Beim Filmfestival von Cannes erfährt man allerlei Interessantes, aber auch Erstaunliches: Die Hollywood-Schauspielerin Eva Mendes, bekannt aus diversen Action-Filmen und romantischen Komödien, soll demnächst die Operndiva Maria Callas verkörpern - in einem Film über deren Liebesaffäre mit dem Reeder Onassis, der "Greek Fire" (!) heißt. Der chinesische Kino-Star Chow Yun-Fat wird den Philosophen Konfuzius spielen in einer Kinoproduktion, deren Titel noch nicht feststeht, aber hoffentlich weniger peinlich ist. Der Däne Lars von Trier, dessen wahnhaft misogyner Wettbewerbsbeitrag "Antichrist" ausgebuht wurde im Palais des Festivals, hält sich für den besten Regisseur der Welt: "Ich fühle das einfach", erklärte er während der Pressekonferenz. Das bedeute jedoch nicht, dass er "Antichrist" für seinen besten Film halte. Das ist das Erfolgsgeheimnis unserer Zeit: sich selbst vor möglichst großem Publikum gnadenlos überschätzen - auch darin ist von Trier ein ganz moderner Regisseur. Einer, der sich monströses Selbstbewusstsein tatsächlich leisten könnte, sieht es selbstironisch. Francis Ford Coppola ist derzeit mit seinem Leben zufrieden: "Verglichen mit meinem Idol Orson Welles geht es mir hervorragend. Ich bin nicht nur schlanker als er", stellte der 70-Jährige in Cannes fest, "ich bin auch reicher."Wenn viele Exzentriker zusammen kommen, ist der Unterhaltungswert groß für den Beobachter - auch weil ein Exzentriker natürlich den anderen zu übertreffen sucht. Während Lars von Trier schon fast Geschichte ist an der Croisette (allerdings träumt man seinetwegen immer noch schlecht), hockt Quentin Tarantino schon in den Startlöchern; seine "Inglourious Basterds" laufen am Mittwoch im Wettbewerb. Im Affenzahn, sprich in nur acht Monaten, hat der US-Amerikaner den Film beenden müssen, um in Cannes dabei zu sein, aber das sei es wert gewesen, denn "Le Festival" - das sei der "kinematographische Olymp" schlechthin.Vier ehemalige Palmen-Gewinner konkurrieren im Wettbewerb dieser 62. Filmfestspiele von Cannes, was schon mal eine seltene Leistungsdichte versprach. Und da Jane Campion, Ken Loach und Lars von Trier nun zwar beachtliche, neue Regiearbeiten vorgelegt haben, aber doch keine Offenbarungen, erwartet man auch von Tarantino keine Wunder mehr.Pedro Almodóvar erzählt in "Broken Embraces" vom filmischen Erzählen: davon wie sich eine Kinogeschichte als Stoff entwickelt, welche Form dieser Stoff annimmt im Verlaufe der Arbeit und wovon diese Form nun wieder berichtet jenseits der Handlung. Es geht in Almodóvars neuen Film um einen Filmregisseur, der so mit seiner Arbeit und seiner Muse identifiziert ist, das er seinen Namen ändert, nachdem er beides verloren hat. Harry (LLuis Homar) hatte eine Affäre mit seiner Hauptdarstellerin Lena (Penélope Cruz), als er noch Mateo hießt, doch beider Verhältnis wurde Lenas altem und reichem Lebensgefährten - fatalerweise auch Mateos Produzent - hinterbracht und zwar von dessen Sohn. Der hatte die heimliche Leidenschaft auf Film festgehalten, weswegen er sich noch 14 Jahre später "Regisseur einer Dokumentation" nennt, die seinerzeit einen Rachefeldzug des verschmähten Sugar Daddys bewirkt hat. Inzwischen ist Lena längst bei einem Autounfall gestorben, den Mateo zwar überlebt hat, bei dem er jedoch erblindete - was ist absurder, aber auch tragischer als ein blinder Filmregisseur?!Almodóvar will sehr viel in seinem Künstler- und Liebesdrama unterbringen, nicht nur das Verhältnis von Leben und Kunst, von Regisseur und Produzent, von einer Geschichte und der Deutungshoheit über sie, sondern auch das Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen. Es kommt dann so, dass der Spanier zwar nie den großen Plan seines souverän konstruierten Films aus den Augen verliert, diesem aber ein wenig die Lebendigkeit fehlt, die einen erst berührt. Eine Art Verteidigung hat Almodóvar gleich eingebaut in "Broken Embraces": "Filme müssen beendet werden, wenn es sein muss blind", sagt Mateo.Auch "Vincere", der Wettbewerbsbeitrag von Marco Bellocchio, huldigt dem Kino. Der italienische Regisseur thematisiert hier das in Deutschland wenig bekannte Schicksal von Ida Dalser, einer Geliebten Benito Mussolinis, die der Duce zusammen mit dem gemeinsamen Sohn ins Irrenhaus sperren ließ, als sie einen Platz an seiner Seite als First Lady forderte. Beide, Ida und der Sohn, starben in der Anstalt. Bellocchio inszeniert Idas Drama als opulente Märtyrergeschichte; Archivbilder aus dem Italien zwischen 1907 und 1945 sind zwischen die Spielszenen geschnitten, wie um historische Authentizität zu beglaubigen, und die Figuren gehen selbst gern ins Kino - sogar in dem Feldlazarett, in dem Mussolini seine Verletzung im Ersten Weltkrieg auskuriert, werden Filme gezeigt. Das alles zeugt von viel Liebe zur Geschichte jenes Mediums, das Cannes feiert. Zutiefst bedauerlich ist jedoch, dass sich Bellocchio nicht recht dafür interessiert, welchen politischen Überzeugungen denn seine Heldin anhängt. Dass Ida nicht von Mussolini (Filippo Timi) lassen will, hat hier eher mit dessen Qualitäten als Liebhaber zu tun; den Körper der wunderschönen Giovanna Mezzogiorno als Ida würdigt die Kamera ausgiebig.Liebe und Horror - die Grundmotive des Wettbewerbs machen auch "Vincere" aus. Ein Anwärter auf die Goldene Palme ist dieser Film nicht, da gilt immer noch Jacques Audiard mit "Un Prophéte" als Favorit. Es wäre die zweite Goldene Palme in Folge für Frankreich.------------------------------"Verglichen mit Orson Welles geht es mir hervorragend. Ich bin nicht nur schlanker als er, ich bin auch reicher." Francis Ford Coppola------------------------------Foto: Film im Film: Hier eine Szene, die in Pedro Almodóvars "Broken Embraces" öfter gedreht wird. Vorn: Penelope Cruz, hinten: Carmen Machi