Over tinder toner/en fred " Wanderer, die an diesem Nachmittag vom Ilmenauer Jagdhaus Gabelbach zum Aussichtspunkt Kickelhahn im Thüringer Wald hinaufsteigen, trauen ihren Ohren nicht. Der Wind weht ihnen fremde Laute entgegen, unverständliche Verse eines Gedichts, dessen Sprachmelodie aber irgendwie bekannt vorkommt. "I skogens kroner/ dempes ned/ hvert vindpust nu " Auf der Bank neben der Holzhütte steht, den Seidenschal um den Hals geschlungen, eine Frau und rezitiert Goethes "Wandrers Nachtlied" auf Norwegisch. Nach ihr erklimmt ein Este die Empore, dann eine Georgierin, dann ein "Faust"-Übersetzer aus Bulgarien. Es folgen ein Koreaner, ein Pole, ein Ungar, ein Slowene, ein Japaner, ein Litauer, eine Rumänin. Ein jeder sagt das berühmte Gedicht in seiner Muttersprache auf. Immer mehr Zuhörer stauen sich auf der felsigen Plattform. Als der Inder die Verse haucht, kläfft ein Wolfsspitz. "Kann nicht mal jemand den Hund still halten?" Mit dem 72 Jahre alten Briten, der als Nächster auf die Bank gehoben wird, stockt der Vortragsfluss. "Das Gedicht ist unübersetzbar", behauptet John Whaley. "Alle englischen Übersetzungen sind furchtbar. Die neueste schlechte stammt von mir."Tänzer in KettenDie Vorlage für dieses rezitatorische Gipfeltreffen schrieb Goethe am 6. September 1780 an genau dieser Stelle an die Bretterwand einer Schutzhütte, die später abgebrannt ist: "Über allen Gipfeln/ ist Ruh ,/ In allen Wipfeln/ Spürest du/ Kaum einen Hauch;/ Die Vögelein schweigen im Walde./ Warte nur, balde/ Ruhest du auch." Die Bude wurde 1874 in ursprünglicher Form wieder errichtet. Seitdem pilgern Goethe-Freunde aus aller Welt auf den 861 Meter hohen, bewaldeten Gipfel, von dem der Dichter schwärmte: "Ich war immer gerne hier, ich glaube, es kommt von der Harmonie, in der hier alles steht: Gegend, Menschen, Klima, Tun und Lassen."Gibt es eine angemessenere Form, Goethe zu ehren, als seine Dichtung von höchster Ebene in alle Welt zu tragen? Eine Woche vor dem 250. Geburtstag des Dichters haben die textsicheren Wandersleut aus Lyon und Seoul, Vilnius und Tokio, Tbilissi und Burkina Faso den Festrednern und Goethe-Huldigern in Frankfurt und Weimar die Schau gestohlen. Fünf Tage lang, vom 18. bis 22. August, tauschten sie auf einem Übersetzerseminar in Erfurt Erfahrungen aus. Am letzten Nachmittag vollzogen alle gemeinsam den Schritt von der Theorie zur Praxis, indem sie in das Städtchen Ilmenau fuhren, wo sich Goethe zwischen 1776 und 1796 in zumeist einwöchigen Aufenthalten mit dem Silberbergbau beschäftigte oder seinen Herzog auf die Jagd begleitete. Mehrmals erholte er sich dabei auf dem "Gickelhahn"."Su tutte le vette/ regna la calma" "Peace comes down/ on the hills ", verhallen die italienische und die englische Gedichtfassung zwischen den Bäumen. Einige der Vortragenden haben sich für eine Nachdichtung aus der Feder ihres Nationaldichters entschieden, andere rezitieren ihre eigene "Nachtlied"-Version, die wie jene von Mister Whaley erst während der Übersetzer-Werkstatt entstand.Nachdichter sind normalerweise schüchterne, in aller Stille und Einsamkeit wirkende Menschen. "Tänzer in Ketten", wie Professor Wuneng Yang, Germanist und Verfasser des 1998 erschienenen Buches "Goethe in China", in Anspielung auf semantische und metrische Beschränkungen meint, mit denen jeder Übersetzer zu ringen habe. Aber man sei auch von seiner Aufgabe beseelt: "Wir tanzen seufzend und froh." Selten findet dieser "Tanz" wie hier in aller Öffentlichkeit statt. Ein Pulk von Kameraleuten und Fotografen hält die Performance fest. Die Stadt Ilmenau entschließt sich spontan, das Innere der Goethe-Hütte mit den internationalen Gedichtfassungen zu "tapezieren".Was Übersetzer wie die 35 von der Goethe-Gesellschaft Weimar eingeladenen Experten aus 20 Ländern Jahr für Jahr in ihrem Kulturkreis leisten, lässt sich sonst nur an Zahlen ablesen: Seit dem 200. Goethe-Jubiläum 1949 wurden über 2 000 Übersetzungen, die von einzelnen Werken bis zu Gesamtausgaben reichen, in mehr als 60 Sprachen publiziert. Neben dem "Faust" mit etwa 500 und den "Leiden des jungen Werther" mit annähernd 300 Ausgaben steht die Lyrik mit etwa 250 Ausgaben an der Spitze der übersetzten Werke. Und Goethe wandert weiter in die Welt: So werden gegenwärtig erstmals der "Werther" ins Slowenische und der "Faust" ins Vietnamesische übertragen. In Südkorea erscheinen, von einem 14-köpfigen Kollektiv übersetzt, zum ersten Mal "Wilhelm Meisters Wanderjahre".Die Bedingungen für die Verbreitung Goethes in der jeweiligen Nationalsprache sind nicht immer einfach. Wegen der Kulturrevolution, erzählt Wuneng Yang (Jahrgang 1938), konnte der "Werther" erst nach 60 Jahren wieder in China erscheinen. 1981 sei der Briefroman in einer Auflage von 1,5 Millionen Exemplaren gedruckt worden und gelte bis heute als das populärste Goethe-Werk in der Volksrepublik. Der "Faust" wurde 1994 in einer Strichfassung in Peking aufgeführt.Vertrauter KlangIn den osteuropäischen Ländern sind die gegenwärtigen Probleme vor allem materieller Natur. Ljubomir Iliev aus Sofia hat schon vor zehn Jahren seine "Faust"-Übersetzung ins Bulgarische (landesweit die elfte) abgeschlossen. In den 89er-Wende-Wirren ging sein Verlag Pleite; erst jetzt, im Goethe-Jahr 1999, konnte der Text gedruckt werden. Da ist man in Tokio weiter: 25 Mal wurde der "Faust" bereits ins Japanische übertragen. Dank der Übersetzung von Professor Rikiya Nishiyama erfreut sich dort Sigrid Damms Buch "Cornelia Goethe" großer Beliebtheit. Mittlerweile ist Nishiyama schon mit der Übertragung des Bestsellers "Christiane und Goethe" beschäftigt.Ase-Marie Nesse aus Oslo schwört auf die therapeutische Wirkung des Übersetzens. Als sie 1996 mit ihrer "Faust"-Übertragung begann, stellten ihr die Ärzte eine Krebsdiagnose. Sie hätte, erzählt die Norwegerin, "zu Gott und Goethe gebetet", man möge ihr noch zwei Jahre geben, um die Übersetzung abschließen zu können. 1998 sei sie beschwerdefrei gewesen und habe sich an die Übersetzung von Goethes Lyrik gemacht. Dann der Rückfall, zweite Chemotherapie. Die Übersetzerin gab ihre Arbeit nicht auf. Jetzt sei der Lyrikband beendet und die Krankheit besiegt."Vandrerens Aftensang" heißt der berühmte Achtzeiler auf Norwegisch. Goethe schuf das Gedicht nach einem vergeudeten Tag in der Ilmenauer Steuerkommission. Es spricht von seiner genervten Sehnsucht nach Ruhe und Harmonie. An 21. und vorletzter Stelle liest die Lettin Maris Caklais ihre Variante von "Wandrers Nachtlied" feierlich aus einer schwarzen Kladde vor. Der nicht mitgewanderte Professor Wuneng Yang gab seinen Auftritt bereits vorab in der Seminarpause am Kaffeetisch. Das Erstaunliche: Im Chinesischen klingt Goethe vertrauter als im Italienischen. Den Schlussakzent setzt Werner Keller, bis Mai 1999 Präsident der Internationalen Goethe-Gesellschaft, mit dem Original. Dann senkt sich wieder Stille über den Berg.Seltsam: Im Chinesischen klingt "Wandrers Nachtlied" vertrauter als im Italienischen."Was man auch von der Unzulänglichkeit des Übersetzens sagen mag, so ist es doch eines der wichtigsten und würdigsten Geschäfte in dem allgemeinen Weltverkehr. " J. W. Goethe

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