Sie betreten die Bühne. Nein, sie betreten sie nicht, sie sind auf einmal da. Schleichen sich hinter den großen Verstärkern hervor, knien sich auf den Boden, setzten sich. Eine nimmt ihre Geige auf, stimmt sie. Nein, sie stimmt die Geige nicht, sie spielt. Um sie herum stimmen an einen Kontrabass, einen Bass, zwei Schlagzeuge, drei Gitarren. Lange, gleichbleibende, unharmonische Töne erklingen, schwellen an zu einem Dröhnen. Ein Schraubendreher fährt auf den Saiten einer Gitarre entlang, die verzerrten Klänge mischen sich unter die Schreie der Geige. Dann, nach zwanzig Minuten, klingt eine erste, traurige Melodie an.Godspeed You! Black Emperor sind zurück. Zurück von ihrem Hiatus, der zunächst wie das Ende klang, sich dann aber als siebenjährige Pause herausstellte. Zurück ist eine Band, die im Zentrum des "Postrocks" stand, jenem Versuch, den klassischen Rock zu überwinden - die Rock-Posen auf der Bühne, das Frontmänner-Tum, die Drei-Minuten- Songs mit ihren eingängigen Refrains. Godspeed You! Black Emperor (GY!BE), 1994 gegründet, wurden zu Protagonisten einer Bewegung, die mit orchestralen Arrangements, epischen Stücken und Verzicht auf Gesang begeisterte. Schnell wuchs die Band auf neun Menschen an, die sich als Kollektiv verstanden, und in ihrer Heimatstadt Montreal mit Labeln, Tonstudios und Bühnen halfen, eine einzigartige kreative Musikszene zu schaffen.Nun stehen sie auf der Bühne des Astra Kulturhauses, ihr erstes Konzert seit acht Jahren in Berlin, ihr einziges in Deutschland. Der Saal ist gefüllt mit Erwartungen, das Konzert ist lange schon ausverkauft. Die Musiker kehren dem Publikum immer wieder den Rücken und sich einander die Gesichter zu. Sie lächeln sich an, sie trinken Weißwein aus Gläsern, essen Schokoriegel, schließen die Augen, spielen.Haben sie sich neu erfunden? Nein. Zwar ist Menucks Bart länger, der Bauch von Mauro Pezzante ein wenig dicker und die Haare von Mike Moya an den Schläfen etwas grauer, aber sonst ist Vieles beim Alten: Die Zusammensetzung der Band - selbst Gründungsmitglied Moya ist nach seinem Ausstieg von 1998 wieder dabei. Die Videoinstallationen - an der Wand flackern wie gehabt Bilder von Wortbruchstücken, ausgebombten Häusern und Demonstrationen. Selbst die Songs sind die alten, kein einziges neues Stück, das der Welt von den stolzen Eltern präsentiert werden kann. Die meisten Songs, wie das Eingangsstück "Gathering Storm", sind aus dem 2000 veröffentlichten Album "Lift Your Skinny Fists Like Antennas to Heaven", das als Höhepunkt ihrer Karriere gefeiert wurde.Warum also die Rückkehr? Die einzige Erklärung, die GY!BE im April 2010 verbreiteten hieß: "Alles, was zählt, ist, weiterzumachen mit dem Weitermachen." Die Frage lautet nur: Weiter mit was? Oder anders: Was kommt nach dem Danach?GY!BE müssen sich nicht erklären. Und während sie spielen, machen auch andere mit dem Weitermachen weiter: kriegführende Regierungen, gentrifizierende Klassen und die Musikindustrie - Gegner, die die Band nicht müde wird in Bild und Wort zu erinnern. Trotz dieser Kampfansage hat ihr Auftreten nichts Wütendes, Aggressives. Für kurze Momente wünscht man sich einen Pete Doherty herbei, der in seinem Nicht-Klarkommen mit der Welt alles kurz- und kleinschlägt - aber GY!BE kommen klar.Vielleicht ist es das, was zwar nicht neu, aber politisch und aktueller denn je ist: Soweit klarkommen, dass man sich einbringen, gemeinsam leben kann, mit den ausgebombten Häusern im Hintergrund, denen man wie Engel der Geschichte das Antlitz zuwendet, um ihrer zu gedenken. Dabei dem Publikum den Rücken gekehrt in die Zukunft schreiten, sich gegenseitig anlächeln und Schokoladen-Riegel essen.------------------------------Foto: Nach dem Danach: GY!BE mit einer Hommage an sich selbst.