Großstadtleben ist Pop: Die Amerikanerin Sarah Morris im Hamburger Bahnhof: Die Raster des Luxus und der Moden

Es ist eine Malerei der Oberfläche, eine Kunst des perfekten Scheins und des modernen Lebens. Die amerikanische Künstlerin Sarah Morris beschreitet die Pfade des späten Mondrian und der Farbfeldmaler, aber auch der Pop Art und der Op Art, sie greift konzeptuelle Aspekte auf und die Neo-Geometrie der Achtziger. Ihre Gemälde sind schimmernde Apotheosen der Großstadt, die wenig aussprechen und viel andeuten. Wie nur wenige sonst, etwa Jeff Koons Konsum-Retabel, passen diese Bilder zur Hightech-Architektur unserer Tage, zu Mode und Design, zur Warenkultur und zur Unterhaltungsindustrie. So steht es ihrer Kunst nicht entgegen, dass Morris im vergangenen Jahr das Star-Model Kate Moss für das Titelbild der britischen "Vogue" gestaltete und fotografierte. Kommerzieller Glamour ist heute für Künstler kein Feindbild mehr.Von 1999 bis 2000 war die Künstlerin als Philip-Morris-Stipendiatin zu Gast in der American Academy Berlin. Sie bezog ein Atelier im Künstlerhaus Bethanien, nun richtet ihr der Hamburger Bahnhof eine Ausstellung aus. Doch sind die gezeigten Werke von ihrem Berlin-Aufenthalt nicht beeinflusst - ganz anders als bei Jenny Holzer, die ihre Zeit an der American Academy zur Erarbeitung ihrer Schriftband-Installation in der Nationalgalerie nutzte und dabei gezielt auf den Berliner Kontext einging. Morris einziger, wohl eher zufälliger Berlin-Bezug liegt darin, dass sie mit Washington einer anderen Hauptstadt nachspürt - "Capital" heißt die Ausstellung.Morris eroberte in den frühen neunziger Jahren auf Anhieb den Kunstmarkt mit gleißend-monochromen Tafeln, die wie Plakate einzelne Worte tragen, zeichenhafte Reduzierungen wie "Girls" oder "Johnny", irgendwo angesiedelt zwischen Joseph Kosuth und Jeff Koons. Dann begann sie, amerikanische Städte, zunächst New York und Las Vegas, mit dem Fotoapparat und der Videokamera zu durchstreifen, scheinbar wahllose Eindrücke zu sammeln und diese auf der Leinwand geometrisch zu reduzieren. Als Abstraktionen sollte man die gerasterten, vergitterten Gebilde nicht bezeichnen, denn Morris leitet sie in einem strengen Verfahren aus ihren Fotografien und Standbildern ab; deren Grundstrukturen bleiben erhalten, austauschbar ist hier wenig.Am Computer bringt Morris die Vorlagen auf ihre wesentlichen Linien und Flächen, fügt dann aber neue Perspektiven, Verkürzungen und Spiegelungen hinzu. Die so gewonnenen Raster und Gitter füllt sie mit kräftigen Pop-Farben, zuweilen auch getrübten Tönen im Retro-Stil. Design und Zeitgeist schwingen immer mit. Das Material, ein hochglänzender Haushaltslack, verleiht den Oberflächen strahlende Tiefe und den Tafeln Objekthaftigkeit. Dass der Bezug der Bilder zur Stadt keine Spielerei ist, illustrieren die Titel: Sie verweisen auf große Hotels, politische Gebäude und öffentliche Plätze.Ihre Video-Eindrücke aus Washington verarbeitete Sarah Morris auch zu einem Film. Sein elektronischer, seriell und minimalistisch aufgeladener Sound, eingerichtet von ihrem Künstler-Ehemann Liam Gillick, beschallt den gesamten Ausstellungssaal und vermittelt zwischen den Video- und den Tafelbildern. Der Film ist eine merkwürdig affirmative Huldigung des Großstadtlebens, kühl und perfekt, fern jeder politischen Aussage. Im Takt der Musik und in schneller Folge wechseln die unkommentierten Eindrücke: Straßenverkehr, die Jogger auf der Mall, Menschen im Hotel und auf dem politischen Parkett, das Weiße Haus, Präsident Clinton und sein Hubschrauber. Es ist eine kunstvoll komponierte Doku-Oper, ähnlich etwa Godfrey Reggios Bild-Musik-Montage esoterischer "Koyaanisqatsi" über den Zustand der Welt, wenngleich ohne dessen apokalyptische und gesellschaftskritische Züge.Sarah Morris Beobachtungen sind in fast dekadenter Weise ästhetisch, sie verdichten das moderne Leben auf reine Formen, die sie mit kühler Faszination monumentalisiert. Ironie gibt es hier nicht, dafür überdeutliche Anleihen aus der Werbung, der Mode und dem Design - die Welt, in der sich die Erben der Pop Art heute unbeschwert bewegen.Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50-51, bis 15. Juli. Di, Mi, Fr 10-18, Do bis 22, Sa/So 11-18 Uhr. Der englisch-deutsche Katalog kostet 68 Mark.OKTAGON-VERLAG Strukturalistische Reduktion von Washington: "Federal Triangle", 2001