BEIRUT. Er thront an der Stirnseite eines weitläufigen Saals, umgeben von rund einem Dutzend Beratern, Übersetzern, Assistenten. Großayatollah Muhammad Hussein Fadlallah, der hochrangigste schiitische Geistliche des Libanon, zählt zu den wichtigsten Religionsführern der islamischen Welt. Der 72-Jährige wirkt sehr schmal, ein zartgliedriger Greis mit zerfurchter, fast durchsichtiger Haut, er trägt ein langes graues Gewand und den schwarzen Turban, der ihn als Sayyed ausweist, als direkten Nachfahren des Propheten Mohammed.Gäste empfängt er im Akkord: Sein maßgeblicher Einfluss zieht seit 30 Jahren Scharen von Journalisten, Diplomaten, Vermittlern zu seiner streng bewachten Residenz am südlichen Rand von Beirut. Experten zufolge hat er über Jahrzehnte als geistiger Führer der militanten Islamistenbewegung Hisbollah agiert. Der Geistliche tritt bescheiden und frei von Überheblichkeit auf. Als seine Besucher eintreten, hebt er den Kopf, lächelt freundlich und wendet sich ihnen mit betonter Höflichkeit zu. Sein Ausdruck, in dem die milde Gelassenheit eines alten Mannes liegt, steht im Kontrast zu seinem stechend scharfen Blick. Es scheint, als vermesse er sein Gegenüber bei jeder Frage neu.Bekenntnis zur GewaltStimmungen, selbst seinen Zorn, hat er im Griff wie ein rhetorisches Werkzeug: Er gibt sich nachsichtig, sanft, nur um sich einen Moment später klar zur Gewalt zu bekennen. Er kennt die vorherrschende Einstellung der westlichen Welt zu den Angriffen, die militante Palästinenser auf Israel verüben; seine Rechtfertigung bringt er nur umso emphatischer vor. "Der Westen nimmt hin, dass Israel mit seinen technologisch hochentwickelten Waffen Zivilisten tötet, warum also nicht, dass die Palästinenser mit ihren Mitteln das gleiche tun?", ruft er aus. "Unglücklicherweise endet für Amerika und einige europäische Staaten das Recht auf Freiheit dort, wo es von Muslimen eingefordert wird."Fadlallah hat sich Zeit seines Lebens jeder Einordnung entzogen: In weiten Teilen der islamischen Welt gilt er als Sozialreformer, dessen moderne, liberale Ansichten konservative Muslime zutiefst schockieren. Viele westliche Beobachter hingegen sehen ihn als Prediger des Hasses, als Führer der radikalsten Gruppe innerhalb der schiitischen Glaubensgemeinschaft. Als ein Palästinenser in einer Talmudschule in Jerusalem im März vergangenen Jahres acht Studenten ermordete, verkündete er während des Freitagsgebets in seiner Moschee: "Diese heldenhafte Tat beweist, dass die Mudschahedin in Palästina in der Lage sind, die Zionisten hart zu treffen." Im Gespräch bekräftigt er diese Aussage: "Ich sage: Es war eine heroische Tat, weil sie Israel begreiflich macht, dass seine Massaker Gegenangriffe auslösen."Fadlallah ist ein achtsamer Sprecher mit durchdachten Gesten. Als Eiferer, der zum Heiligen Krieg gegen den Westen aufruft, will er sich nicht verstanden wissen. Zwar erklärt er Selbstmordattentate für zulässig - jedoch nur unter einer Bedingung: wenn sie sich gegen eine Besatzungsmacht richten. Demnach haben die Palästinenser in Israel das Recht, Anschläge zu verüben, die Extremisten im Irak hingegen nicht. "Am liebsten wären wir Freunde mit allen Staaten, auch mit Amerika", betont er. "Ich würde auch gerne daran erinnern, dass ich zu den Ersten zählte, die die Anschläge vom 11. September in New York verurteilt haben."Fadlallah selbst hätte eigentlich längst tot sein sollen: Er war das Ziel jener Autobombe, die im Frühjahr 1985 im Süden von Beirut 80 Menschen tötete. Doch er verspätete sich an jenem Tag und entging somit der Explosion. Mehrere andere Attentate in den darauffolgenden Jahren schlugen ebenfalls fehl. Einmal blieb sogar eine Patronenkugel im Stoff seines Turbans stecken.Die CIA soll für die Mordversuche verantwortlich sein - Fadlallah zählte für die Vereinigten Staaten zu ihren gefährlichsten Feinden, seitdem 1983 durch einen Bombenanschlag auf die Unterkünfte der US-Marines im Libanon 241 Menschen getötet wurden. Dem Großayatollah wird vorgeworfen, diesen Angriff in Auftrag gegeben zu haben.Unter den Schiiten des Libanon hingegen wird Fadlallah verehrt wie ein Popstar; er ist als brillanter Theologe und meisterlicher Rhetoriker bekannt. Aber er ist auch für sein humanitäres Engagement hoch angesehen. In den vom Staat vernachlässigten schiitisch bewohnten Gegenden des Landes ließ er Religionsschulen, Krankenhäuser, Büchereien sowie Kulturzentren errichten.Seine Laufbahn schien ihm von Geburt an vorausbestimmt: Als Sohn eines prominenten Geistlichen aus dem Südlibanon wurde Fadlallah 1935 im irakischen Nadschaf, einem zentralen schiitischen Pilgerort, geboren. Dort besuchte der Junge renommierte religiöse Schulen und erwarb sich den Ruf eines hochbegabten, wenn auch aufsässigen Wunderkindes. Schon im Alter von zwölf Jahren gab er ein eigenes Literaturmagazin heraus. 1966 zog der damals Dreißigjährige in den Libanon.Sein Aufstieg begann dann in den 70er-Jahren, in den blutigen Wirren des libanesischen Bürgerkriegs. Im ärmlichen, marginalisierten Süden von Beirut fielen seine feurigen Reden, seine politisch motivierte Version des Islam, seine Rhetorik des Widerstandes auf extrem fruchtbaren Boden.Unklar bleibt bis heute jedoch, welche Rolle er tatsächlich innerhalb der Hisbollah gespielt hat. Er selbst streitet jede offizielle Verwicklung mit der Schiitenmiliz ab. Fest steht nur, dass der Geistliche für die "Partei Gottes" sprach, seitdem sie sich zu Beginn der 80er Jahre als Widerstand gegen die damalige israelische Besatzung des Libanons formierte.Gesichtslose Kämpfer führten die Akte der Gewalt aus, die Attentate, Geiselnahmen und Flugzeugentführungen. Doch es war Fadlallah, der die Wut der Hisbollah zu Predigten verarbeitete. "Die Taten der Hisbollah verliehen Fadlallahs Worten Gewicht und trugen seine Stimme von seiner Kanzel in die ganze Welt", schreibt der amerikanische Islamwissenschaftler Martin Kramer. "Fadlallahs Worte interpretierten und rechtfertigten die Taten der Hisbollah und wandelten konfusen Argwohn in disziplinierten Widerstand um."Nach Einschätzung von Beobachtern haben sich Fadlallah und die Islamistenbewegung jüngst voneinander distanziert. Unter anderem sollen Fadlallahs äußerst kontroverse Fatwas für Befremdung unter anderen Hisbollah-Klerikern gesorgt haben.In seiner Arbeit konzentriert der Geistliche sich auf ganz alltägliche Fragen im Bereich Ehe und Familie. Auf seiner Website können sich Gläubige direkt an ihn wenden. "Ist es Frauen erlaubt, sich leicht zu schminken, etwa mit Kajalstift, wenn sie in die Öffentlichkeit gehen?", fragt eine junge Schiitin. Der Großayatollah antwortet: "Es ist nicht verboten, Kosmetik zu benutzen, wenn diese nicht zu offensichtlich ist. Es ist jedoch besser, es nicht zu tun."Ein ausgewanderter Libanese schreibt: "Meine Frau ist besorgt, weil die deutsche Gesellschaft das Tragen des Schleiers ablehnt. Deswegen kann sie nicht als Lehrerin arbeiten. Können Sie uns bitte einen Rat geben?" - "Sie darf ihren Schleier nicht abnehmen, außer es ist absolut notwendig. Wenn sie nicht arbeitet, könnte sich das negativ auf ihr Leben auswirken", lautet die Antwort.Spaß an der KonfrontationMehrfach hat sich der Ayatollah für das Recht von Frauen ausgesprochen, außerhalb ihres Haushalts einem Beruf nachzugehen, und sogar als Richterin zu arbeiten, was nach islamischem Recht traditionell verboten ist. Besonders mit einer Fatwa sorgte er für Entrüstung unter konservativen Muslimen: "Eine Frau kann auf körperliche Gewalt, die ihr von ihrem Ehemann zugefügt wird, zur Selbstverteidigung mit Gegengewalt reagieren" - mit anderen Worten: Sie soll zurückschlagen.Für derartige Ansichten ist er von Radikalen immer wieder beschimpft und bedroht worden. Das schüchtert Fadlallah nicht ein. Im Gegenteil, der Geistliche scheint seinen Spaß an der Konfrontation, am Bruch von Konventionen zu haben. "Als Gott den Menschen erschuf, gab er ihm die Fähigkeit, frei zu denken", sagt er. "Gleichzeitig tragen wir damit die Verantwortung für unsere Entscheidungen."------------------------------Die Partei GottesHisbollah ist arabisch und heißt "Partei Gottes". Die radikalislamische schiitische Hisbollah hat sich im Libanon dem Kampf gegen Israel bis zur "Herrschaft des Islams" über Jerusalem verschrieben. Sie entstand 1982 mit iranischer Unterstützung während der israelischen Invasion Libanons. Iran schickte damals mehrere hundert Angehörige revolutionärer Garden in den Libanon.Die auch von Syrien unterstützte Hisbollah soll etwa 3 500 bis 5 000 aktive Kämpfer haben. Als Israels Armee im Sommer 2006 in den Libanon einmarschierte, konnte sich Hisbollah-Chef Scheich Hassan Nasrallah mit seiner Miliz gegen die überlegenen Streitkräfte Israels halten. Die Araber feierten ihren ersten Sieg. Nasrallah wurde über Nacht ein Volksheld.Die Organisation tritt auch als Partei auf, die eigene Schulen, Krankenhäuser und Supermärkte betreibt und so das Leben der armen schiitischen Bevölkerung in Süd-Libanon stark beeinflusst. Sie steht auf der US-Liste der Terrororganisationen. Seit 1992 ist die Hisbollah auch im libanesischen Parlament vertreten. Zurzeit stellt sie den Arbeitsminister in der Regierung.------------------------------Foto: Gott gab den Menschen die Fähigkeit, frei zu denken, predigt Fadlallah.