Vielleicht ist es besser für uns, dass Grigory Sokolov nur etwa alle zwei Jahre nach Berlin kommt, um hier öffentlich Klavier zu spielen. Seine Konzerte sind im Grunde unerträglich, weil sie einem klar machen, wie ekel, schal und flach der größte Teil der Musikbetreiberei im Vergleich dazu ist. Sokolov muss etwas über Musik wissen, das über die Technik ihrer Hervorbringung, über die Ordnung des Tonsatzes, über das historisch Richtige weit hinaus geht. Etwas, worüber heute selten geredet oder geschrieben wird, vielleicht aus der Angst heraus, sich lächerlich zu machen. Etwas, das einen aus der alltäglichen Umlaufbahn des Lebens reißt. Am Sonnabend war Sokolov in der Philharmonie. Zwischen den Haydn-Variationen von Brahms und der 3. Symphonie Schumanns, beide mild, gelassen und daseinsfroh dirigiert von Trevor Pinnock, spielte der russische Pianist mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Mozarts A-Dur-Konzert KV 488. Aber was er spielte, hörte man zunächst nicht. Er begleitete das Orchester im Eröffnungstutti, ganz im Sinne der ursprünglichen Generalbass-Praxis, doch er verstärkte dessen Klang dadurch nicht. Er machte ihn nur noch leiser, schien die Tasten stumm niederzudrücken, als wolle er die ungehörten Töne befühlen. Was im Marmor schläftVon Michelangelo weiß man, dass er besessen war von der Sehnsucht, zeigen zu können, was im Marmor schläft, ohne den Meißel ansetzen zu müssen. Jedes Kunstwerk trägt die Möglichkeit seiner Nicht-Existenz und seines Verschwindens in sich. Und es liegt, wie George Steiner in seiner "Grammatik der Schöpfung" schreibt, im tiefsten Innern der künstlerischen Form eine Trauer, eine Spur von Verlust: "Die Form hat im Potential des Nicht-Seins einen ,Riß' hinterlassen, sie hat das Reservoir dessen verringert, was hätte sein können". Sokolov hat am Sonnabend nicht nur jene Musik befühlt, die im Schweigen schläft, er hat auch der klingenden Musik erlaubt, ihren Wunsch nach dem Verschwinden zu äußern. In der Durchführung des ersten Satzes wenden die Bläser zu Beginn das Geschehen nach e-Moll. Sokolov antwortete mit leisem Wechselnotenrascheln, das das Dunkel, aus dem es kam, rasch wieder aufsuchte. Von diesem Rückzugsverlangen haben sich Trevor Pinnock und die Musiker des DSO ganz grundsätzlich angehen, ergreifen lassen und eine Musik hervorgebracht, die nur noch Fingerzeig ins Nicht-Klingende war.Das Flüchtige dieses Musizierens jedoch konnte gar nicht mit dem Beiläufigen oder Nachlässigen verwechselt werden. Sokolov widmete sich jeder einzelnen Sechzehntelnote in Mozarts Girlanden mit einer Zuwendung, als gälte es, ganz kleine Menschen behutsam durch ihr kurzes Leben zu führen. Dieser Pianist muss Töne als lebendige Wesen begreifen, denen gegenüber er zu verantworten hat, dass sie nicht vergebens in den Klang gerufen wurden. Betulich, ängstlich oder verkrampft wirkt das allerdings nie. Auch am Sonnabend durfte die Musik am Schluss einfach Quatsch machen, sich austoben, durch die Modder hopsen, bis die Klamotten verdreckt waren. Nicht umsonst zu leben heißt ja nicht, immer nur verhuscht sein zu müssen.Es hatte keine Plakate, keine Anzeigen für dieses Konzert gegeben, trotzdem war es schon Tage vorher ausverkauft. Sokolov spielte noch zwei Scarlatti-Sonaten als Zugabe, die Orchestermusiker blieben wie festgezurrt auf dem Podium sitzen. Die Streicher applaudierten nicht, wie sonst, durch Klopfen mit den Bögen gegen die Pulte. Sie hatten ihre Instrumente weggelegt, um wie das Publikum zu klatschen. Als sich nach der Pause die Körper der Musiker bei Schumanns "Rheinischer Symphonie" von Anfang an ekstatisch wiegten, merkte man: Sie hatten sich verwandelt.Ausstrahlung des Konzerts am 24. April, 20.05 Uhr im Kulturradio (RBB)