MCALLEN/FALFURRIAS - „Das Ding ist unnütz, völlig unnütz.“ Scott Nicol steht vor dem Grenzzaun, der die USA von Mexiko trennt, und schüttelt den Kopf. Der hagere Mann mit Pferdeschwanz schiebt sich die Baseball-Kappe tiefer in die Stirn und packt mit beiden Händen eine der rötlichen Eisenstangen, die in der Halbwüste von Texas in die Höhe ragen. Mit spöttischem Unterton in seiner Stimme sagt er: „Mann, wenn das kein Widerspruch ist, dann weiß ich auch nicht.“

Der 44-jährige Nicol merkt jetzt, dass er den zweiten Satz vor dem ersten gesagt hat und schiebt schnell hinterher: „Vor 25 Jahren haben unsere Politiker den Fall der Berliner Mauer bejubelt. Heute bauen sie hier wieder eine Mauer auf. Wer glaubt eigentlich daran, dass es eine Invasion aus Mexiko geben könnte? Ich nicht.“ Niemand lasse sich von dieser Karikatur einer Grenzbefestigung aufhalten, sagt Nicol und zeigt auf zwei Holzleitern, die an den Eisenstangen liegen: „Mit solchen simplen Dingern steigen die hier über den Zaun.“

Unnütze Geldverschwendung

In vergangenen Monaten hat der Künstler und College-Lehrer immer öfter das Gefühl gehabt, recht zu haben. Denn mehr als 80.000 Kinder und Jugendliche sind – mit und ohne Begleitung von Erwachsenen – seit vergangenem Herbst aus ihren mittelamerikanischen Heimatländern über den Grenzfluss Rio Grande in die USA geflohen. So etwas hat Nicol noch nicht erlebt. Für ihn ist das der Beweis: Der Grenzzaun existiert, aber er ist kein Hindernis, also unnütze Geldverschwendung.

Die US-Regierung in Washington sieht das freilich anders. Der Zaun entlang der Südgrenze zu Mexiko ist mittlerweile fast 700 Meilen lang. Er wird von mehr als 20.000 Beamten der Grenztruppe bewacht, und die Politiker in Washington sagen, das werde die illegale Einwanderung aus Lateinamerika stoppen.

Doch das Vorhaben, begonnen schon unter Barack Obamas Vorgänger George W. Bush, ist weitgehend gescheitert. Entstanden dagegen ist eine Art Zonenrandgebiet, in dem es von Uniformierten nur so wimmelt. Der Unterschied ist allerdings: Flüchtlinge aus der DDR waren in Westdeutschland willkommen, die Flüchtlinge aus dem Süden sind es in den USA nicht.

Weil der Treck der Verzweifelten aus Honduras, Guatemala und San Salvador sich von einem Band aus Eisenstangen nicht wirklich aufhalten lässt, ist der Gouverneur von Texas auf die Idee gekommen, die bereits hinreichend militarisierte Grenzregion noch ein bisschen mehr zu militarisieren. Der Republikaner Rick Perry stellt dafür jetzt Monat für Monat 18 Millionen US-Dollar bereit und hat die Nationalgarde in Marsch gesetzt. Man wisse ja nie, sagt Perry. Am Ende könnten sich noch islamistische Extremisten den jugendlichen Immigranten anschließen und Anschläge in Amerika verüben.

Das Argument zieht in den USA immer, und für Perry könnte die Sache auch von Vorteil sein. Es heißt, der Republikaner denke über eine Kandidatur für das Präsidentenamt im Jahr 2016 nach. Da kann es gar nicht schaden, sich der Wählerschaft als aufmerksamer Grenzsoldat zu präsentieren.

Seit einigen Tagen stehen nun einige Hundert Nationalgardisten im dichten Mesquite-Gestrüpp an der Grenze und schauen auf den Rio Grande. Sie tragen Pistolen und Schutzwesten. Mit Journalisten dürfen sie nicht sprechen. Sie wirken gelangweilt. Dieses Schicksal teilen sie mit den Beamten der texanischen Highway Patrol. Dutzende der Autobahnpolizisten sind in schwarzen Fahrzeugen entlang des Old Military Highway postiert, der von McAllen im Westen nach Brownsville im Osten führt. Immer an der Grenze entlang.

Wenn Scott Nicol in seinem klapprigen Pick-up an der Staatsmacht vorbeifährt, fragt er sich manchmal halblaut: „Was soll das eigentlich? Die Einwanderer kommen aus dem Süden und wollen nach Norden. Keiner von ihnen benutzt die Ost-West-Route. Wenn die Menschenschmuggler sich nur an die Geschwindigkeitsbeschränkung halten, dann haben sie nichts zu befürchten.“ Er wisse manchmal nicht, ob er weinen oder lachen solle, sagt Nicol.