Großer Wurf: Die Neuköllner Oper zeigt "Leben ohne Chris": Ohne Bier ertragen sie die Zukunft nicht

Zwei Tage nach seinem achtzehnten Geburtstag steigt Chris auf den Roller seiner älteren Schwester und bricht auf in einen taufrischen Augustmorgen mit graublauem Himmel. Später wird seine Schwester am Küchenfenster stehen und darüber wüten, dass sie seinetwegen zu spät zur Arbeit kommt und ihren Job riskiert, weil ihr Bruder wieder ungefragt mit ihrem Roller davongerast ist. Es ist ein so dermaßen normaler Tag, dass Chris schwören könnte, er habe ihn im vorletzten Sommer schon mal erlebt. Aber damals hatte er nicht geahnt, dass es in zwei Jahren sein letzter Tag sein würde. Dass da plötzlich dieser Baum stand, der größer wurde, "größer und grüner, überall Baum. Der fing ihn auf". Mit einem donnernden Geräusch fliegt Chris auf die Bühne.So genau, in einer gleichermaßen unpathetischen wie anrührend selbstverständlichen Alltagssprache beschreibt das Musical "Leben ohne Chris" den Unfalltod des Mitschülers, Grafitti-Stars, Bruders, Geliebten und Kumpels Chris. Die Trauer und das Unfassbare des Vorgangs klingen immer wieder an ("Wir gehn ins Kino, und er liegt in dieser Kiste und keiner ist bei ihm!"). Doch es ist kein Stück über den Tod geworden, sondern eins über das Leben und seinen Sinn.Dafür hat sich der Autor Peter Lund vergnüglicher Kunstgriffe bedient. Chris befindet sich nämlich in einem Zwischenstadium - noch nicht ganz im Himmel, aber auch nicht mehr auf Erden. Er ist unter den anderen, aber die können ihn nicht sehen. So muss er mit anhören, wie sie über ihn reden in dieser Mischung aus Anbetung und Verachtung. Denn irgendwie liebten ihn alle, diesen selbstsicheren, potenten Alleskönner, und sie hassten ihn zugleich als verlogenen, unzuverlässigen Angeber. So einer war Chris - er vernaschte selbst die Freundin seines Bruders. Nachts besprühten er und seine Gang die Wände mit Grafitti, die sein Vater tagsüber renoviert hatte.Erinnerungen an sein vergangenes Leben und auch ein paar Ausblicke auf die Zukunft der Clique ziehen an Chris vorbei wie kurze Videosequenzen, aufgerufen im Laptop von Erzengel Michael. Diese androgyne Lichtgestalt mit blondem Engelshaar hatte den Unfalltoten im Jenseits in Empfang genommen und mit ihm die Frage erörtert, warum er eigentlich älter werden wolle als 18? Ja warum? Wo er doch vorher schon alles Scheiße fand, wie man deutlich in seinen Blogs nachlesen konnte.Was soll man sagen - Peter Lund ist wieder ein großer Wurf gelungen. Nach Stücken über junge Eltern, Arbeitslose und Neuköllner hat er erneut eins über das Leben geschrieben, über das von jungen Menschen. Man kann nur staunen, wie gut er sich auskennt mit ihrer Sprache, ihren Ritualen, mit ihrem Selbsthass. Und mit ihrer Hilflosigkeit zu sagen, was sie wohl von der Zukunft erwarten ("Klar denk ich an die Zukunft / denn das ist meine Pflicht / doch ohne ab und zu ein Bier / ertrag ich das nicht...").Den zehn glühenden Musicaldarstellern von der Hochschule der Künste wurden diese Rollen offenbar auf den Leib geschrieben, so konnte jeder von ihnen Glanznummern hinlegen - darstellerisch, stimmlich oder tanzakrobatisch wie Chris und sein Engel (Christopher Brose und Tobias Bieri). Aber auch Sebastian Alexander Stipp als kleinem Bruder gelingt mit seinen hochgezogenen Schultern, dem unsteten Blick und dem schiefen Grinsen ein grandioser uncooler Verlierertyp. Das alles passiert zu einer herrlich altmodischen Rockmusik mit klarem Beat von Wolfgang Böhmer, ergänzt durch einige zarte Balladen für hohe weibliche Stimmen. Sehr funktional, wie auch die Bühne (Ulrike Reinhard), die mit zwei einfachen schiefen Ebenen einen phantastischen Raumeindruck entstehen lässt - mit Himmel, Erde und wolkigem Himmelspförtchen. Wenn man junge Menschen heute für Theater begeistern will, dann so.------------------------------Neuköllner Oper: 4., 5., 9.-12., 16.-19., 23.- 24., 26.-30.4. 20 Uhr Tel. 68 89 07 77------------------------------Foto : Noch nicht im Himmel und nicht mehr auf der Erde: Chris (r.) und Erzengel.