Die Zahl klingt dramatisch: „Jeder 2. Rentner bekommt weniger als Hartz IV!“, warnt die Bild-Zeitung auf ihrer Titelseite. Das stimmt. Irgendwie. Aber es ist maximal die halbe Wahrheit. Tatsächlich hat ein durchschnittliches Rentner-Ehepaar monatlich zwischen 2000 und 2500 Euro zur Verfügung. Natürlich gibt es auch Altersarmut. Aber mit den Methoden der Bild-Zeitung lässt sie sich nicht messen.

„Da wird schon wieder eine Sau durchs Dorf getrieben“, stöhnte ein Experte der Rentenversicherung am Dienstagmorgen. Tatsächlich hat die Bild-Zeitung die Jahresstatistik der gesetzlichen Alterskassen ausgewertet und schlägt mächtig Alarm: 48,22 Prozent der Alters- und Erwerbsunfähigkeitsrentner bekamen 2012 weniger als 700 Euro im Monat. Dieser Betrag steht bedürftigen Senioren als Leistung der Grundsicherung (Hartz IV für Senioren plus Miete und Heizkosten) zur Verfügung.

Lebt also jeder zweite Ruheständler unter der Armutsgrenze? Nein, sagt der Sprecher der Deutschen Rentenversicherung: „Die Rentenhöhe alleine kann keine Auskunft über die Einkommenslage von Rentenhaushalten geben.“ In die Statistik fließen nämlich alle Zahlungen ein: Die Hausfrau, die nur ein paar Jahre als Sekretärin gearbeitet hat und daraus einen Rentenanspruch von 70 Euro im Monat erworben hat ebenso wie der Facharbeiter, der jahrzehntelang ordentlich verdiente und nun monatlich 2000 Euro überwiesen bekommt. Auch Selbstständige, die nur kurz in das gesetzliche System eingezahlt haben und Arbeitnehmer, die später verbeamtet wurden, drücken den Durchschnitt nach unten.

Daher lohnt ein genauerer Blick: Der durchschnittliche Zahlbetrag der Alters-Rente lag 2011 in den alten Bundesländern bei 987 Euro für Männer und 495 Euro für Frauen. Im Osten waren es 1058 Euro für Männer und 711 Euro für Frauen. Schon hier zeigt sich, wie die höhere Berufstätigkeit von Frauen in den neuen Ländern statistisch wirkt. Künftig werden die Ansprüche für Frauen mit Kindern tendenziell eher steigen, weil die Kindererziehungszeiten seit 1992 höher gewertet werden.

Entscheidend für die reale Lebenssituation der Rentner ist aber ohnehin, wie viel sie insgesamt im Alter zur Verfügung haben. Und da kommen bei vielen Senioren noch Einkommen des Ehepartners oder aus anderen sozialen Sicherungssystemen hinzu. Dies berücksichtigt der Alterssicherungsbericht der Bundesregierung. Nach dieser Studie lag das durchschnittliche Netto-Haushaltseinkommen eines Rentner-Ehepaars 2012 im Westen bei über 2500 Euro und im Osten bei rund 2000 Euro.

Gleichwohl haben die Sozialverbände Recht, wenn sie vor einer drohenden Altersarmut in der Zukunft warnen. Denn in den kommenden Jahrzehnten werden diese Zahlen wegen der zunehmend gebrochenen Erwerbsbiografien und des Rückgangs von betrieblichen Zusatzversorgungen eher nach unten weisen. Doch aktuell müssen gerade einmal zwei Prozent der Altersrentner über 65 Jahre zusätzlich zu ihrer Rente noch Grundsicherung (Senioren-Hartz-IV) beziehen.
Zwei Prozent – dieser Anteil ist deutlich niedriger als in anderen Bevölkerungsgruppen. Und von den 50 Prozent, die die Bild-Zeitung suggeriert, doch relativ weit entfernt.