NEURUPPIN. Er lächelt, als er in den großen Saal des Landgerichts in Neuruppin geführt wird. Dann nickt er in den Zuschauerraum, hebt die Hände und winkt. Es sind nicht wenige, die zurückgrüßen. Olaf Kamrath wirkt sympathisch. Wären da nicht die Handschellen an seinen Gelenken.Olaf Kamrath, einst Vorzeige-Unternehmer in Neuruppin, CDU-Abgeordneter im Stadtparlament, Vereinspräsident des Fußballvereins SV Union Neuruppin. Einer, der die Frauen reihenweise "um die Finger wickeln" konnte, wie ein Bekannter von ihm sagt. Nun sitzt er im vollbesetzten Saal und wartet. Er wartet auf das Urteil, das über ihn und sechs mitangeklagte Männer an diesem Tag gesprochen werden soll. Denn der 38-jährige Kamrath war kein ehrenwerter Bürger, sondern Chef der so genannten XY-Bande. Ein Mann, der hinter den Kulissen der beschaulichen Fontanestadt ein Imperium aus Drogen, Prostitution und illegalem Glücksspiel aufgebaut hatte.Als der Vorsitzende Richter Gert Wegner das Urteil verkündet, stöhnen die Leute im Gerichtssaal entsetzt auf. Olaf Kamrath muss für zwölf Jahre ins Gefängnis. Er hat sich, wie Wegner sagt, in 41 Fällen schuldig gemacht - beim bandenmäßigen Handel mit Kokain in nicht geringen Mengen, beim unerlaubten Glücksspiel, mit Bestechung. Eine verminderte Schuldfähigkeit wegen Kamraths Kokain-Sucht sieht der Richter nicht. Drei Mitangeklagte müssen für neun und acht Jahre hinter Gitter, zwei weitere Männer für sechseinhalb und drei Jahre. Nur ein Versicherungsmakler wird frei gesprochen. Zudem werden 76 000 Euro aus Kamraths Vermögen sowie rund 830 000 Euro aus dem Bestand einer Firma eingezogen, die von mehreren Angeklagten geführt wurde.Mit den Urteilen findet der größte Fall von Organisierter Kriminalität in Ostdeutschland nach 83 Verhandlungstagen seinen Abschluss. Nach Ansicht des Gerichts hat die etwa 1997 gegründete Bande über Jahre hinweg kiloweise mit Kokain gehandelt und in ihren Spielotheken illegale Glücksspiele veranstaltet. Das Motiv war der Traum vom schnellen Geld. Das Kokain besorgten sich Bandenmitglieder aus den Niederlanden. Ihr Hauptquartier war Frankis Bar in Neuruppin, später umbenannt in Blue Banana. Die Bar wurde von einem der Mitangeklagten geführt. Dort wurde nicht selten das Kokain im Spülkasten der Damentoilette versteckt.Man sei eine große Familie gewesen, hatte Kamrath einmal erklärt. Eine Familie, die städtische Beamte bestach und sich einen korrupten Polizisten hielt, der geplante Razzien verriet. Kamrath hatte sich für seine illegalen Geschäfte ein riesiges Netzwerk aufgebaut - vom Rechtsanwalt bis zum Taxifahrer, vom Chef des Grundstücksamtes bis zur Angestellten der Gewerbeaufsicht. Viele in der Stadt wussten von den illegalen Machenschaften.Kamrath, der aus einer alteingesessenen Neuruppiner Familie kommt, konnte im Oktober 2003 Mitglied der CDU werden, "obwohl es offen Gerüchte gab, dass er sein Geld nicht nur mit Spielhallen, sondern auch mit Bordellen und Drogen verdiente", sagte Richter Wegner. Die Aufnahme in die Partei und die Tatsache, dass Kamrath kurz darauf ins Stadtparlament gewählt wurde, nennt der Richter die "Krönung" in Kamraths Karriere.Der einstige Unternehmer habe Verhältnisse aufgebaut, die durchaus an mafiöse Strukturen erinnerten. Das Kennzeichen der Bandenmitglieder, die die Buchstaben XY auf ihren Autokennzeichen führten, war ein einheitlicher Siegelring. Trotzdem sei die Gruppe keine kriminelle Vereinigung gewesen, so Wegner. Dafür habe in dem langen und schwierigen Prozess der Nachweis nicht erbracht werden können. Es wurden auch nicht alle zur Last gelegten Straftaten geahndet. Das habe weniger daran gelegen, dass die Angeklagten in diesen Fällen unschuldig seien, sagt Wegner. Vielmehr hätten Zeugen die Auskunft verweigert - viele aus Sympathie zu Kamrath, manche aus Angst. Die Angeklagten selbst hätten sich nicht selbst belastet und nur wenig zugegeben. "Eine Lebensbeichte hat keiner abgegeben", sagt Wegner.In der Urteilsbegründung kritisierte der Richter Polizei und Staatsanwaltschaft. Die hätten die Gruppe schon viel früher hochnehmen können. Im Mai 2000 hätten die Ermittler Kamrath beim Verkauf von 500 Gramm Kokain observiert. Letztlich flog die Bande erst vier Jahre später auf - im August 2004.------------------------------Razzia vor zwei JahrenDie XY-Bande. Mit einer großen Razzia und zahlreichen Festnahmen beendete die Polizei am 18. August 2004 das Agieren der sogenannten XY-Bande in Neuruppin. Ermittelt wurde ge- gen rund 100 Personen.Der Name. Die Bande erhielt ihren Namen, weil alle Mitglieder die Buchstaben XY auf ihren Autokennzeichen führten. Alle Bandenmitglieder trugen gleichartige schwere Siegelringe.Der Boss. Kopf der Bande, der Pate, war der CDU-Stadtverordnete Olaf Kamrath. Er galt als erfolgreicher "Geschäftsmann", wurde Chef des Fußballvereins SV Union Neuruppin.Der Vorwurf. Die hierarchisch aufgebaute Bande organisierte seit Mitte der 90er-Jahre im großen Stil u.a. Drogenhandel, illegales Glücksspiel und Immobilienhandel. Das kriminelle Geflecht reichte bis in die Behörden und die Polizei. Geschätzter Gewinn: 2,4 Mio. Euro.Der Prozess. Am 3. Mai 2005 begann vor dem Landgericht gegen neun Angeklagte der größte Prozess wegen organisierter Kriminalität in Ostdeutschland.Die Urteile. Sechs Angeklagte erhielten gestern nach mehr als 80 Prozesstagen zum Teil hohe Haftstrafen. Der Hauptangeklagte Kamrath muss zwölf Jahre ins Gefängnis, zwei andere Rädelsführer je neun Jahre. Ein Angeklagter kam frei. Schon im August und Oktober 2005 erhielten zwei Angeklagte je vier Jahre Haft. Mehrere Unterstützer wurden bereits in anderen Verfahren verurteilt.------------------------------Foto: Schäferstraße in Neuruppin: Die Köpfe der XY-Bande sanierten die Häuserzeile und trafen sich im "Blue Banana".------------------------------Foto: Olaf Kamrath, der Boss der Bande, muss für zwölf Jahre ins Gefängnis.