Hunderte Grundschüler in ganz Deutschland kennen Professor S., die Hauptperson des gleichnamigen Lernspiels. Was sie nicht wissen: Professor S. wurde in einem Gründerzeitbau in Berlin-Wedding erschaffen, an Schreibtischen unter Stuckdecken. Und zwar von der Firma Ludinc. Sie ist eines von 1500 Unternehmen der Gamesindustrie in Berlin und Brandenburg. Ludincs Mastermind ist Jan von Meppen, 45. Mit seinen kurzen Locken und der Brille sieht er ein wenig so aus wie die Hauptfigur seines Spiels, der Physiker Professor S.

Der Spiel-Wissenschaftler ist in großer Not: Seine Assistentin hat versehentlich zu früh den Knopf der Zeitreisemaschine gedrückt, deshalb werden die beiden jetzt von Jahrhundert zu Jahrhundert katapultiert, sie geraten in immer neue Abenteuer und in die Hände von Bösewichten, sie müssen Rätsel lösen und brauchen dazu die Hilfe der Kinder. Professor S. wendet sich mit Videobotschaften an die Mädchen und Jungen. Die Botschaften werden im Klassenzimmer entweder über das Internet oder mit einem speziellen Minicomputer, Zeitportal genannt, empfangen und per Beamer vergrößert. Die Kinder müssen für den Wissenschaftler verschiedene Aufgaben lösen. Die von Grundschulpädagogen entwickelten Aufgaben orientieren sich an den Lehrplänen der dritten und vierten Klasse, der Lehrer kann sie aus einem Katalog auswählen oder eigene formulieren. Zu lösen sind die Aufgaben in der echten Welt, es muss gemalt, gebastelt oder gerechnet werden, manchmal nimmt der Lehrer einen Film auf, ein anderes Mal schreiben die Kinder dem Professor eine Nachricht.

Die Lösungen und Botschaften werden per Internet oder „Zeitportal“ an die Zeitreisenden übermittelt. Die Antworten, die die Kinder bekommen, tragen zwar die Unterschrift des Professors, geschrieben aber hat sie der Lehrer, der hinter den Kulissen in dessen Rolle schlüpft. „Der Lehrer entscheidet selbst, wie oft er Professor S. einsetzt, ob einmal am Tag oder einmal die Woche“, sagt Spieleerfinder Jan von Meppen. Die Aufgaben seien so breit gefächert, dass das Spiel in jedem Fach eingesetzt werden könne.

Mit Crowdfunding zur Rentabilität

Lehrer äußern sich begeistert über das neue Lernmittel: „Die Kinder haben sich sehr viel Mühe gegeben, insbesondere Kinder mit Lernschwächen, bei denen ich das nicht erwartet hätte“, wird Katharina Heering von der Berliner Mark-Twain-Grundschule in den Ludinc-Unterlagen zitiert.

Mit dieser Reinickendorfer Grundschule hat von Meppen das Spiel von 2009 an zusammen entwickelt. Damals war er gerade nach Deutschland zurückgekehrt, zuvor hatte er 14 Jahre in den USA und in Großbritannien gelebt und als Produzent und Komponist fürs Fernsehen gearbeitet. Von dort hat er die Begeisterung für sogenannte alternate reality games mitgebracht – das sind Spiele, die reale und digitale Welt verbinden. So kam er auf die Idee für das „Echtweltspiel“ rund um Professor S. Als er der Leiterin der Mark-Twain-Grundschule davon berichtete, war sie begeistert. So kam es zu der Kooperation.

Zeitweise bis zu 14 fest angestellte und 15 freie Mitarbeiter entwickelten die Geschichten, tüftelten an den Aufgaben und produzierten die Videos. 1,6 Millionen Euro hat das gekostet. Noch hat Professor S. diese Kosten nicht eingespielt: 70 Klassen an 35 Schulen haben sich das Spiel im vergangenen Schuljahr geleistet. Eine Jahreslizenz kostet 89 Euro, der nicht zwingend nötige Minicomputer 189 Euro zusätzlich. Für das neue Schuljahr haben sich 25 weitere Schulen gemeldet. Auf der Gamescom wird Ludinc-Mitarbeiterin Ulrike Küchler versuchen, neue Kunden zu gewinnen. Rentabel werde das Spiel aber erst, wenn die Kinder es nicht nur in der Schule nutzten, sondern es auch für zu Hause bezögen, sagt von Meppen.

Diese Erweiterung bereitet das auf vier Festangestellte und eine Freie reduzierte Personal gerade vor, parallel versuchen sie, per Crowdfunding das nötige Geld zu akquirieren. Aber auch Investoren zeigten Interesse an dem Spiel, das im Juni Zweiter beim European Innovative Games Award wurde. Jan von Meppen hofft auch auf September: Da wird er Professor S. bei einer Konferenz im Silicon Valley vorstellen.