Über Nacht, berichteten jüngst die griechischen Medien, hätten auf der Schwammtaucher-Insel Kalymnos „100 Blinde ihr Sehvermögen zurückerlangt“. Ein Wunder? Von wegen! Amtsärzte der Rentenkasse IKA hätten im Juni die Insel besucht und die Blinden zum Sehtest zitiert. Und siehe da: Von den 152, die sich der Untersuchung gestellt hätten, hätten sich nur 52 tatsächlich als blind erwiesen. Die restlichen 100 hätten sich einfach eine Invalidenrente erschlichen. Häme und Spott ergoss sich aus dem In- und Ausland über Kalymnos, die „Insel der Scheinblinden“. Da war er wieder, der unverbesserliche Grieche – ein latenter Sozialbetrüger.

Nur: Die Zahlen sind falsch. Wie die Rentenkasse mittlerweile offiziell mitteilte, basierten die Berechnungen auf fehlerhaften Angaben der zuständigen Behörden. Nach penibler Nachprüfung der Daten habe sich ergeben, dass in der Region Kalymnos lediglich 89 Personen Blinden-Renten erhielten. Von ihnen seien bei dem jüngsten Sehtest lediglich 28 – und nicht 100 wie ursprünglich gemeldet – als tatsächlich Nicht-Blinde eingestuft worden. Gegen den Verantwortlichen für die Herausgabe der Falschmeldung sei unterdessen ein Disziplinarverfahren eingeleitet worden.

„Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte“, sagte Dionysis Patsouris von der Rentenkasse auf Anfrage der Berliner Zeitung. „Aber auch 28 Fälle von Sozialbetrug sind 28 Fälle zu viel.“ Recht hat er. Doch die betreffende Blinden-Statistik betraf von Beginn an nicht nur Kalymnos mit seinen 18.621 Einwohnern, sondern auch die benachbarten Eilande Leros, Patmos, Astypalea sowie Leipsous. Die fünf Inseln in der Ost-Ägäis haben zusammen 35.000 ständige Einwohner. 28 Scheinblinde unter ihnen mit einer Blindenrente von durchschnittlich 350 Euro im Monat entsprechen demnach 0,08 Prozent der Bevölkerung. Für Griechenlands drohende Staatspleite muss man wohl doch noch andere Ursachen suchen.