In Kriegen gibt es oft symbolträchtige Orte, an deren Schicksal sich zugleich das große Ganze erkennen lässt. Der Flughafen von Donezk ist solch ein Ort. Seit der ukrainischen Präsidentenwahl am 25. Mai flammen dort immer wieder blutige Kämpfe zwischen prorussischen Separatisten und Regierungstruppen auf. Längst sind die Schlachten im Osten der Ukraine zu einem unerklärten Krieg eskaliert.

Seit Mittwoch rückt die Armee in einer Großoffensive gegen Donezk und Lugansk vor. Beide Seiten beklagen viele Opfer. Nach nicht überprüfbaren Angaben der Konfliktparteien starben in den vergangenen drei Tagen bis zu 200 Menschen.

Poroschenkos kompromisslose Reaktion

Der Flughafen, den die Regierungstruppen kontrollieren, ist dabei wieder zu einem Brennpunkt geworden. Die Separatisten beschießen den Airport aus Raketenwerfern. Dabei hat er keine besondere strategische Bedeutung mehr. Der Luftverkehr ist seit dem 26. Mai eingestellt. Damals hatten die Separatisten den Flughafen im Handstreich eingenommen. Der gerade gewählte Präsident Petro Poroschenko kündigte eine kompromisslose Reaktion an. Die Armee bombardierte den Airport daraufhin aus Kampfjets und eroberte ihn zurück. Seither geht es am Flughafen um die grundsätzliche Frage, wer in der Ostukraine „Herr im Haus“ ist, wie Poroschenko es formuliert.

Die Separatisten stellen mit Unterstützung aus Moskau noch immer das Gewaltmonopol des ukrainischen Staates fundamental in Frage. Derzeit sieht es zwar so aus, als könnten Poroschenkos Truppen die Oberhand gewinnen. Im Zuge ihrer Großoffensive scheint es ihnen zu gelingen, Donezk und Lugansk einzukesseln und an der Grenze zu Russland die Kontrolle zu übernehmen. Die Armee eroberte seit Mittwoch weitere wichtige Stützpunkte wie die Stadt Sewersk. Zugleich aber gibt es auf der russischen Seite der Grenze wieder Truppenbewegungen, wie die Regierung in Kiew am Freitag mitteilte.

Wie verlässlich diese Angaben sind, ist unklar. Es gibt nur wenige unabhängige Meldungen aus dem Kampfgebiet. Die meisten internationalen Beobachter und Korrespondenten haben die Region verlassen. Warum das so ist, machte am Freitag ein Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International deutlich. Seit dem Umsturz in Kiew seien in der Region nicht nur Militärs und Aufständische, sondern auch Hunderte Zivilisten „entführt, brutal geprügelt und gefoltert“ worden, prangert Amnesty an. Die zum Teil exzessive Gewalt entlud sich auch gegen Journalisten und Mitglieder internationaler Beobachtermissionen.

Vorwürfe an beide Seiten

Die Hauptverantwortung weist Amnesty den prorussischen Separatisten zu, denen es nicht nur darum gehe, den Gegner zu bekämpfen, sondern auch „die Zivilbevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen“. Allerdings hat Amnesty auch Fälle aufgelistet, in denen Vertreter der Regierung beschuldigt werden, brutale Gewalt oder sogar Foltermethoden angewendet zu haben. Schläge und Misshandlungen in der Haft seien keine Seltenheit.

Zugleich herrscht in manchen Regionen der Ostukraine „ein Vakuum, was (staatliche) Autorität und Sicherheit angeht“, konstatiert Amnesty. Die Angst vor Entführungen und Folter sei bei den Menschen allgegenwärtig. Das ist auch der Grund, warum offenbar immer mehr Bewohner der Ostukraine ihre Heimat verlassen. Das UN-Flüchtlingshilfswerk geht von bis zu 200.000 Flüchtlingen aus der Region aus, von denen zwei Drittel ihr Heil jenseits der Grenze in Russland suchten. Russische Behörden sprechen sogar von einer halben Million Flüchtlinge.