Rainer Hildebrandt, der Gründer des Berliner Museums "Haus am Checkpoint Charlie", ist tot. Er starb nach schwerer Krankheit am Freitagmorgen im Alter von 89 Jahren. "Rainer Hildebrandt hat sich Zeit seines Lebens für Freiheit und Demokratie eingesetzt", würdigte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) in einem Brief an Hildebrandts Witwe Alexandra (44) die Leistungen des Verstorbenen. Auch Bildungssenator Klaus Böger (SPD) erklärte, Hildebrandt habe mit dem Mauer-Museum vor allem Schülern aus aller Welt "einen Eindruck von den Verhältnissen in einem Unrechtsstaat" vermittelt. "Es wird immer sein Museum sein", sagte die Witwe Alexandra Hildebrandt am Freitag. Ihr Mann habe sich als Ehrenvorsitzender bis vor kurzem um die Einrichtung und den Trägerverein des Museums, die Arbeitsgemeinschaft 13. August, gekümmert. Alexandra Hildebrandt ist als geschäftsführende Vorsitzende tätig. "Ich werde noch mehr arbeiten, um seinem Anspruch gerecht zu werden", sagte sie.Hildebrandt hat sein Leben lang gegen totalitäre Systeme und für die Menschenrechte gekämpft. Als Sohn eines schwäbischen Kunsthistorikers und einer jüdischen Malerin verweigerte er sich schon als Student und junger Soldat der Diktatur. In der Nazi-Zeit lernte er Albrecht Haushofer kennen und kam in Kontakt zu dem Widerstandskreis um den 20. Juli. Wegen "Wehrkraftzersetzung" und Verbindungen zu den Widerstandsgruppen wurde Hildebrandt von der Gestapo 17 Monate lang inhaftiert. Doch er gab auch danach nicht auf: Nach dem Zweiten Weltkrieg baute Hildebrandt einen Suchdienst für politische Gefangene auf, als er von den Straflagern in der sowjetisch bestzten Zone erfahren hatte.1948 gründete Hildebrandt die antikommunistische "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit", die Informationen über Menschenrechtsverletzungen im Osten sammelte. Als die Gruppe später versuchte, mit Sabotage und Gewaltaktionen das Regime in Ostdeutschland zu stürzen, stieg Hildebrandt nach vier Jahren aus. Er war stets strikt für Gewaltlosigkeit.Vielen galt Hildebrandt als "Kalter Krieger" par excellence. Der raumgreifende und streitbare Mann machte aus seiner politischen Haltung keinen Hehl und sich den Kampf gegen totalitäre Systeme zur Lebensaufgabe. Nach dem Bau der Mauer im August 1961 zeigte er in einer Drei-Zimmer-Wohnung an der Bernauer Straße am 19. Oktober 1962 die Ausstellung "Es geschah an der Mauer". Wenige Monate später, am 14. Juni 1963, eröffnete er das Mauer-Museum am Kontrollpunkt Checkpoint Charlie, das zu einem der best besuchtesten Museen der Stadt Berlin wurde. Zwischen 800 und 2 000 Menschen kommen täglich in das Haus - auch heute noch -, um sich anhand von Fluchtfahrzeugen, Mauerresten, Uniformen, Dokumenten oder Filmen über die Unterdrückung in der DDR zu informieren. Gezeigt werden auch die Folgen der deutschen Teilung. Nach der Wende bemühte sich Hildebrandt, die Geschichten der Opfer aufzuarbeiten. Er brachte als einer der ersten Verfolgte und ehemalige Stasi-Mitarbeiter zusammen. Dass Hildebrandt es sich und seinen Mitstreitern nicht immer leicht machte, wurde in den Jahren 1998/1999 deutlich, als er einigen Mitarbeitern fristlos kündigte, ihnen Unterschlagung unterstellte und den ehemaligen DDR-Bürgerrechtler Wolfgang Templin aus dem Verein warf. Erst nach Gerichtsverfahren wurde der erbitterte Streit beigelegt."Ich werde niemals müde werden, das Unrecht aufzudecken", sagte Rainer Hildebrandt einmal. Er hat darum gebeten, auf dem Friedhof Alt-Moabit in Tiergarten beigesetzt zu werden - in unmittelbarer Nähe zu Albrecht Haushofer.Im Mauer-Museum an der Friedrichstraße 43 bis 54 in Kreuzberg liegt ein Kondolenzbuch aus."Rainer Hildebrandt hat sich Zeit seines Lebens für Freiheit und Demokratie eingesetzt. " Klaus Wowereit (SPD).BILDER EINES LEBENS Stationen // Rainer Hildebrandt wurde am 14. Dezember 1914 in Stuttgart als Sohn einer Malerin und eines Kunsthistorikers geboren. Seine Mutter war Jüdin. 1936 begann er ein Physik-Studium in seiner Heimatstadt, das er in Berlin fortsetzte.In Berlin freundete sich Hildebrandt mit seinem Lehrer Albrecht Haushofer an, der im Widerstand gegen Hitler aktiv war und von den Nazis ermordet wurde. Hildebrandt wurde 1943 von der Gestapo inhaftiert und saß 17 Monate im Gefängnis.Als der Krieg vorbei war, begann ihn nach und nach der Ost-West-Konflikt zu beschäftigen. 1948 gründete Hildebrandt die "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit". Diese hatte es sich zur Aufgabe gemacht, über Menschenrechtsverletzungen in der sowjetisch besetzten Zone und später in der DDR zu berichten sowie einen Suchdienst für politische Gefangene zu organisieren.Nach dem Mauerbau 1961 rief Hildebrandt die Arbeitsgemeinschaft 13. August (Arge) ins Leben, die Fluchthilfe betrieb und Anlaufstelle für DDR-Oppositionelle war. Hildebrandt berichtete, die Stasi habe in dieser Zeit mehrfach versucht, ihn zu entführen.Am 14. Juni 1963 eröffnete Hildebrandt das Mauermuseum "Haus am Checkpoint Charlie". Mit jährlich 600 000 Gästen gehört es zu den am häufigsten besuchten Museen Deutschlands. Zum 40-jährigen Jubiläum gratulierten US-Präsident Bush und die britische Königin Elisabeth II. In den letzten Jahren gab es aber auch Auseinandersetzungen über das Geschäftsgebaren von Museumschef Hildebrandt.Am Freitagmorgen starb Hildebrandt in Berlin nach einer schweren Krankheit im Alter von 89 Jahren.Foto: Rainer (l. ) und Hans Hildebrandt um 1930 in Stuttgart. Der Vater war Kunsthistoriker.Foto: "Es geschah an der Mauer" hieß die Ausstellung, die Hildebrandt (l. ) 1962 an der Bernauer Straße eröffnete.Foto: Chelsea Clinton besuchte 1994 das Mauermuseum. Daneben ist Hildebrandts Frau Alexandra (r. ) zu sehen.Foto: 1994 überreichte der damalige Bundespräsident Roman Herzog Hildebrandt das Bundesverdienstkreuz.Foto: Rainer Hildebrandt hat sein Leben lang gegen totalitäre Systeme gekämpft.