Manchmal ist es einfach Pech. Da lädt der Kreuzberger Grünen-Kandidat, wie kürzlich, mitten im Wahlkampf die türkische Presse ein, um für seine Migrantenpolitik zu werben, lässt im Szenelokal Hasir an der Adalbertstraße ein großzügiges Frühstück auftischen, hält frisch gedruckte türkischsprachige Wahlkampf-Flyer bereit - und dann kommt kaum einer. Denn just am selben Tag empfängt der Bundeskanzler persönlich deutschtürkische Unternehmer, weshalb auch die einschlägigen Medien von Hürriyet bis TD1 zum Spreebogen ziehen und nicht zum Kottbusser Tor. So sitzt Kandidat Christian Ströbele allein mit ein paar deutschen Lokaljournalisten vor Unmengen Fladenbrot, Humus, Schafskäse und Schwarztee. "Greifen Sie zu", sagt er und teilt seinen Flyer aus, den hier leider keiner lesen kann.Solche kleinen Terminpatzer können Özcan Mutlu nicht beeindrucken. Mutlu, 37 Jahre alt, ist auch ein Grüner, auch er kandidiert für den Bundestag, allerdings auf der Parteiliste, Platz Nummer vier. Im Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg macht der gebürtige Kurde zugleich Wahlkampf für Ströbele und für sich selbst. Mit einer tragischen Komponente: Sollte es Ströbele mit seiner Hilfe wie schon 2002 als einziger grüner Direktkandidat in den Bundestag schaffen, dann bleibt Mutlu mit Sicherheit wie bisher ein Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses; denn Ströbele, ohne Listenplatz, würde ihn verdrängen. Und es sieht gut aus für den 66-jährigen Urgrünen. Auch dank der erwartbaren Migrantenstimmen. "Bei denen liegen wir hier unangefochten vorne", sagt Mutlu.Unbekannt in der CommunityBeim letzten Mal war Ströbeles Vorsprung vor seinem SPD-Konkurrenten Andreas Matthae mit gut 3 800 Stimmen sehr knapp. Bei solch geringen Unterschieden bekommen gerade die auf rund 7 000 geschätzten türkischstämmigen Wahlberechtigten ein besonderes Gewicht. Nach Matthaes Suizid im vergangenen Jahr stellten die Sozialdemokraten im Kiez für die Bundestagswahl 2005 zum ersten Mal einen Migranten auf: Ahmet Iyidirli, der allerdings auch in der türkischen Community bisher kaum bekannt war. Er gibt sich natürlich selbstbewusst und sagt, er werde gewinnen. Doch die Prognosen, etwa vom Hamburger Institut "election.de", sehen ihn klar als dritten Sieger - hinter Ströbele und der Bezirksbürgermeisterin Cornelia Reinauer von der Linkspartei.Bundesweit neigen die schätzungsweise 450 000 wahlberechtigten Türken zu mehr als 60 Prozent der SPD und mehr als 20 Prozent den Grünen zu, nur 11 Prozent wählen CDU. Dies ergeben jedenfalls Umfrageanalysen der Wahl 2002. Bis zu 40 000 dieser Eingebürgerten leben in der Hauptstadt, bei ihnen könnten die Grünen noch besser abschneiden. Zumindest in Kreuzberg, wie der Grüne Mutlu glaubt. In der Gemeinde zähle Bekanntheit und Glaubwürdigkeit: "Ich komme aus Kreuzberg, jeder kennt mich, ich kenne jeden", sagt Mutlu. Und Ströbele gelte mit seiner Haltung zu Integration und EU-Beitritt als "Anwalt der Türken". Er könnte so die beiden wichtigsten Kreuzberger Milieus bedienen: die deutschen Linken und die türkischen Migranten. Was Letztere angeht, scheut die Partei keine Kosten: Eine deutsch-türkische Wahlkampfzeitung mit einer Auflage von 50 000 Stück ist schon vergriffen, neben ebensolchen Broschüren und Plakatsprüchen läuft an diesem Donnerstag sogar der Joschka-Fischer-Wahlspot im türkischen Fernsehen: Der Bundesaußenminister sinniert vor romantischer Almöhi-Kulisse mit Grashalmen in der Hand über die Welt - türkisch synchronisiert. "Das bringt sonst keiner", sagt Mutlu.Für die Linkspartei dagegen scheint der vermeintliche Coup, den Politologen Hakki Keskin, bis dato Chef der Türkischen Gemeinde Deutschland, auf der Liste abzusichern, ein Problem zu werden. Denn statt die Stimmen der Türken zu holen, vergrault er nach Meinung von Beobachtern eher die kurdische Stammwählerschaft der einstigen PDS. In Friedrichshain-Kreuzberg kostet dies die Kandidatin Reinauer sicher Stimmen - womöglich die entscheidenden.