Greif zur Feder, Kumpel! Mit diesem Slogan versuchte die DDR Arbeiter dazu zu bewegen, nicht nur Erbswurst oder Schrauben, sondern auch Literatur zu produzieren. Mit mäßigem Erfolg, mäkeln Wissenschaftler. Mehr als 40 Jahre später gibt es jetzt einen neuen Versuch, Outsider des Literaturbetriebs zum Schreiben zu motivieren. Nun heißt es: Greif zur Feder, Fahrgast! Ob diesmal Lesenswerteres dabei herauskommt - wir werden sehen. Auf jeden Fall sucht der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) bis zum 30. Dezember Kurzgeschichten, die in Bussen und Bahnen spielen. Länge: bis zu 15 Seiten. Die Firma Wellhausen & Marquardt Medien am Eppendorfer Weg 109 in 20259 Hamburg sammelt die Storys - gefordert sind je ein Ausdruck und eine Diskette. Die schönsten Geschichten erscheinen im März in einem Buch. Der Aufruf enthält aber auch eine Warnung: "Entscheidend ist, dass Ihre Geschichte unterhaltsam ist." Das engt den Themenkreis leider erheblich ein. Denn natürlich können Fahrgäste eine Menge Geschichten erzählen, doch wirklich unterhaltsam sind sie meist nicht. Da ist der Pendler aus Rangsdorf, der gestern wieder mal eine Stunde zusätzlich auf dem zugigen Bahnsteig abstehen durfte - sein Regionalexpress war ausgefallen. Da ist die Frau, der regelmäßig die Straßenbahn vor der Nase wegfährt, weil der Zug meist zu früh kommt. Und da sind die Ratlosen, die vergebens versuchen, einem BVG-Automaten ein Ticket nach Brandenburg zu entlocken. Die Funktionen sind so gut versteckt, dass es schon viel Zeit oder Glück braucht, um sie aufzuspüren. Wer das alles veröffentlicht sehen will, sollte die Hoffnung dennoch nicht aufgeben. Vielleicht gibt es ja noch eine Nachfolge-Edition: die Bände 2 bis 100.