte. Die 33er Glaskugel war runtergefallen und kaputt, aber sie haben noch die alten Drucke gefunden und konnten ihr das Gerät sozusagen originalgetreu reparieren. Zum Dank kamen Blumen und eine Weihnachtskarte, über die sich Frau Unglaube noch heute freut.Die Wegwerfgesellschaft lässt nichts mehr reparieren, weil Produkte so erdacht sind, dass neue gekauft werden müssen. Das Sterben der Berufsbilder zeugt von der Veränderung der Welt und ihrer Gesellschaft. Überflüssig geworden und ersetzt durch industrielle Massenfertigung oder Neue Medien. Mangelnder Nachfrage zum Opfer gefallen. Nicht mehr erwünscht. Dem Preisdruck der Globalisierung nicht mehr gewachsen oder einem Bewusstsein, das die Qualität der Handarbeit kaum mehr kennt. Schon deshalb, weil das Wissen um diese Qualität ja genauso verschwindet wie die Berufe, die es verkörpern.Wenn Moser durch die graue Lamellenjalousie aus dem Laden mit modernen Büromaschinen in die kleine Werkstatt tritt, ist er in einer Welt, die es eigentlich nicht mehr gibt. Eine "Adler 7", eine "Ideal" aus den 50ern und eine "Continental Silenta", damals in der Regel Chefsekretärinnen vorbehalten, weil sie besonders leise war. "Hören Sie!" Nur der Andruck, sonst nichts. Moser bläst den Staub weg und schaut durch seine schmale kupferfarbene Brille: "Alles Nostalgie, wenn Sie so wollen."An der Wand ein Glückwunschschreiben der Berliner Handwerkskammer zu seinem 25-jährigen Jubiläum als Büromaschinenmechanikermeister. Aber das ist auch wieder einige Jahrzehnte her. Bernd Moser arbeitet seit 52 Jahren im selben Laden, Büromaschinen Arndt in Berlin-Kreuzberg, zunächst als Lehrling, dann als Techniker. Als sein Chef vor 19 Jahren starb, übernahm er. Moser sagt, er hatte keine Wahl. "Hätte mich niemand eingestellt." War ja Branchenleiter bei der Gewerkschaft. Ein Jahr später gab es keine Branche mehr. Das Berufsbild hatte sich aufgelöst. Moser arbeitet auf der letzten Welle, die ihm die Demografie noch in den Laden spült: Die Alten, die sich nicht mehr in die Computerwelt einarbeiten wollen.Manche lieben auch einfach nur das satte Anschlag-Geräusch, das Klappern der Mechanischen, den Sound von früher, der sie beim Schreiben inspiriert. Moser bedeutet er nichts. Er neigt nicht zur romantischen Verklärung: "Bin nicht so für Sinnlichkeit, ich guck, ob was kaputt ist und mach, dass sie wieder läuft." Natürlich bereitet es mehr Spaß, eine Mechanische zu reparieren als eines von diesen neuen Geräten, das man wegwirft, wenn die Elektronik kaputt ist. Bei den neuen muss er hin und wieder einen Kollegen um Rat fragen, aber bei den alten fragen sie ihn. "In Berlin gibt es noch etwa fünf Leute, die so was können."Moser sitzt unter den beiden Leuchtstoffröhren an der großen Arbeitsplatte, die so voll gestellt ist, dass er sich immer erst eine Schneise durch all das Werkzeug und die Ersatzteile hauen muss. Gerade hat er eine Olympia, Modell 8, in der Mangel. Die Walzen drehen sich nicht mehr. "Sind ja schon eckig", sagt Moser, nimmt den Wagen ab und holt das Innenleben heraus: Typenkorb und 48 Hebel. An einem hat sich die Type gelöst. Wird er eine neue auflöten. "Das kriegt kaum noch einer hin." Ansonsten: Ein bisschen Rost, überall Schmutz und Fett. Also alles zerlegen, in die Wanne des Ultraschallreinigers und dann per Hand mit Lappen, Spiritus und Walzenreiniger. Vier Stunden hat er der Kundin gesagt, jetzt sind es schon über fünf. Er wird trotzdem keinen Aufschlag verlangen. "Alte Handwerkerehre", sagt Moser.Auf wessen Visitenkarte heute Thermometermacher, Schmuck-Vorpolierer, Revolverdreher oder Daumenkinomatografiker steht, hat die ganz großen Tage seiner Karriere hinter sich. Mit jedem ausgestorbenen Beruf verschwindet auch sein Fachwissen. Lexika und Datenbanken können die Erinnerung an sie nicht erhalten. Es sind ja keine Gedichte, die man lesen kann, auch ein paar Generationen später. Ein Handwerk muss man ausüben, um es weiterzugeben. Sonst ist es der Welt entzogen, gelöscht.Der Schmelzofen kocht seit acht Stunden flüssige Bronze, Cornelia Mark-Maas bereitet die "Glockenspeise." Die Fabrikhalle ist raucherfüllt und heiß, als Europas einzige Glockengießermeisterin unter dem Visier ihres Schutzhelms die traditionelle Losung ruft: "In Gottes Namen lasst es rinnen, stoßt den Zapfen aus. Gott bewahr das Haus." Dann strömt 1100 Grad heißes Metall über Rinnen in die Gusslöcher der vollständig mit Erde bedeckten Glockenform. Die Anspannung weicht aus den Gesichtern, Segen und gute Wünsche werden gesprochen und Schnapsgläser gereicht.Acht Wochen Handarbeit sind dem heutigen Tag vorausgegangen. In der Gießgrube wird zunächst der Glockenkern aus Ziegeln gemauert. Aus großen Bäckerschüsseln werden nun immer wieder Lehmschichten aufgetragen und mit Pferdemist und Rinderhaaren gemischt. Modelliert wird nach einer Buchenholzrippe, deren komplizierte Berechnung ein streng gehütetes Geheimnis ist. "Die Rippe entscheidet nicht nur über die Form, sondern auch über den späteren Klang der Glocke", erklärt Cornelia Mark-Maas, 48, Glockengießerin in sechster Generation. Ist der Lehm ausgehärtet, wird aus Talg und Graphit eine Trennschicht aufgetragen, die danach erneut mit Lehm bedeckt wird. Insgesamt entstehen so drei Formen: Kern, Mantel und in der Mitte dazwischen die sogenannte falsche Glocke. Diese wird am Ende entfernt, der entstehende Hohlraum nimmt die Bronze auf.Cornelia Mark-Maas, Chefin über zwölf Angestellte im Eifelort Brockscheid, hat sich ihre rot-schwarze Metallbrille in die Haare geschoben und eine Zigarette angesteckt. "Vom Glockengießen allein können wir längst nicht mehr leben." Die 40 bis 50 größeren Glocken, die hier im Jahr für Kirchen, Friedhofskapellen und Gemeindehäuser gegossen werden, machen nur noch ein Viertel des Firmenumsatzes aus: Vogelschutzgitter, Turmjalousien, Turmuhren, Instandsetzung und Wartung bilden inzwischen das Hauptgeschäft. Die große Nachfrage nach dem Krieg hielt noch bis in die 80er-Jahre, "dann wurde es immer weniger."Cornelia Mark-Maas, die dafür sorgt, dass zwischen Himmel und Erde der richtige Ton herrscht, sagt: "Eine Glocke ist ein Musikinstrument!" Darf ja nicht irgendwie klingen, Gott bewahre, sie muss für sich klingen und zusammen mit anderen Glocken. "Gerade in einer größeren Gemeinde mit vielen Kirchtürmen braucht es eine Harmonie!" Im Zweiten Weltkrieg wurden Kirchenglocken häufig für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen und später durch kostengünstige Stahlglocken ersetzt. Die halten weniger lang und klingen schlechter. Glockenbronze, 78 Prozent Kupfer und 22 Prozent Zinn, hat einen besonders schönen, vollen und weichen Klang mit lang nachhallenden Ober- und Untertönen. Sie schlägt mit einem Klöppel auf eine Demonstrationsglocke. "Wenn Sie genau hinhören, werden Sie nicht nur einen, sondern 10 bis 15 verschiedene Töne entdecken!"------------------------------In Deutschland gibt es offiziell 349 Ausbildungsberufe. Dazu zählen auch 22 praktisch ausgestorbene Handwerke, in denen keine Lehrlinge mehr ausgebildet werden.Die Wegwerfgesellschaft lässt nichts mehr reparieren, weil Produkte so erdacht sind, dass neue gekauft werden müssen.------------------------------Foto: Cornelia Mark-Maas ist Glockengießerin in sechster Generation in der Eifel. Sie sorgt dafür, dass zwischen Himmel und Erde der richtige Ton herrscht und sie sagt: "Eine Glocke ist ein Musikinstrument!"Foto: Benno Heinrich, 74, hat in fünfzig Berufsjahren etwa eine Million Stöcke gefertigt. 32 Arbeitsgänge braucht er für einen Stock. 2,80 Euro zahlt ihm der Großhändler pro Stück, weshalb sein Beruf heute eher zu einer Liebhaberei geworden ist.Foto: Bernd Moser ist Büromaschinen-Mechanikermeister und arbeitet seit 52 Jahren in dem selben Laden in Berlin-Kreuzberg. Er arbeitet mit Maschinen, die "Adler7" und "Continental Silenta" heißen.