Das rot gestrichene Boot schaukelt leicht auf den Wellen. Wenige Kilometer vor der Küste der griechischen Insel Alonnisos hat der Fischer frühmorgens sein Netz gesetzt. Nun, in den Nachmittagsstunden, holt er es mit der Winde wieder an Bord. Bald wird klar, dass er heute kein Glück hatte. Meter um Meter taucht das Netz aus dem Wasser auf und fördert hauptsächlich Steine zu Tage. Zwei Hummer und sieben oder acht Fische - das ist alles, was in zweieinhalb Kilometern Maschengeflecht hängen geblieben ist. Wie überall in der Ägäis hat die Überfischung auch in den Gewässern der nördlichen Sporaden die Meeresfauna dezimiert. Immer schwieriger wird es, vom Fischfang zu leben. Dabei genießen die einheimischen Küstenfischer mit ihren traditionellen Booten dort ein Privileg: Sie sind die einzigen, die ihre Netze in den Gewässern um Alonnisos und seine Nachbarinseln auswerfen dürfen. Die großen Trawler, die früher dort das Meer leerfischten und mit ihren Fangmethoden die wertvollen Seegraswiesen zerstörten, wurden aus dem Gebiet verbannt. So steht es im Gesetz, das die griechische Regierung 1992 für den "Meeresnationalpark Nördliche Sporaden" erließ. Im ersten solchen Park in Griechenland stehen seither 23 000 Hektar Inseln und Meer unter Schutz - ein Erfolg der gemeinsamen Bemühungen griechischer und deutscher Naturschützer. Seit zehn Jahren setzen sich die Umweltstiftung Euronatur, die ihren Sitz im baden-württembergischen Radolfzell hat, und die örtliche Organisation "Ecological and Cultural Movement of Alonnisos" (ECMA) für den Schutz des Gebietes ein. Sie wollen einen Lebensraum erhalten, der einem der seltensten Säugetiere der Welt eine Heimat bietet: der Mittelmeer-Mönchsrobbe.Die Naturschützer arbeiten dabei mit der örtlichen Fischereikooperative und der Hotelbesitzervereinigung zusammen. Das gemeinsame Ziel: Der Park soll den Robben eine Überlebenschance und zugleich der Bevölkerung ein Auskommen garantieren. "Beispielhaft wollen wir hier zeigen, wie sich Naturschutz und sanfter Tourismus verbinden lassen", erläutert Euronatur-Projektleiter Gerald Hau. Das Vorhaben hat auch die Jury der Expo in Hannover überzeugt. Es ist als eines der "Weltweiten Projekte" im griechischen Pavillon zu sehen. Kürzlich informierten die Projektmitarbeiter griechische und deutsche Journalisten auf den Inseln über Erfolge und Schwierigkeiten der Schutzbemühungen.Jannis Vlaikos, der Vorsitzende der ECMA, nutzt die Gelegenheit, um sich Ärger und Frustrationen von der Seele zu reden. Die blanke Wut steht ihm ins Gesicht geschrieben, sobald die Rede auf das griechische Umweltministerium kommt: "Wir bekommen vom Staat keinerlei Unterstützung, im Gegenteil: das Ministerium torpediert unsere Bemühungen noch." Ein Beispiel hat er gleich parat: Nur drei Schiffe haben die behördliche Erlaubnis, Besucher in den Park zu fahren. Also muss das Journalistengrüppchen von etwa 40 Personen seine Reise in die Inselwelt auf einem großen Ausflugsschiff für 600 Passagiere antreten - mit allem damit verbundenen Lärm und Treibstoffverbrauch. "Der reine Wahnsinn", schimpft Vlaikos. Er und seine Mitstreiter werben für ein anderes Konzept. Dürften die etwa 40 Fischer von Alonnisos die Touristen transportieren, so hätten sie ein zusätzliches Einkommen - und einen Anreiz, sich für den Nationalpark einzusetzen. Vlaikos deutet über die Reling auf die Anlegestelle der Insel Kyra Panagia - eine der wenigen Stellen im Schutzgebiet, wo der Besucher an Land gehen darf. "Die Natur muss doch Schaden nehmen, wenn hier 600 Leute gleichzeitig aus dem Schiff strömen", meint er. Kyra Panagia ist eine der so genannten verlassenen Inseln, die das eigentliche Zentrum des Parks bilden. Kein Mensch lebt heute auf den mehr als 20 Eilanden, deren helle und bräunliche Felsküsten steil aus dem in sämtlichen Blau- und Grüntönen schillernden Meer ragen. "Hier finden Tiere und Pflanzen Rückzugsräume, wie es sie in der Ägäis kaum noch gibt", schwärmt Gerald Hau. So brüten an den Steilküsten Habichtsadler, von denen es nur noch sehr wenige gibt. Auf den kleinen, flachen und steinigen Inseln nistet auch die seltenste Möwe Europas, die Korallenmöwe. Vor den Küsten tauchen oft die dunklen Silhouetten springender Delfine aus dem glitzernden Wasser. Die eigentlichen Stars des Parks bleiben jedoch im Verborgenen. Die Mönchsrobben haben nach jahrhundertelanger Verfolgung gelernt, sich vom Menschen fern zu halten. Sie haben sich an unzugängliche Felsküsten zurückgezogen und ziehen ihre Jungen in versteckten Höhlen auf, die die Brandung in den Fels gewaschen hat. Die scheuen Tiere bergen auch für Wissenschaftler noch viele Geheimnisse. Einige davon versucht der Meeresbiologe Daniel Cebrian zu lüften. Beispielsweise hat er herausgefunden, warum Mönchsrobben in Gefangenschaft bisher immer schnell verendeten. Den entscheidenden Hinweis lieferten Knäuel aus Seegras und Tintenfischstückchen, die Cebrian und seine Kollegen in den natürlichen Rückzugsgebieten der Tiere fanden. "Wie viele Raubtiere fressen die Robben Pflanzen, um ihr Magen-Darm-System zu reinigen", erklärt der Biologe. In Gefangenschaft fehlte ihnen schlicht das Seegras für diesen lebensnotwendigen Prozess. So sind die in Freiheit schwimmenden Robben die letzten ihrer Art. Zwischen 230 und 340 Tiere soll es nach Berechnungen Cebrians in Griechenland noch geben, etwa 30 bis 40 davon im Gebiet der nördlichen Sporaden. "Das ist eine ganze Menge, wenn man bedenkt, dass der Weltbestand auf weniger als 500 Tiere geschätzt wird", sagt Cebrian.Vielerorts sind die Meeressäuger, die Vorbild für die Sirenen - Fabelwesen aus Homers Odyssee - gewesen sein sollen, verschwunden. Meeresverschmutzung, Lebensraumverlust und Verfolgung haben zu ihrem Tod beigetragen. Welche Überlebenschancen die verbliebenen Tiere haben, ist auch für die Experten schwer zu beantworten. "Robben und Menschen könnten durchaus zusammenleben, wenn es für beide genug Fisch gäbe", glaubt Gerald Hau. Doch bis heute werden Robben von erbosten Fischern erschlagen, die ihre Netze geplündert sehen. "Dieses Problem haben wir auf den Sporaden gut in den Griff bekommen", sagt Hau. Keine fremden Trawler in den Gewässern, dafür keine getöteten Mönchsrobben - so lautete bereits vor der Einrichtung des Nationalparks der Kompromiss mit der Fischereikooperative. Zunächst sorgten die Fischer selbst dafür, dass sich kein Boot unerlaubt in ihren Gewässern aufhielt, 1990 ging die Überwachung auf eine private Organisation über. "Die Konsequenzen dieser Umstellung kann man an den Fischereidaten genau ablesen", sagt Cebrian und zieht eine Grafik aus seinen Unterlagen. Sie zeigt, dass sich die Bestände unter der Obhut der Fischer gut erholten. So stiegen die Fangmengen zwischen 1986 und 1989 von 2 500 Kilogramm auf beinahe das Doppelte. Doch nachdem die private Organisation auf den Plan trat, landete wieder weniger Fisch in den Netzen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass wieder mehr illegal gefischt wird. Offenbar hat das derzeitige Überwachungssystem Lücken. Diese kann offenbar auch die Hafenpolizei von Alonnisos nicht schließen, die mit zwei Schnellbooten im Park patrouilliert. Eigentlich müsste sich eine Nationalparkverwaltung um die Kontrolle des Gebietes kümmern. Eine solche Behörde gibt es jedoch bis heute nicht - wieder so ein politisches Versäumnis, das Vlaikos und seine Kollegen maßlos ärgert. Doch bis Ende des Jahres muss die griechische Regierung dem EU-Recht zufolge eine solche Verwaltung einrichten, andernfalls drohen saftige Strafen. Und so gibt sich auch der kämpferische Jannis Vlaikos optimistisch, als das Schiff wieder in den Hafen von Alonnisos einläuft. "Wir hatten bisher mehr Erfolg als bei all den Schwierigkeiten zu erwarten war."Das Bild links zeigt die Steilküste der Ägäisinsel Kyra Panagia. Sie gehört zu den verlassenen Inseln der Kernzone des "Meeresnationalparks Nördliche Sporaden" (siehe Karte rechts). In dieser Zone leben keine Menschen.Mönchsrobben gehören zu den seltensten Säugetieren der Welt. Der "Meeresnationalpark Nördliche Sporaden" bietet den Robben ein wichtiges Rückzugsgebiet.