BERLIN. Andreas Krieger ist hingegangen. Er wusste zwar, wie die Geschichte ausgehen würde, aber er war trotzdem neugierig. Also hat er sich auf die Zuschauergalerie gesetzt, Paul-Löbe-Haus, Saal 4 800. Unten tagten die Abgeordneten des Sportausschusses im Bundestag. "Ich habe gelangweilte Gesichter gesehen", sagt Krieger. Dabei war das Thema spannend, nicht nur für ihn, das Opfer des DDR-Dopingsystems. Die Grünen hatten den Antrag gestellt, die Dopingvergangenheit in Deutschland umfassend aufzuarbeiten.Keine individuelle VerantwortungWinfried Hermann, sportpolitischer Sprecher der Fraktion, war am Ende der Einzige, der dafür votierte. Die Vertreter der großen Koalition lehnten den Antrag ab. FDP und Linke waren bei der Abstimmung nicht mehr im Saal. "Niemand will, dass an der Vergangenheit gerührt wird", sagt Krieger, eine frühere Leichtathletin, die sich wegen der Folgen des Dopings einer Geschlechtsumwandlung unterziehen musste. "Medaillen zählen eben mehr als alles andere." Das sah Hermann genauso und verwies exemplarisch auf Olympia 1992 in Barcelona. Damals sei belastetes Personal aus der früheren DDR ohne Umschweife ins gesamtdeutsche Team integriert worden.Immer noch sind Protagonisten des alten Dopingsystems in deutschen Verbänden tätig. Jene fünf Leichtathletiktrainer etwa, die im April nach einer standardisierten Erklärung vom Sport und der Politik in Person des Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble die Absolution erhielten. "Immer, wenn Konsequenzen gezogen werden müssten", sagt Hermann, "wird der Schwanz eingezogen." Deshalb forderte seine Fraktion, an belastete Trainer und Funktionsträger gezahlte Steuergelder einzuklagen und diese den Opfern zu geben.Detlef Parr (FDP) und Klaus Riegert (CDU) zogen sich auf das Totschlagargument zurück, der Antrag der Grünen sei populistisch. Der Ausschussvorsitzende Peter Danckert (SPD) fand immerhin tadelnde Worte für die Erklärung der fünf Trainer: Jedem Satz darin habe die individuelle Verantwortung gefehlt. Der Parlamentarische Staatssekretär Christoph Bergner (CDU) verwies darauf, "dass keine Rückforderung von Mitteln vor einem Verwaltungsgericht Bestand hätte". Und natürlich führte auch Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, gute Gründe an, warum belastetes Personal im Amt bleiben solle: "Jeder hat eine zweite Chance verdient."Keine Reue am Runden TischDieser Rechtsgrundsatz war Klaus Zöllig vom Verein Doping-Opfer-Hilfe durchaus geläufig. "Allerdings sollte er nur gelten, wenn jemand aufrichtig Reue zeigt." Eine nichtssagende Standarderklärung zwanzig Jahre nach der Wende spricht kaum für ehrliches Bedauern. Ute Krieger-Krause, ehemalige Schwimmerin und Ehefrau von Andreas Krieger, hält deshalb auch nichts von der Idee eines Runden Tisches, an dem Trainer und Athleten von einst zusammenkommen.Zöllig hat das vorgeschlagen, Krieger-Krause erzählt, sie habe so eine Begegnung mit einem früheren Coach schon einmal gehabt, zufällig, in einem Fitnesscenter in Magdeburg. "Ich habe ihn auf das Thema angesprochen, doch er hat nur abgewunken." So einer, davon ist sie überzeugt, setzt sich nicht an einen Runden Tisch, um zu berichten, welche Dopingmittel er einst verabreichte. "Der ist vielleicht sowieso längst auf seiner Finca in Spanien", sagt Krieger-Krause.Ihr Mann betreibt mittlerweile in Magdeburg ein Geschäft für Militär- und Anglerkleidung. "Eine Kur", sagt Andreas Krieger, "das wäre mal nicht schlecht." Doch dazu wirft sein Laden zu wenig ab.------------------------------Foto: Winfried Hermann (Grüne)