Meister Li, wie kann man einhundert Jahre alt werden und sich dabei jung fühlen? Verraten Sie uns, wie das geht?Der Schlüssel für ewige Jugend liegt in einem selbst, in der Einstellung zum Leben. Viele Menschen träumen davon, einhundert Jahre alt zu werden. Das Problem dabei ist jedoch, wenn man nur davon träumt, wird es auch nur ein Traum bleiben. Wir leben heute, in der Gegenwart, in diesem Moment. Aber viele Menschen denken nur an das was kommt: Sie treffen sich mit Freunden zum Essen und denken schon an den Einkauf danach. Sie gehen ins Kino und denken an den kommenden Tag. So kann man nur alt werden. Ich denke nicht lange nach. Wenn ich gehe, gehe ich und wenn ich Tee trinke, trinke ich Tee. So einfach ist das.Man findet das Glück erst, wenn man aufhört danach zu suchen. So steht es in Ihrem Buch "Mit dem Herzen lächeln". Was meinen Sie damit?Im Leben geht es immer um die Suche nach der Erfüllung. Und es geht darum, die Zufriedenheit der Erfüllung - wenn man sie denn gefunden hat - beibehalten zu können. Ein Mensch ist jedoch am glücklichsten, wenn er seine Wünsche vergessen hat. Wenn er aufhört, sich als jemand zu sehen, dem etwas fehlt. Diesen Zustand beizubehalten, als wäre man am Ziel seiner Wünsche, schafft man nur, wenn man etwas macht das auf Chinesisch Wu Wei heißt. Übersetzt bedeutet das: Etwas erreichen, ohne zu handeln. Eine schöne Vorstellung: Etwas erreichen, ohne zu handeln. Das schafft man also mit Hilfe von Qi-Gong?Ja, in der Stille. Man lernt, aus der Ruhe Kraft zu schöpfen, die Hektik und den Lärm des Alltags auszublenden. Wie würden Sie jemandem, der noch nie etwas von Qi-Gong gehört hat, erklären, was das überhaupt ist?Qi-Gong ist eine innere Übungsart die weit über 5 000 Jahre alt ist, aus China stammt und auch als inneres Kung Fu bekannt geworden ist. Kung Fu, ist das nicht eine Kampfsportart? Also das genaue Gegenteil des stillen, ja bewegungslosen Qi-Gong?Kung Fu heißt übersetzt nichts weiter als Meisterschaft. Es gibt aber einen Zusammenhang zwischen den Kampfkünsten und den inneren Künsten: Die fortgeschrittenen Kampfkunstmeister praktizieren nur noch innere Übungen. Sie üben nicht Schlagen, Treten, Springen sondern sie trainieren im Inneren. Das ist dann die innere Meisterschaft. Wie unterscheidet sich das stille Qi-Gong vom bewegten?Von Geburt an wird die Aufmerksamkeit jedes Menschen nach Außen gelenkt, man hört und sieht, was draußen abläuft. Sehr selten trifft man auf Menschen, die ihre Aufmerksamkeit nach Innen lenken. Erste Schritte beim stillen Qi-Gong wären, Aufmerksamkeit nicht mehr nach Außen entweichen zu lassen, sondern zu versuchen, schrittweise die Welt seines Innenlebens zu erkunden. Und dadurch auch ruhiger und gelassener werden?Das auch. Ich schätze, dass heute 70 Prozent unserer Zeitgenossen nicht einschlafen können, obwohl ihre Körper müde sind. Innere Rastlosigkeit hindert sie am Einschlafen. Im Inneren Ruhe zu finden und damit umgehen zu können, ist stilles Qi-Gong. Man kann lernen, Stockungen oder Hemmnisse im Inneren zu beseitigen, so dass sich die Lebensfreude frei entwickeln und das Qi frei fließen kann. Was ist das eigentlich, das Qi? In jedem Menschen gibt es eine Energie oder Kraft, die ihn immer wieder gesund werden lässt, man könnte auch Selbstheilungskräfte dazu sagen. Wie man sich körperlich fühlt und wie man im Denken sein Leben erfährt, das ist das Qi. Aus antikchinesischer Sicht ist das Menschenleben ein Zusammenspiel von drei Ebenen - einer körperlichen Ebene und einer geistig-spirituellen Ebene. Und dazwischen, als Verbindung, das ist die Ebene des Qi. Erklären Sie das bitte an einem Beispiel.Die Körpertemperatur eines gesunden Menschen beträgt 36,5-37°C, egal ob es in der Umgebung plus 30°C oder minus 30°C sind. Es spielt keine Rolle, wie die Temperatur außen ist, im Körper bleibt sie stabil. Jeder Mensch ist am Leben, weil er die Fähigkeit besitzt, sich um ein gewisses Gleichgewichtsmaß herum einzupendeln. Qi steht hinter dieser Fähigkeit, im Innersten ein relatives Gleichgewicht beizubehalten. Gerät nun beispielsweise jemand in Wut, zählt das als ein gleichgewichtsloser Zustand - man ist außer Rand und Band. In Zorn zu geraten heißt, das innere Gleichgewicht verloren zu haben. Ein ausgeglichener Mensch wird das, was bei anderen zu einem Wutausbruch führt, innerlich abfedern können. Qi kann Ungleichgewichte im Inneren auspegeln.Angenommen, jemand ist an Bluthochdruck erkrankt. Könnte er diesen mittels seiner Gedanken positiv beeinflussen?Hoher Blutdruck entsteht aus verschiedenen Gründen und erst nach einer längeren Zeit. Man kann mit der richtigen Vorgehensweise auch den Blutdruck senken, aber er wird nur stabil bleiben, wenn man diese Übungen über eine längere Zeit fortsetzt. Weil es länger gedauert hat, bis sich der Bluthochdruck entwickelte, wird es länger dauern, bis er wieder sinkt. Auch hierbei kommt es auf den Einzelnen an, wie viele Stunden er täglich Übungen macht, wie viel er in die Waagschale wirft. Was geben Sie uns mit auf den Weg?Ein Zitat von Konfuzius. Er sagt: Der Weg der goldenen Mitte ist schwer zu beschreiten. Das soll nicht etwa bedeuten, dass man gefühllos durchs Leben geht. Man nimmt am Leben anderer Anteil, doch man bewahrt sich einen Rückzugsort im Inneren, in dem man nicht wirklich im Wesenskern betroffen ist. Was auch immer passiert.Das Gespräch führte Marion Hughes.------------------------------Zur Person // Bereits im Alter von vier Jahren wurde Zhi Chang Li in die taoistischen Übungen der inneren Kunst eingeweiht. Bevor sich der heute beinahe Sechzigjährige ganz dem stillen Qi-Gong verschrieb, studierte er traditionelle chinesische Medizin und Pflanzenheilkunde und arbeitete mehr als 20 Jahre als Akupunkturarzt in Peking. Heute ist Meister Li, der seit nunmehr 15 Jahren in Deutschland lebt, einer der bedeutendsten Großmeister des Qi-Gong. Sein Wissen um das Fließen des Qi - die uralte Kunst, die Lebenskraft zu stärken und frisch zu halten - hat er bei elf berühmten tibetischen und chinesischen Yoga-, Taiji- und Qi-Gong-Meistern erlernt. Zhi Chang Li ist Autor bzw. Co-Autor zahlreicher Bücher über Qi-Gong, u.a. "Mit dem Herzen lächeln" und "Setz dich hin und tue nichts" (beide Heyne Verlag, München). In München und Berlin (Wilhelmsaue 11, Wilmersdorf) betreibt er ein Qi-Gong Zentrum.Informationen im Internet: www.Shiatsu-Qigong-Berlin.de

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.