SKALA SKAMNIAS - Die alte Frau steht da wie festgewurzelt, neben einer Feuerstelle mit Resten von verkohltem Holz. Sie hält einen langen Ast in die Höhe, an dessen Ende eine Schwimmweste in grellem Orange flattert. Es ist stürmisch. Das Meer tobt. Die Gischt klatscht an die Felsen. Und die Frau steht einfach da und hält ihre leuchtende Fahne in den Wind. Ihr Haus liegt direkt an der unbefestigten Küstenstraße, etwas außerhalb des Dorfes. Vor dem kleinen Stall meckert eine Ziege. Unter den Olivenbäumen scharren Hühner. Nachts macht die Bäuerin vor ihrem Haus ein Feuer an. Sie signalisiert den Flüchtlingen, wo das Wasser flach ist, wo sie anlanden können. Ihren Namen mag sie nicht nennen. „Ich bin nicht wichtig“, sagt sie.

Nur neun Kilometer Wasser, mehr trennt hier Asien nicht von Europa. Die griechische Insel Lesbos liegt weit weg von Athen, direkt vor der türkischen Küste. Vier Fünftel der Mittelmeerflüchtlinge kommen in Griechenland an. In den ersten zehn Monaten dieses Jahres waren es über 550 000, und über die Hälfte von ihnen gingen in Lesbos an Land, die allermeisten am 15 Kilometer langen Küstenabschnitt zwischen Skala Skamnias und Molivos im Norden der Insel – da, wo die alte Frau steht, die ihren Namen nicht nennen mag und mit ihrer improvisierten Flagge den Flüchtlingen den Weg weist.

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