BRÜSSEL. Mit einem europaweiten Recycling-System wollen die Grünen im Europäischen Parlament (EP) die Abhängigkeit der Industrie von den globalen Rohstoffmärkten mindern. Sie präsentieren heute eine Studie, die Experten des Freiburger Öko-Institutes in ihrem Auftrag erstellt haben. Die Untersuchung geht der Frage nach, wie ein funktionierendes Wiederverwertungssystem aufgebaut werden kann für Stoffe, die von strategischer Bedeutung für die Wirtschaft sind, deren Recycling sich für Unternehmen aber noch nicht rechnet. Das gilt vor allem für die sogenannten Seltenen Erden, die derzeit zu 97 Prozent aus China kommen.Bedarf steigt um 40 ProzentDer Bedarf an diesen Metallen wird, so die Freiburger Forscher, in den nächsten drei Jahren um mindestens 40 Prozent steigen. Das wird zu Versorgungsengpässen führen, denn die Regierung in Peking hat Exportrestriktionen angekündigt. Ohne die Seltenen Erden können viele grüne Technologien, die Umwelt und Klima schonen sollen, nicht produziert werden - etwa Motoren für Elektrofahrzeuge, Windturbinen und energieeffiziente Lampen. Auch die Wissenschaft warnt. "Für die Zukunft des Hochtechnologiestandorts Deutschland ist die Versorgung mit bezahlbaren Industrie-Rohstoffen von entscheidender Bedeutung", betont etwa Michael Scharp, vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung. Um sich aus der Abhängigkeit vom Reich der Mitte zu befreien, treiben die Industrienationen den Abbau der seltenen Erden auch anderswo voran. In den USA, in Australien und selbst im sächsischen Erzgebirge sollen Minen erschlossen werden. Sie werden die begehrten Metalle aber nicht so schnell liefern können, wie sie gebraucht werden.Um so wichtiger wird das Recycling von Seltenen Erden, dem aber in Europa derzeit noch kaum Aufmerksamkeit geschenkt wird. Das liegt zum einen daran, dass die Rohstoffe lange Zeit wegen des Fehlens von Umwelt- und Arbeitsschutzvorschriften in China sehr preiswert zu beschaffen waren, so dass sich der Aufbau eines Recyclings-Systems nicht rechnete. Hinzu kommt, dass die Europäer viele ausrangierte Waren in Entwicklungsländer verkaufen. Diese Produkte stehen für ein Ausschlachten gar nicht mehr zur Verfügung. "Recycling Seltener Erden ist in Europa völlig unterbelichtet", so der stellvertretende Fraktionschef der Grünen im EP, Reinhard Bütikofer. Die Japaner hingegen legten viel stärkeren Wert auf die Wiederverwertung der Metalle. Der Grüne ist sicher, dass die Studie des Öko-Instituts der Wiederverwertung Seltener Erden in Europa Impulse geben wird.Da in der EU die notwendigen Kenntnisse dafür kaum vorhanden sind, schlagen die Experten zunächst vor, dass sich alle Beteiligten - Wiederverwertungsfirmen, Branchen, die Rohstoffe brauchen, Politiker und Wissenschaftler - zu einem Netzwerk zusammenschließen. Das sei für den Aufbau eines funktionierenden Recycling-Systems entscheidend. Gleichzeitig plädiert das Öko-Institut für intensive Forschung, denn derzeit müssen europäischeWissenschaftler sich auf Daten etwa über die Verschrottungswege in einzelnen Branchen von Kollegen außerhalb Europas stützen.Da die Wiederverwertung Seltener Erden sich bislang nicht rechnet, wollen die Experten prüfen lassen, ob Investitionshilfen der Europäischen Investitionsbank das unternehmerische Risiko mindern können. Und schließlich: Da das Recycling einzelner Stoffe in der EU bereits gesetzlich geregelt ist, muss die Wiederverwertung Seltener Erden in die bestehenden Regeln integriert werden.Die EU-Kommission, die ihre Rohstoffstrategie in der vergangenen Woche vorstellen wollte, hat deren Präsentation überraschend verschoben. Möglicherweise wird sie übermorgen veröffentlicht. Nach allem, was bekannt geworden ist, misst auch sie dem Recycling stärkere Bedeutung bei. Auch die Brüsseler Behörde plädiert für Pilotprojekte und will durch ökonomische Anreize die Wiederverwertungsindustrie stärken. Damit ist die Kommission in einzelnen Punkten nicht weit von den Vorschlägen des Öko-Instituts entfernt.------------------------------Seltene ErdenMetalle: Der Name Seltene Erden führt in die Irre. In Wahrheit handelt es sich um Metalle, die gar nicht selten sind. In China werden sie konkurrenzlos preiswert gefördert, weil es dort nur minimale Arbeits- und Umweltschutzgesetze gibt.Unentbehrlich: 17 Elemente zählen zu den Seltenen Erden. Unentbehrlich sind sie für die Produktion von Starkmagneten, Batterien, Lasergeräten, Katalysatoren, Flachbildschirmen, Windkraftanlagen oder Mobiltelefonen.------------------------------Foto: Chinesischer Arbeiter mit einem Sack seltener Erde: Wegen der niedrigen Löhne ist die Ausbeutung des Metalls in dem Land konkurrenzlos günstig.