Jeden Tag aufs Neue schieben sich Autos und Laster in den Kreisverkehr am Berliner Moritzplatz. In unmittelbarer Nähe gibt es kaum Geschäfte, nur eine Handvoll kühler Blockbauten und ein Umzugsunternehmen. Eine ziemlich triste Ecke im sonst so lebendigen Kreuzberg. Hinter dünnen Zaunstäben, vom Oranienplatz kommend linker Hand, verbirgt sich jedoch noch eine unbebaute, mit Büschen und Bäumen überwucherte Fläche, auf der es Interessantes zu entdecken gibt: Denn seit Kurzem sprießen hier auch Radieschen, Petersilie und Rüben aus fein säuberlich aufgereihten Kästen. Eine fast schon ländlich anmutende Szene vor urbaner Kulisse.Seit Juli dieses Jahres bauen zwei junge Männer auf der rund 6000 Quadratmeter großen Brache Gemüse an. Sie haben die Fläche mit Unterstützung einer Firma, die für sie bürgt, vom Liegenschaftsfonds Berlin für rund 2000 Euro monatlich gemietet, um dort ihr Projekt zu verwirklichen: Landwirtschaft mitten in der Stadt. "Ich habe die Idee von einer Kuba-Reise mitgebracht", sagt Robert Shaw, "dort wird in Städten Gemüse zur Selbstversorgung angebaut, die Erwachsenen geben ihr Wissen an die Kinder weiter und Nachbarn halten im Garten ihr Schwätzchen."In Deutschland verläuft so ein Gartenprojekt allerdings organisierter als im kubanischen Alltag. "Wir arbeiten zum Beispiel mit Kitas und Schulen zusammen, die hierher kommen, mit den Kindern Gemüse anbauen und es später gemeinsam verarbeiten." Im kommenden Frühling wollen sie zudem einen Teil ihres Bioanbaus in einem kleinen Laden auf dem Gelände verkaufen. Bereits jetzt gibt es schon ein Gartencafé mit Küche und, ein wenig versteckt, zwei Bienenstöcke. "In der Stadt sind Bienen besonders gut aufgehoben, weil sie viel mehr verschiedene Pflanzenarten vorfinden als in ländlichen Monokulturen", erzählt Shaws Mitstreiter Marco Clausen.Bereits seit Längerem gibt es in Berlin verschiedene Gartenprojekte, etwa in Friedrichshain oder am Gleisdreieck, die ganz ähnlich funktionieren. Sie empfinden die nordamerikanische Idee der städtischen Community Gardens nach und sind vor allem als Sozialräume bedeutsam. "Interkulturelle Gärten sind für Menschen mit Migrationshintergrund, die den Gemüseanbau aus ihrer Kultur oft gut kennen, Menschen mit geringem Einkommen und für Jugendliche wichtig", sagt Elisabeth Meyer-Renschhausen. "Sie finden dort eine sinnvolle Beschäftigung." Die Soziologin arbeitet unter anderem an der Freien Universität in Berlin und engagiert sich seit Jahren für Kleinstlandwirtschaft in der Stadt.Ungeachtet der großen versiegelten Flächen und dem stetigen Verkehr finden immer wieder engagierte Jungbauern einen Weg, dem städtischen Raum ländliche Qualitäten abzutrotzen: "Wir bauen unser Gemüse in Hochbeeten an und sind somit unabhängig von der Bodenbeschaffenheit", erklärt Marco Clausen. "Außerdem sind wir damit mobil und können unseren Garten auch woanders wieder aufbauen." Die Brachfläche dürfen die beiden Jungbauern nämlich nur so lange nutzen, bis ein Investor das Gelände kauft und sein Genehmigungsverfahren für die Bebauung abgeschlossen ist. Bis dahin können allerdings Jahre ins Land ziehen.Bislang sind Eigentümer nur selten von solchen Zwischennutzungen zu überzeugen. "Leider scheuen viele Eigentümer den imaginären Aufwand zur Rückwandlung der Flächen in Gewerbe- oder Wohnbauland", sagt Christoph Funk von der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. "Dabei ist urbane Landwirtschaft ein Potenzial für die Zwischennutzung von Brachflächen, zum Beispiel um sie vor Vermüllung zu bewahren", sagt Funk. Abgesehen davon hätten die Gärten einen hohen Erholungs- und Erlebniswert für die städtische Bevölkerung.Wie aber lässt sich eine nachhaltige Stadtentwicklung fördern? "Man muss die Investoren bei ihrem sozialen Gewissen fassen und dazu bringen, dass sie ihren Teil zur Klimaentwicklung beitragen", sagt Elisabeth Meyer-Renschhausen. "Die Räume sind als frischluft- und klimawirksame Ausgleichsräume von Bedeutung. Diese Aspekte werden mit Fortschreiten des Klimawandels noch an Relevanz gewinnen. Landwirtschaftsflächen wirken als Gebiete, in denen Kaltluft entsteht, insbesondere in heißen Sommern", meint auch Christoph Funk von der Senatsverwaltung.Auch wenn Ackerbau in der Hauptstadt ein Nischenthema ist, so nimmt die landwirtschaftliche Fläche derzeit immerhin 2250 Hektar ein. Das entspricht in etwa der Fläche von 3000 Fußballfeldern. Und die befindet sich nicht nur am Stadtrand: An den Hängen des Kreuzbergs wird bereits seit Mitte des 16. Jahrhunderts Wein angebaut. Und auch im Volkspark Prenzlauer Berg gibt es einige eifrige Winzer. Robert Shaw und Marco Clausen dürfen sich also in guter Gesellschaft fühlen. Und vielleicht finden sich künftig auch mehr Nachahmer, die unansehnliche Brachen in blühende -und fruchtbare -Landschaften verwandeln.------------------------------InfoPrinzessinnengartenInformationen zu Robert Shaws und Marco Clausens Gartenprojekt am Moritzplatz gibt es im Internet. www.prinzessinnengarten.netSenatZum Thema "Urbane Landwirtschaft als Instrument der Stadtentwicklung" stellt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ein informatives Dokument bereit. www.stadtentwicklung.de (>Natur + Grün >Landschaftsplanung >Stadtlandschaft Berlin -eine Analyse >Urbane Landwirtschaft)Interkulturelle GärtenDie Stiftung Interkultur informiert über interkulturelle Gärten in Berlin und gibt nützliche Hinweise für die Gründung neuer Gärten. Unerfahrene Hobbygärtner finden dort auch Tipps für den Anbau. www.stiftung-interkultur.deAnstiftung & ErtomisDie Stiftungsgemeinschaft Anstiftung & Ertomis informiert über deutschlandweite und internationale Projekte urbaner Landwirtschaft.www.anstiftung-ertomis.de------------------------------Foto: Mobile Beete: Seit Juli dieses Jahres bauen Robert Shaw und Marco Clausen auf einer Brache am Moritzplatz allerlei Gemüse an.Foto: In Prezlauer Berg und auf dem Kreuzberg (Foto) gibt es sogar Winzer.