BERLIN, im November. Die große Koalition war 1966 ein dreiviertel Jahr im Amt, da drohte die gute Stimmung zwischen den Regierungspartnern Union und SPD zu kippen. In seinem Urlaubsort Kressbronn am Bodensee gewann Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) bei der Lektüre von Zeitungen und Lageberichten den Eindruck, sein Vizekanzler Willy Brandt (SPD) nehme es mit der Kabinettsdisziplin nicht so genau. Was der Außenminister in der Deutschland- und Ostpolitik plane, so argwöhnte Kiesinger, gehe weit über die Regierungserklärung hinaus.Spazieren und baden gehenAls ihm Mitarbeiter und Parteifreunde aus Bonn auch noch berichteten, das Vorhaben einer mittelfristigen Finanzplanung komme nicht so recht voran, entschloss sich Kiesinger, Willy Brandt zu einem klärenden Gespräch in sein Feriendomizil einzuladen. Am 29. August 1966 reiste der SPD-Chef an, begleitet vom stellvertretenden Partei- und Fraktionschef Herbert Wehner, den der Kanzler als diskreten Dialogpartner schätzte. Mit von der Partie war auch CDU-Generalsekretär Bruno Heck.Der Gastgeber bemühte sich um eine lockere Atmosphäre. Man ging spazieren, badete gemeinsam im See und genoss die schwäbische Küche. Dabei kamen sich die Koalitionäre menschlich und politisch näher. Zumindest vorübergehend. In den beiden folgenden Tagen gesellten sich weitere Politiker von SPD und Union hinzu, unter ihnen die beiden Fraktionschefs Helmut Schmidt und Rainer Barzel. Auch mit ihnen erzielte Kiesinger "volle Einigkeit", wie in einer Erklärung festgehalten wurde.Nach dieser harmonischen Begegnung lag der Gedanke nahe, das Treffen in Bonn fortzusetzen. So geschah es. Der "Kressbronner Kreis," damals noch mit ß geschrieben, traf sich zunächst sporadisch, später einmal, zuletzt sogar mehrmals in der Woche im Palais Schaumburg, um Kabinettspläne zu besprechen und mit den Regierungsfraktionen abzustimmen. Dieser informelle Zirkel entwickelte sich zum wichtigsten Regierungs- und Koalitionsgremium des ersten schwarz-roten Bündnisses. Eine Schaltstelle, in der zwar keine verbindlichen Beschlüsse gefasst, aber Kompromisse vorbereitet wurden.Der Kreis, von der Öffentlichkeit als Nebenregierung und "Küchenkabinett" beargwöhnt, kam dem Führungsstil Kiesingers entgegen. "König Silberzunge," wie der rhetorisch brillante, aber oft entscheidungsschwache Schwabe genannt wurde, liebte den Gedankenaustausch mit profilierten Köpfen. Aber der "wandelnde Vermittlungsausschuss," so ein anderer Titel Kiesingers, strapazierte zuweilen die Geduld der Teilnehmer mit ausschweifenden Monologen. Als sich der Kreis mit zunehmenden Spannungen in der Koalition zur Schlichtungsstelle von persönlichen Querelen und politischen Konflikten wandelte, verlangten Politiker beider Seiten mehr Effizienz.Eines Tages im Dezember 1968 verließ SPD-Fraktionschef Helmut Schmidt den Kressbronner Kreis vorzeitig. Er habe Wichtigeres zu tun, so gab er zu verstehen, als Stunden um Stunden in einem Debattierklub zu sitzen, ohne dass dabei tragfähige Lösungen herauskämen. Ihm folgte sein CDU/CSU-Amtskollege Rainer Barzel. Der Abgang blieb nicht ohne Konsequenzen. Der Zirkel der Mächtigen wurde nun auf vier Personen von jeder Seite beschränkt. Auch das übliche gemeinsame Mittagessen wurde gestrichen.Die selbstbewusste Haltung des Gespanns machte deutlich, wie sich die politischen Gewichte im Regierungsbündnis verschoben hatten. Längst hatten Schmidt und Barzel die Rolle von Krisenmanagern übernommen, die dem angeschlagenen Bündnis Halt gaben und dafür sorgten, dass gemeinsame Vorhaben über die parlamentarischen Hürden kamen. Konflikte und Meinungsverschiedenheiten gab es ab Mitte 1968 zuhauf. Über die Ostpolitik, den Atomwaffensperrvertrag, die bevorstehende Wahl des Bundespräsidenten, ein neues Wahlrecht und die Aufwertung der D-Mark. Der anfängliche Schwung der Regierung, mit dem die Rezession überwunden und der Haushalt saniert werden konnten, drohte in Stillstand überzugehen. Selbst ein Bruch der Koalition schien nicht mehr ausgeschlossen.Pragmatische FraktionschefsBarzel und Schmidt wurden zu Schlüsselfiguren. Die Parlamentarier, beide Pragmatiker mit einer Fähigkeit zu schnellen und präzisen Entschlüssen, hatten ihre Fraktionen, ohne sie zu kritiklosen Claqueuren zu degradieren, fest im Griff. Auf kurzem Draht räumten die beiden starken Männer geräuschlos Probleme aus dem Weg. Weil sie aus Erfahrung wussten, dass der jeweils andere zu getroffenen Vereinbarungen steht, hielt ihre Partnerschaft auch in kritischen Situationen allen Belastungen stand.Gewiss, es gab in der Großen Koalition auch andere Personalgespanne, die gut zusammen arbeiteten. Etwa Finanzminister Franz Josef Strauß (CSU) und Wirtschaftsminister Karl Schiller (SPD). Aber die anfangs gedeihliche Kooperation von "Plisch und Plum" ging zu Ende, noch bevor sich die Koalition mit der Bundestagswahl auflöste. Das Duo Schmidt-Barzel, die stabile Achse der großen Koalition, bewährte sich aber bis zuletzt. "Wir waren Kollegen, die sich immer auf das Wort es anderen verlassen konnten", sagte Schmidt über seinen Partner. "Daraus ist Freundschaft geworden - zum Missvergnügen mancher Leute in der SPD wie auch in der CDU." Und Barzel antwortete einmal auf die Frage, wie er das Land im Falle einer Kanzlerschaft regiert hätte, mit nur drei Worten: "Wie Helmut Schmidt."------------------------------Foto: Führten von 1966 bis 1969 eine große Koalition: Kurt Georg Kiesinger (CDU) und Willy Brandt (SPD)