ATHEN, 13. August. Man darf immer mal wieder daran erinnern: Jacques Rogge ist Chirurg. Bis zu seiner Wahl zum IOC-Präsidenten im Juli 2001 legte er jährlich tausend Mal das Skalpell an. Rogge, der 62-jährige belgische Comte, ist ein Mann für harte Fälle. Er packt an, war ja früher auch Olympiasegler und Rugby-Nationalspieler. All jenen, die Rogge seit seiner IOC-Krönung regelmäßig beobachten konnten, blieb nicht verborgen, dass er in den vergangenen 37 Monaten viel Kraft gelassen hat. So fahrig wie am Freitag im Hauptpressezentrum der Olympischen Spiele in Athen hat man den IOC-Präsidenten allerdings noch nie erlebt. Mehrfach beendete er angefangene Sätze vorzeitig. Immer wieder wandte er sich an die neben ihm sitzenden Helfer. Allein an technischen Problemen mit den Kopfhörern, aus denen die Stimmen der Dolmetscher klangen, kann das nicht gelegen haben. Rogge war nervös wie noch nie.Da hat er nun Jahre auf den IOC-Vorsitz hingearbeitet, hat danach seinen harten Kurs - auch den gegen Doping - konsequent fortgeführt, gegen mächtige Widerstände im und außerhalb des IOC. Nun sieht er sich mit Beginn der Spiele der XXVIII. Olympiade, die seine ersten Sommerspiele als Präsident sind, mit einem der spektakulärsten Dopingfälle der Sportgeschichte konfrontiert. Eigentlich hätte Rogge jubeln müssen, wenigstens innerlich, denn offene Gefühlsregungen sind ihm relativ fremd. Andererseits: Wer erklärt den Gastgebern der Spiele, die unter titanischem Aufwand doch noch planmäßig durchgeführt werden können, schon gern, dass sie ihren besten Athleten, ihren Nationalhelden, der die olympische Flamme entzünden sollte, aus dem Team nehmen sollen? Auf eine andere Lösung läuft der Fall des 200-Meter-Olympiasiegers Kostas Kenteris und seiner Trainingsgefährtin, der 100-Meter-Europameisterin Ekaterini Thanou, kaum heraus.Rogges Aufregung war deutlich zu sehen. Er dürfte er gespürt haben, dass mit dem Fall Kenteris/ Thanou die Resultate der Mühen vieler Jahre auf der Kippe stehen. So lobte er erstmal die "Vorbereitungen unserer griechischen Freunde" auf das Mega-Sportfest, sagte, dass er darüber glücklich sei, alle 202 Nationen in Athen zu sehen. Doch dann war es mit dem Spaß vorbei. Es begann eine Fragerunde, die wenig ergiebig war, weil Rogge auf alle Erkundungen nach dem Stand der Ermittlungen mehr oder weniger dasselbe antwortete: "Das IOC hat eine Disziplinarkommission eingesetzt, die sich mit dem Fall befasst. Auf deren Empfehlung hin wird das IOC-Exekutivkomitee eine Entscheidung fällen. Vorher kommentiere ich nichts."So ging das in einem fort. Mehrmals nahm Rogge die Kopfhörer ab und beriet sich mit seiner Kommunikationschefin Giselle Davies und dem Australier Kevin Gosper, Chef der IOC-Medienkommission. Dann wurde es Gosper zu bunt. Er ließ keine Fragen nach dem Kenteris-Skandal mehr zu. Noch am Abend, als er mit dem griechischen Staatspräsidenten Kostis Stephanopoulos und der Olympia-Organisationschefin Gianna Angelopoulos-Daskalaki im Stadion zur Eröffnungsfeier erschien, wirkte er merkwürdig angeschlagen. Doch mittlerweile dürfte sich auch in jenen Bereichen, die für Nachrichten über die Abgründe des Hochleistungssports wenig empfänglich sind, herumgesprochen haben, dass Kenteris und Thanou seit vielen Jahren die Dopingfahnder narren. Vorläufiger Höhepunkt, bis zum Donnerstag, war ein Aufenthalt in Katar vor einem Jahr. Eigentlich hatte das Duo den Dopingfahndern eine griechische Insel als Trainingsort angegeben. Die Sache flog auf, weil kurz vor der amerikanischen Invasion im Irak der Luftraum über Doha gesperrt war. Kenteris konnte nicht ausfliegen, und so landete ein Foto von dem im Wüstenstaat wartenden Olympiasieger in einer griechischen Zeitung. Mit einer Verwarnung kam er sehr glimpflich davon.Nun wurde tagelang darüber orakelt, wo er sich diesmal aufhalten könnte. Mexiko, Südafrika und Chicago waren im Gespräch. Dem griechischen Chef de Mission wurde tatsächlich Chicago mitgeteilt. Eine seriöse Athener Gazette fuhr aber Zeugen auf, wonach Kenteris und Thanou in den vergangenen vier Wochen gar nicht im Ausland, sondern in Lechaio bei Korinth gewesen sein sollen. Am Freitag erklärte der Schwede Arne Ljungqvist, Chef der IOC-Medizinkommission, nun überraschend, das anrüchige Duo habe vergangene Woche in Chicago eine Dopingprobe verweigert. Schon wieder. Doch nun der Reihe nach.Sondersendungen im TVAm Donnerstagnachmittag tauchten Kenteris und Thanou tatsächlich im Olympischen Dorf auf. Laut ihrem Trainer Christos Tsekos sollen sie auf dem Weg von Chicago nach Athen in Deutschland einen Zwischenstopp eingelegt haben, wo sich Kenteris von seinem Arzt behandeln ließ, dessen Identität bis Freitagnachmittag nicht geklärt werden konnte. Sie checkten gegen 15.45 Uhr ein im Dorf und hinterließen einen fahrigen, beinahe ängstlichen Eindruck. Keine zwei Stunden später wurde ihr Quartier von IOC-Dopingfahndern aufgesucht. Vergeblich. Die Kontrolleure beschwerten sich beim griechischen Chef de Mission, Jannis Papadoyiannakis, der wiederum den Boss der Leichtathleten benachrichtigte. Dieser gab an, Kenteris und Thanou am Handy erreicht zu haben. Sie seien unterwegs nach Hause, um ein paar Sachen zu holen und baten um Aufschub der Dopingprobe. Danach waren die Athleten nicht mehr zu erreichen. "Der Sinn einer unangemeldeten Kontrolle besteht aber darin, den Sportler zu überraschen und ihm unverzüglich die Blut- oder Urinprobe abzunehmen", sagt Helmut Digel, Vizepräsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF. "Wenn jemand Aufschub braucht, dann hat er die Zeit unter Beobachtung der Kontrolleure zu verbringen. Nur so kann das Kontrollsystem funktionieren."Die Nachricht von den quasi geflüchteten Stars machte in Windeseile die Runde. Sämtliche griechische TV- und Rundfunksender unterbrachen mit Sondersendungen ihre Programme. Ein Land war in Aufruhr, die Olympia-Organisatoren und das IOC ebenfalls. Nur Kenteris und Thanou blieben still, wollen nach Auskunft ihres journalistischen Freundes Socrates Golias keinerlei Informationen erhalten haben. Kurz vor Mitternacht sollen sie dann auf einer Küstenstraße in Glyfada, weit vom Olympischen Dorf entfernt am anderen Ende der Stadt, vom Motorrad ihres Trainers gefallen sein. Eine Unfallmeldung ging in keiner Polizeistation ein, wohl aber meldeten sich die beiden kurz darauf im KAT-Krankenhaus von Kifissia, wieder einige Kilometer vom angeblichen Unfallort entfernt. Die Klinik gab in einem offiziellen Bulletin für Kenteris vier und für Thanou drei leichte Verletzungen an. Auf der linken Körperseite, wie es hieß. Das Motorrad, das am Abend gefunden wurde, hatte Unfallspuren auf der rechten Seite. Zunächst hieß es, ihre Teilnahme an den Spielen sei nicht in Gefahr. Am Freitagmorgen allerdings, nachdem der IOC-Mitarbeiter Patrick Schamasch im Beisein des griechischen Gesundheitsministers den beiden die Vorladung zur Anhörung durch die IOC-Disziplinarkommission übergeben hatte, muss sich ihr Befinden schlagartig verschlechtert haben. Vergeblich warteten die IOC-Kommissare Thomas Bach, Sergej Bubka und Dennis Oswald im Hilton-Hotel. Auch diese Anhörung wurde verschoben - auf Montag.Die FürsprecherWenige Stunden vor der Eröffnungsfeier erklärte der Vorstand des griechischen NOK, am Sonnabend um 15 Uhr Ortszeit über den Fall verhandeln zu wollen. Als wahrscheinlich galt zu diesem Zeitpunkt, dass man Kenteris und Thanou nicht für die Spiele zulassen wird. In Erklärungsnot geriet allerdings zunehmend auch NOK-Chef Lambis Nikolaou: Er soll laut Aussagen griechischer Reporter mit der Olympia-Organisationschefin Gianna Angelopoulos-Daskalaki dem des Dopingbetrugs verdächtigen Kenteris versprochen haben, dass er keine Kontrolle zu fürchten habe, wenn er nur endlich ins Olympische Dorf einziehe - rein symbolisch, damit die Kritik aus dem Ausland endlich ein Ende habe. Kurz zuvor sollen angeblich die US-Amerikaner, die zuletzt im Focus der internationalen Dopingbekämpfer standen, gefordert haben, endlich auch Kenteris hartnäckig zu verfolgen. Griechische Medien berichteten allerdings am Freitag, auch US-Sprinter Maurice Greene sei seit 10. August eine Dopingkontrolle schuldig.Der Fall der beiden griechischen Athleten ist zu einem sport- und innenpolitischen Skandal geworden. Er hat die Dimension des Falls Ben Johnson - der kanadische 100-Meter-Weltrekordler war 1988 in Seoul nach seinem Wunderlauf überführt worden. Die Athener Zeitung Ethnos formulierte drastisch: "Am Fundament Olympias ist eine Bombe mit vielen Megatonnen Sprengstoff detoniert." Regierungssprecher Theodoros Roussopoulos formulierte milder: "Es ist gewiss kein amüsanter Zwischenfall." Das kann man so sagen.------------------------------Ein Fall für Krisenstäbe // Regelverstoß: Die Verweigerung einer Dopingprobe wird nach Artikel 2 des seit Januar 2004 gültigen Welt-Anti-Doping-Codes als Verstoß gegen die Anti-Dopingbestimmungen klassifiziert. Die Sperre beträgt mindestens drei Monate, höchstens zwei Jahre.Disziplinarkommission: Das IOC hat ein dreiköpfiges Gremium gebildet, um die Fälle Kenteris und Thanou zu erörtern. Den Vorsitz hat der Deutsche Thomas Bach übernommen. Beisitzer sind der Schweizer Denis Oswald und der Ukrainer Sergej Bubka.------------------------------Foto: Griechenlands Katastrophe: Am Morgen des Eröffnungstags der Spiele beherrschte der Fall Kenteris/Thanou die Schlagzeilen. "Das Blut gefror den Griechen in den Adern", schrieb Eleftheros Typos. "Am Fundament Olympias detonierte eine Bombe", stellte die Zeitung Eleftherotypia fest.------------------------------Foto: Im Krankenhaus: Kostas Kenteris ist nach einem Motorrad-Unfall bis Sonntag stationär untergebracht.