Ursprünglich sollte das Lager K.L. Ettersberg heißen. Doch scheiterte die von Himmler bereits verfügte Bezeichnung am Einspruch der "N.S. Kulturgemeinde" Weimar, "weil der Ettersberg mit dem Leben des Dichters Goethe in Zusammenhang steht". So entstand 1937 der künstliche Flurname Buchenwald. Das Gelände wurde abgeholzt, eingezäunt, für die neuen Zwecke rasch entwikkelt und schon bald als Ortsteil Weimars eingemeindet.Mittendrin hatte die SS eine Eiche verschont. Sie verbrannte am 24. August 1944 bei einem alliierten Bombenangriff. Zu DDR-Zeiten wurde ihr Stumpf dann mit Beton ausgegossen, als "Goethe-Eiche" pädagogisch ausgeschildert Symbol für das unschuldige nationale Erbe und das humanistische Bündnis zwischen Stirn und Faust. Zwar hatte es im nicht allzu fernen Schloßpark der Ettersburg eine schon in der Mitte des letzten Jahrhunderts gefällte Buche gegeben, in die Goethe seinen Namen eingeschnitten hatte die Goethebuche. Im Lager aber stand eine Eiche, die dem Aufbaustab erhaltenswert schien, weil sie dick war und besonders deutsch. Historisch haltlos, jedoch in ihren für das Überleben so notwendigen Phantasien hatten erst die Häftlinge den Baum Goethe zugeeignet. Allen voran wohl Ernst Wiechert, der hier im "Totenwald" seiner konservativen Gesinnung wegen in weltanschauliche Beugehaft genommen worden war.Von der messianischen Sendung des Proletariats hatten die Weimarer Klassiker noch nicht viel verstanden, aber sie glaubten an die allmähliche Veredelung des Menschen. Die Nationalsozialisten taten das auf ihre eingeschränkte Weise auch: Sie setzten auf den raschen Zuchtfortschritt der arischen Rasse. Edel-Hilfreich-Gut verwandelten sie in Blond-Stahlblau-Ledern, die Lust am Individuellen in das Gestapoprinzip "Jedem das Seine". Die Universität Jena erhielt den Namen Schillers 1934, der Direktor der Weimarer Kulturstätten, Hans Wahl, der von 1918 bis zu seinem Tod im Jahr 1949 unangefochten amtierte, hatte es sich schon 1925 nicht nehmen lassen, Hitler ganz persönlich in Goethes Sterbezimmer zu führen. Diese Sprache, diese SittenGretchen wurde bald zur tragisch gescheiterten Wehrbäuerin, das ewig Weibliche recht gebärfreudig. Wilhelm Tell mutierte zum ideellen Gesamtnazi, Götz von Berlichingen zum Kaderleiter der Waffen-SS und nebenbei gesagt zum kurzlebigen Protestvornamen der Jahre 1945 bis 1948.Von Herder, Schiller und Goethe führt gewiß kein gerader Weg zu Hitler. Aber umgekehrt galt die Weimarer "Nationalkultur, mit dieser Sprache, diesen Sitten" (Schiller) als Beweis für die angebliche Überlegenheit deutschen Bluts. Die Schätze der Hochkultur gerieten schnell unter den nationalen Treibhammer, in die Idee vom Herrenmenschentum fügten sie sich so problemlos ein.Nach der Wende zeigten die Stadtverordneten von Weimar beachtliche Geistesgegenwart, als sie das von Fritz Sauckel aus dem Boden gestampfte NS-Aufmarsch- und Verwaltungszentrum, das den Weg vom Bahnhof zur Altstadt bricht und an der Stirnseite in den siebziger Jahren durch einen kaum besser proportionierten Zweckbau geschlossen wurde, hintersinnig umbenannten: Der Schandfleck, der erst Gauforum und dann Karl-Marx-Platz hieß, heißt heute schlicht-provokant Weimar-Platz. Die gewählten Vertreter der Stadt vermieden damit eine Unaufrichtigkeit, die sich nur schwer vermeiden läßt. Schließlich bedient sich jedes Geschichtsbewußtsein, erst recht das totalitäre, im historischen Fundus gerne so, als handle es sich um eine traditionale Resterampe, die manches schrille, aber doch praktische Sonderangebot bereithält. Aber die Verantwortlichen der Kulturstadt Europas beschränkten sich nicht auf das Herausputzen der klassischen Gebäude, auf die eine oder andere Provokation und den betulich-betroffenen Shuttle-Verkehr vom Frauenplan nach Buchenwald. Vielmehr eröffneten sie am vergangenen Wochenende die Doppelausstellung "Vom Antlitz zur Maske. Wien-Weimar-Buchenwald 1939" und "Gezeichneter Ort. Goetheblicke auf Weimar und Thüringen". Der glänzend gemachte Katalog ist über Kreuz gebunden, muß also von zwei Seiten geöffnet werden. Demselben Prinzip folgen die Ausstellungsorte.Die Goethe-Zeichnungen werden im Desinfektionsgebäude des ehemaligen KZs gezeigt, gemeinsam mit jenen klassizistischen Möbeln aus Schillers Arbeits- und Sterbezimmer, die im Auftrag des Goethe-Nationalmuseums 1942 von Buchenwaldhäftlingen kopiert wurden. Das erlaubte bald, die Originale verglaste Schränke, Sessel, Schreibtisch, Spinett bombensicher auszulagern.Goethes Skizzen und Aquarelle zeigen die Wartburg im Status vornationalistischer Unschuld. Sie war noch nicht zum Bollwerk protestantisch-germanischer Unausstehlichkeit geworden. Der Kyffhäuser, noch frei vom Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal des Jahres 1896, die Ideallandschaft des mittleren Saaletals, noch ungestört von den Umtrieben reaktionär gewordener Burschenschaftler.Ostjuden zu Gast bei SchillerDie Ausstellung im Schillermuseum geht auf einen Zufall zurück. Erst im vergangenen Herbst hatte die Leiterin der Anthropologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums in Wien, Teschler-Nicola, eine Anfrage an die Gedenkstätte Buchenwald gerichtet und sich nach dem Schicksal von Juden erkundigt, von denen sie anthropometrische Fotografien in ihrer Sammlung verwahrt neben Gesichtsmasken, Büsten, Schädeln von Juden und Polen. Sie waren wie auch die "anthropologischen Bestandsaufnahmen" von slawischen Kriegsgefangenen in der Zeit zwischen 1938 und 1945 inventarisiert worden, um die "Prototypen" einzelner Rassen für Ausstellungszwecke verfügbar zu halten.Die menschlichen Präparate hatte der später berühmte DDR-Anatom Hermann Voss damals aus dem Anatomischen Institut der Reichsuniversität Posen geliefert. Er ließ sich die Köpfe von derFortsetzung auf Seite 12