Der 28 Jahre alte Götz Friedrich, damals Walter Felsensteins Regieassistent an der Komischen Oper zu Berlin, wurde um 1958 mein erster Ost-Berliner Freund. Für mich - in Texas geboren, zwei Jahre in Paris und fünf in München wohnhaft, ehe ich 1956 nach Berlin zog - war es so exotisch und unwahrscheinlich, einen Freund im damaligen sowjetisch besetzten Ostsektor zu haben wie einen auf einem anderen Planeten. Interne Freiheit Ich war seit kurzem Berliner Korrespondent von "Time Life International". Unter dem Österreicher Felsenstein genoß die Komische Oper eine interne Freiheit, die im Ostsektor vielleicht einmalig war. Um mein Material frei sammeln zu können, hat mich der "Chef" (wie jeder Felsenstein nannte) auf verschiedene Proben im Hause eingelassen. Auf einer Probe ging es um die drei Knaben in seiner "Zauberflöte"-Inszenierung. Der auffallend intelligente, geistreiche, sympathische, schöne junge Mann, der damals die Probe leitete, hieß Götz Friedrich.In einer Pause, über Kaffee (genauer gesagt: Kaffe) in der Kantine, habe ich auch mit ihm ein kleines Interview geführt. Das war das erste Gespräch, das ich mit einem musikalischen DDR-Kollegen führen durfte, und da ich spontan einen ungewöhnlich sympathischen Kontakt meinerseits spürte, habe ich die Frage gewagt, ob ich mich mit ihm privat treffen könnte. Herr Friedrich sagte vage, seine Arbeit ließe ihm so gut wie keine Freizeit. Aber durch einen gemeinsamen Freund kam es doch zum ersten privaten Treffen.Als Götz 1972 - noch immer DDR-Bürger - sein Bayreuther Debüt mit einem hervorragenden "Tannhäuser" machte, hat die Festspiel-Pressestelle eine Liste sämtlicher Friedrich-Inszenierungen veröffentlicht. Fast alle ab 1958 kannte ich. Die Premiere werde ich nie vergessen als Musterbeispiel der monströsen Dummheit, die entstehen kann, wenn man emotional und uninformiert Politik mit Musik mischt. Im Schlußchor erschienen die Reihen der Pilger in zeitlos hellen Hemden und dunklen Hosen. Sobald der Vorhang fiel, platzte aus dem vornehmen Premierenpublikum ein Orkan von Buhrufen. Aus mehreren Mündern hörte ich die Behauptung, dieser DDR-Regisseur wolle den Ulbricht-Staat hinter der verhaßten Mauer auf die heilige Bühne des Festspielhauses bringen. Notlösung Nur einige Anwesende wußten, was tatsächlich dahintersteckte. Auf den Schlußproben ergab sich ein unlösbarer akustischer Konflikt. Friedrich wollte am Ende das "Der Gnade Heil" aus dem Zuschauerraum gesungen haben. Aber da war natürlich kein Platz. Auch von hinter der Bühne klang es ihm nicht direkt, aggressiv genug. Die Männer sollten dann auf der Bühne singen. Die improvisierte Notlösung: ganz gewöhnliche - völlig unpolitische - Hemden und dunkle Hosen. Auf der Pressekonferenz am nächsten Morgen wurde Götz Friedrich von mehreren westeuropäischen Presseleuten herablassend, gar feindlich wie ein offizieller Vertreter des Staates behandelt, dessen Staatsangehörigkeit er unbestreitbar besaß. Aus verständlichen Gründen durfte Götz kein klärendes Wort darüber sagen. Daß er die DDR verlassen würde, lag in der Luft. Ausreise Nach Ruth Maria Kubitscheks Übersiedlung in den Westen (auf die später die Scheidung folgte) - als Ruths Mutter, die mit dem kleinen Sohn Alexander eine Zeitlang bei Götz wohnen blieb, ihm mitteilte, sie wolle nicht nur ihrer Tochter folgen, sondern auch den Jungen mitnehmen - erzählte mir mein gequälter Freund: "Bald müßte Alexander zu den Jungen Pionieren, und bald danach ins Schulsystem der DDR mit den von Kindern erzwungenen Lügen - und das kann ich meinem Jungen, den ich über alles liebe, beim besten Gewissen nicht antun." Am Abend des Tages, an dem seine Schwiegermutter ihm ihr Vorhaben mitteilte, erschien Götz zutiefst deprimiert zum Essen bei mir. Im Laufe des Abends haben wir uns, auf Deutsch gesagt, besoffen.Einige Jahre später spielte die Ostwestpolitik wieder eine Rolle in unserer persönlichen Beziehung. Götz war mit der glänzenden DDR-Tänzerin Sighilt Pahl in zweiter Ehe verheiratet. Mittlerweile war er fast überall in West-Europa bekanntgeworden, fuhr aber immer zurück in die DDR. Dann aber kam eine Spielzeit, in der die Komische Oper ihm aus verschiedenen Gründen effektiv keine ihn reizende Regie-Aufgabe anzubieten hatte. So stellte er einen Beurlaubungsantrag, um eine ganze Spielzeit im Westen zu verbringen. Unmittelbar nach dem Bayreuther "Tannhäuser" machte er seine erste Gastinszenierung in Schweden. Seine Frau durfte mit. Ich hatte in Wiesbaden zu tun, als ich ihn in Stockholm anrief. Man hörte und las sogar schon Gerüchte, Götz Friedrich könnte eventuell im Westen bleiben. Er erzählte mir am Telefon, zwei Herren von der Komischen Oper seien nur seinetwegen nach Stockholm geflogen. Seine Worte habe ich noch im Ohr: "Sie haben mir das Blaue vom Himmel versprochen, aber sie bestehen darauf, daß ich - wenn nur für einen einzigen Tag - nach Ost-Berlin komme, damit, wie sie sagen, wir alles an Ort und Stelle besprechen und die notwendigen Papiere unterschreiben können." Götz teilte meine Meinung, daß er und Sighilt, nach der Stellung seines Antrags, nie wieder zusammen würden ausreisen dürfen. Kompliziert In unserem Gespräch kam an jenem Punkt eine Pause. Schließlich sagte ich: "Götz, ich habe den Eindruck, diese Frage ist für Dich schon entschieden worden." Nach längerem Zögern erwiderte er: "Ich glaube, Du hast recht." Erst nachdem die Berliner Mauer 1989 gefallen war, 17 Jahre später, hat er wieder ehemaligen DDR-Boden betreten.Es fiel wahrscheinlich allen führenden Mitgliedern der Komischen Oper aus der Felsenstein-Zeit niemals leicht, das einmalige Haus zu verlassen. Als Götz manchen westlichen Erfolg für sich buchen konnte, wurde das Verhältnis zwischen seinem Ost-Berliner Chef (noch mehr der Ehefrau seines Chefs) und ihm immer komplizierter. Einige wollten sogar wissen, daß, als seine Inszenierung von "Porgy and Bess" zum echten Hit wurde, Frau Felsenstein versucht haben soll, sie absetzen zu lassen. Später hat mir Götz erzählt, daß Maria ihn oft in der Deutschen Oper Berlin besucht hat. Er hatte zu ihr ein respektvoll-herzliches Verhältnis. Ich glaube, er wollte die DDR verlassen, nicht Felsenstein.In den Jahren, seitdem Götz seinen Wohnsitz in den Westen verlegte, hat er an fast jedem führenden Opernhaus der Welt inszeniert, aber noch nie an New Yorks Metropolitan Opera. Eines Tages bekam ich einen Brief von meinem Freund Schuyler Chapin, der Intendant der Met geworden war. Er wollte einen Chefregisseur engagieren. Ich habe zurückgeschrieben, von den aktiven Opernregisseuren würde ich Friedrich an die erste Stelle setzen - mit ein paar leeren Stellen vor der nächsten Eintragung.Schließlich machte die Met Götz ein festes Angebot. Später hat er mir erklärt, warum er abgewunken hatte. Felsenstein konnte es sich leisten, eine Neuinszenierung buchstäblich "so lange wie nötig", wie er sagte, zu probieren. Auch seine Hauptproteges Götz Friedrich und Joachim Herz genossen in seinem Haus annähernd ähnliche Arbeitsbedingungen. Die großzügigsten Probenbedingungen, die ihm die Met anbieten konnte, fand er zuwenig für die musikdramatische Qualität. Außerdem, sagte er mir, er fühle sich viel zu sehr als Europäer, um sich an New York als Wohnort zu gewöhnen.In mancher Hinsicht ist Götz Friedrich nicht mehr derselbe Regisseur, den ich vor fast 40 Jahren kennenlernte. Bei den Felsensteinianern war es Prinzip, jede Oper in der Sprache des Publikums zu inszenieren. Das Hamburger Publikum wünschte sich Oper in der Originalsprache, und Götz ist dem Wunsch - nach heftigem Streit mit mir - auch entgegengekommen. Von Übertiteln in seinem Berliner Haus will Götz erst seit seinem "Maskenball" 1993 etwas wissen Versöhnliche Stimme Bei einer seiner ersten Inszenierungen als Oberspielleiter der Hamburgischen Staatsoper ging es um eine kleine "Oper" über Francois Villon, geschrieben vom großen amerikanischen Dichter Ezra Pound. Während des Zweiten Weltkrieges hatte Pound haarsträubend antisemitische Funksendungen auf Englisch aus Italien gemacht. Nach der Hamburger Premiere habe ich Götz böse attackiert, weil er meines Erachtens Pounds faschistische Einstellung bagatellisiert hatte. Noch auf den Zuschauerbänken fand zwischen uns der schärfste Streit unserer ganzen Freundschaft statt. Einige Tage danach klingelte mein Telefon in Berlin, und ich hörte seine versöhnliche Stimme: "Hier spricht der Faschist."Gern würde ich noch beschreiben, wieviel Vergnügen ich hatte, als ich mit Karan Armstrong und dem hellen kleinen Johannes in der Zeit zusammen war, in der sie in San Francisco in Poulencs "La Voix Humaine" auftrat. Nun wußte ich: Aller guten Dinge sind drei. Durch Karan hat Götz seine innere Heimat gefunden.Nur wenige Theaterleute haben dem Berliner kulturellen Leben soviel gegeben wie Götz Friedrich.Lieber Götz, alter Freund, Dir sowohl wie unserem gemeinsam geliebten Berlin wünsche ich noch viele, viele solcher Jahre mehr! Der Journalist Paul Moor lebt zur Zeit in San Francisco. Seinen Beitrag, den wir hier in gekürzter Fassung drucken, entnahmen wir dem Buch "Opern, Zeiten, Entwürfe, Erfahrungen, Begegnungen mit Götz Friedrich". Die Festschrift zum 65. Geburtstag erscheint Mitte August im Propyläen Verlag (68 Mark).