KARLSRUHE. Ursula Puppke hatte ein paar Schwierigkeiten am Anfang. Sie lässt es dramatischer klingen, sie sagt: "Ich habe gedacht, ich weiß nicht, ob ich das hier überlebe." Plötzlich war vieles nicht mehr, wie sie es gewohnt war. Gewohnt war sie zu tun, was ihr gesagt wurde. Das hatte sie gelernt, in der Berliner Drogerie, in der sie vierzehn Jahre lang arbeitete. Wenn nichts gesagt wurde, tat sie das, wofür sie gerade eingeteilt war. An der Kasse sitzen, Regale einräumen. Manchmal war auch nichts zu tun, und Ursula Puppke wartete im Aufenthaltsraum darauf, dass sie eine Aufgabe bekam.Dann wurde sie entlassen, weil ihr Arbeitgeber Geschäfte schloss. Vor einem halben Jahr fand sie eine neue Stelle bei der Drogeriemarktkette dm, Filiale Wilmersdorfer Straße in Berlin, und seitdem sieht Ursula Puppke, 46, vieles ein wenig anders. Ihren Job und auch sich selbst. So richtig gesagt hat ihr anfangs niemand, dass an ihrem neuen Arbeitsplatz etwas andere Regeln gelten. Aber sie hat es gemerkt. Und es hat ihr Angst gemacht. "Man war das ja nicht gewohnt, solche Freiheiten. Ich hab mir das nicht gleich zugetraut. Und ich musste erst herausfinden: Wie ist das gemeint? Wie weit darf ich gehen? Plötzlich hieß es nicht mehr, so und so läuft es hier, sondern: Mach mal."Ursula Puppke holt jetzt nicht mehr ihren Chef, wenn ein Kunde mit einer Reklamation kommt. Sie entscheidet selbst, was gemacht wird. Wenn sie beschädigte Ware sieht, nimmt sie diese gleich aus dem Regal und schreibt auf, dass etwas kaputt war. Wenn etwas in Unordnung ist, irgendwo im Laden, macht sie Ordnung. Kleine Dinge. Für Ursula Puppke waren sie groß.Sie möchte jetzt nicht mehr anders arbeiten. "Man steht nicht mehr so dumm da", sagt sie. "Das wirkt sich aus, auch allgemein."Götz Werner sitzt an seinem Schreibtisch in der dm-Zentrale am Stadtrand von Karlsruhe, er hört zu, was Ursula Puppke erzählt hat, und dann sagt er: "Zutrauen veredelt den Menschen, ewige Bevormundung hemmt seine Reife." Sein Leitspruch, ein Zitat von Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom Stein, preußischer Staatsmann und Reformer. Götz Werner lächelt jetzt fein. Freiherr vom Stein, Frau Puppke in der Wilmersdorfer Straße. Es passt zusammen. Das System Werner funktioniert.Götz Werner, 62, ist der Chef von Ursula Puppke. Er ist der Chef von insgesamt 23 000 Menschen, die in 1 642 dm-Filialen arbeiten, 800 davon sind in Deutschland, der Rest in Österreich und Osteuropa. Er ist einer der wichtigsten Arbeitgeber des Landes. Man hat gewisse Vorstellungen von einem Mann, der ein Unternehmen mit über drei Milliarden Euro Umsatz im Jahr aufgebaut hat. In einer Branche, in der die wichtigsten Konkurrenten Schlecker und Rossmann heißen, und in der man als Kunde merkt, dass man hart umkämpft ist. Weil es so viele Drogeriemärkte gibt, die meist klein sind und überfüllt, und ihre Fensterscheiben beklebt mit Hinweisen auf besonders billige Angebote.Man erwartet also durchaus die eine oder andere Theorie von dem Gründer der Firma, die auf diesem Markt die zweitgrößte geworden ist, nach Schlecker. Dazu, wie man besteht im Verdrängungswettbewerb, und noch wächst. Man rechnet mit Managertheorien. Und erwartet nicht Sätze wie: "Ein Unternehmer wird durch Liebe nicht blind, sondern sehend", oder "Die eigentliche Sünde ist das, was ich unterlasse".Solche Dinge sagt Götz Werner, er kann Großteile einer Unterhaltung mit ihnen bestreiten. Sie sind verwirrend, diese Sätze, die ein wenig nach Predigt klingen und ein wenig nach Lebenshilfe-Seminar und aus dem Mund eines freundlichen grauhaarigen Mannes kommen, in leicht badischem Einschlag. Man hört ihnen zu und merkt nach einer Weile, dass sie die Knoten sind, zwischen denen sich das Wernersche Denken aufspannt, ein fest geknüpftes Ideen-Netz. Auch der Spruch von Theodor Storm gehört dazu, der im Foyer der dm-Zentrale auf eine lange Stoffbahn gedruckt hängt: "Der eine fragt: Was kommt danach? Der andere fragt nur: Ist es recht? Und also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht."Der Mensch, besagt diese Weltsicht, ist gut. Er wird besser, je mehr man ihm vertraut, auch bei der Arbeit. Es ist eine tröstliche, aber auch kämpferische Sicht. In ihrer Absolutheit wirkt sie etwas schlicht, wie aus einer anderen, aufklärerischen Zeit. Weil die Dinge ganz so einfach nicht scheinen, einerseits. Und weil die Arbeitswelt eher so ist im Moment, dass viele Menschen den Arbeitsplatz, auf dem ihnen dann Vertrauen entgegengebracht werden könnte, gar nicht haben.Man sitzt Götz Werner gegenüber und hat viele Fragen, und er antwortet, indem er Knoten um Knoten an sein Gedankennetz fügt, Rudolf Steiner zitiert, den von ihm verehrten Anthroposophen, und Einstein und das Neue Testament; dabei könnte er auch schweigen und ein Argument wirken lassen, ohne das er nur ein Mann wäre mit Hang zum Idealismus und zum belesenen Zitieren: seinen Erfolg. Die 23 000 Angestellten, die vielen Auszubildenden, die Neueröffnungen, der wachsende Umsatz. Die Preise für faires und innovatives Unternehmertum. Thomas Schark von der Gewerkschaft Verdi, der sagt: "Was dm macht, ist schon ziemlich einmalig."Frau Puppke, Herr Werner und Herr Schark, all das verschwimmt zu etwas Größerem. Zu so etwas wie einem Wunschbild vom Standort Deutschland. Unternehmen, die Arbeitsplätze schaffen und menschlich sind. Und das ganz ohne Gesetze. Sondern einfach, weil jemand beschlossen hat, dass es so richtig ist.Thomas Schark ist bei Verdi für den Bereich Handel in Nordbaden zuständig. Er weiß um den schlechten Ruf der über der Drogerie-Branche hängt. "Wenn man sich aber dm ansieht, muss man sagen: Man kann hier von einem fairen Arbeitgeber sprechen." Es klingt wie eine Auszeichnung. Etwas Besonderes.Verdi lobt Prinzipien wie jenes, dass jeder Angestellte bei dm möglichst viel Eigenverantwortung bekommt. Die flachen Hierarchien. Filialleiter können selbst bestimmen, was sie ins Sortiment nehmen. Bezahlt wird nach Tarif. Löhne werden in der Zentrale Leistungsbeitrag genannt, nicht Personalkosten. Auch Bewerber Mitte Vierzig haben eine Chance. Auszubildende heißen "Lernlinge" und werden zu Theater-Workshops geschickt, um sie selbstbewusster zu machen.Werner Götz hat sich die Branche nicht ausgesucht. So wie er es erzählt, war einfach klar, was aus ihm werden würde. Der Großvater hatte eine Drogerie. Der Vater. Er wollte auch eine. In den 60er-Jahren, als Werner seine Lehre machte, waren Drogerien kleine geheimnisvolle Läden, in denen vieles selbst angerührt wurde. Mit 29 Jahren eröffnete Werner seine erste eigene Drogerie. Sie sollte anders sein. Billiger, übersichtlicher, ein wenig wie ein Supermarkt. An die Sache mit dem Vertrauen in die Menschen dachte er damals noch nicht so sehr. Das kam später, je mehr er las, Rudolf Steiner vor allem. Da hatte er schon einige Filialen eröffnet, die Firma hat nie aufgehört zu wachsen.Man hätte Wünsche an Götz Werner. Dass er darlegt, zum Beispiel, warum die Wirtschaft im Land so geworden ist, dass jemand wie er als Ausnahme-Unternehmer gilt, und so viele andere Manager der Ruf sozialer Kälte umweht. Aber man kommt da nicht recht weiter bei ihm. "Das Onkel-Dagobert-Bild, das viele Menschen haben, ist falsch", sagt er. "Wirtschaft ist immer ein Miteinander, und wenn das nicht so wäre, ginge es uns nicht so gut." Jeder Unternehmer vertraue seinen Mitarbeitern, sonst könne er nicht wagen, was ein Unternehmer wagen muss. Vielleicht ist sie wirklich so harmonisch, die Welt des Götz Werner. Vielleicht will er auch nicht schlecht über andere reden.Er hat sein Gedankennetz jetzt noch etwas weiter ausgespannt. Es umfasst nun ganz Deutschland und eigentlich die ganze Welt. Eine Welt, in der es immer weniger Arbeit geben wird und in der dennoch nur der arbeitende Mensch als funktionierendes Mitglied der Gesellschaft gilt. Werner hat eine Idee für sich entdeckt, im November hat er für sie geworben, in großen Zeitungsanzeigen: "Ein Grund für die Zukunft: Das Grundeinkommen", stand darüber, am Ende stand Götz Werners Name und dazwischen etwas, das sich las wie eine Utopie. Von Menschen war die Rede, die arbeiten, nicht weil sie müssen, sondern weil es ihnen ein Bedürfnis ist. Von einem Leben ohne Existenzsorgen, weil der Staat jedem ein Einkommen zahlt, egal, was er ist und leistet. An 1 500 Euro war gedacht.Es gab viele Reaktionen auf die Anzeigen. Ob er im Ernst glaube, die Leute würden arbeiten gehen, wenn der Staat ihnen das Nichtstun bezahle, wurde Werner gefragt. Er lächelte die Einwände einfach weg. Wieder und wieder sprach er vom Bedürfnis des Menschen, sich einzubringen, in einer Gemeinschaft tätig zu sein, eine Aufgabe zu haben. Götz Werner redete, zitierte, spann sein gnädiges Menschenbild um die kritischen Fragen. Irgendwann schienen sie dahinter zu verschwinden. Übrig blieb ein Mann, der weiß, er muss sich nicht weiter erklären. Wichtig ist, dass Leute wie Ursula Puppke aus der Berliner dm-Filiale in der Wilmersdorfer Straße ihn verstanden haben.------------------------------Foto: Herr der Dinge: Götz Werner in einem dm-Drogeriemarkt in Karlsruhe.